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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-01-07 · Heft 1 (7.1.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 1 (7.1.1844)
Date
1844-01-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ausgeprägt ist, weil es kaum drei ansehnliche Häuser, kaum zehn wahrhaft gebildete Familien gibt, weil die ganze Gemeinde eher das Bild einer ländlichen, als einer städtischen oder vielmehr residenzlichen darbietet. Doch wer die Geschichte Sachsens kennt, wer da weiß, welche Beschränkungen, ja welcher Druck dort Jahrhunderte lang ans den armen Juden lastete, dem wird die unerquickliche Erscheinung der hiesigen israelitischen Gemeinde nicht Wunder nehmen. Sachsen ist allerdings der Heerd der Reformation, der Schooß des Protestantismus, aber desjenigen Protestantismus. der mit Engherzigkeit, mit Glanbenszwang und Fanatismus sich paarte, dem die ächte Freiheit, die wahre Liebe abging, und dessen Fehler natürlich die armen Juden am meisten empfinden mußten, wie selbst die Katholiken vor noch nicht langer Zeit sie gleichfalls erfahren haben. DaS ist nun freilich in neuerer Zeit ganz anders geworden. In keinen(Lande war der Aufschwung des öffentlichen Geistes seit 1830 ein höherer als hier, in keinem hat er — wenn man die früheren Verhältnisse bedenkt — auch so bald sich mit Edelsinn, mit völliger Prcisgebung der alten Vorurtheile, der Rechtsansprüche der Juden angenommen, als hier; ja wenn man die hochsinnigen Aeußcrungen, welche hierüber in beiden Kammern vernommen wurden, mit der Engherzigkeit und den Vorurtheilen der Gesetzgebung vor kaum zwei Jahrzehnten vergleicht, so weiß man wahrlich nicht, ob man mehr sich über den riesenhaften Fortschritt der neuesten Zeit, als über das Jahrhunderte fcstgcbannte Vorurthcil der alten wundern soll. Doch das, was die Unbill einer so langen Zeit verschuldet hat, kann die Freundlichkeit einer noch so jungen nicht so bald wieder gut machen, und cs ist schon genug, daß die hiesigen Israeliten anfangen, das, was ihnen eine menschenfreundlichere Gegenwart bietet, fromm und weise zu nützen, daß ein besserer Sinn sich in ihnen regt, ein tieferes Gefühl ihrer Menschenwürde auch in ihrem noch verdüsterten Gemüthe aufzusteigen beginnt. — Aber sonderbar! die hiesigen Verhältnisse zeichnen sich vor allen andern noch dadurch aus, daß die bereits sichtbare Veredlung derselben, daß die Hebung der sogenannten practischen Anstalten fast lediglich von oben ausging. Es ist Einem, als hörte man die Machthaber selbst bekennen: Wir sind die Schuld des Unglücks, die Ursache der Krankheit, wir müssen auch den Balsam zur Wiedergenesung reichen. Die Negierung ist es, welche die Errichtung einer gut organisirten Schule hervorrief, die Regierung, welche der Gemeinde einen wissenschaftlich gebildeten Rabbinen gab, (der damalige Minister lernte nämlich den vr. Frankel in Töplitz kennen, und empfahl ihn der Gemeinde) und die Regierung, durch deren Hülfe die Gemeinde in den Stand gesetzt wurde, eine so wunderschöne Synagoge zu bauen. In der That, beim Eintritt in die Synagoge erinnert man sich wieder, daß man in Dresden, an dem Sitze der Musen, in der Stadt der Poesie und des Schönen sich befinde; sie ist ein wahres Kunstwerk, im edelsten byzantinischen Style gebaut, und auch der Gesang ertönt würdig in den harmonisch-wohlklingenden Tönen eines von einem Christen (wer hätte das vor zehn Jahren i» der Dresdner Gemeinde erwartet) geleiteten Chors. Aber unheimlich berührt Einen die todte Stille der Gemeinde, ihre scheinbar völlige Theilnahmlosigkeit an dem Gottesdienste, da es ihr noch zur Zeit verwehrt ist, laut mitzubeten, in einem ausgesprochenen, hörbaren Wort ihre Empfindungen gegen ihren Schöpfer auszudrücken, so daß kürzlich ein Fremder, der unsere Synagoge besuchte, sich den Witz erlaubte, das Gotteshaus sei im byzantinischen Style, die Gemeinde aber im aegyptischen erbaut, da sie so steif, laut- und regungslos dastehe, wie einst die Mumien jenes grauen, düsteren Landes. (Schluß folgt.) (AuS Amerika.) Meeresburg. — WaS die Juden hiesigen Landes betrisst, so tritt öfters Leichtsinn, aber nicht selten auch Unsinn an die Stelle wahrer Religiösität. So haben sie in Baltimore einen gewissen Reiß aus Würzburg, schief an Körper, wie an Geist, zum Rabbinen ausgenommen. In andern Gemeinden, wie in Philadelphia und Charleston, ist jedoch ein würdiger und geordneter Gottesdienst. In letzterer Stadt haben sie sogar eine über alle Vorstellung prachtvolle Synagoge. Der Vorbeter erhält einen Gehalt von 2000 Dollars und der Gottesdienst wird nach portugiesischem Ritus gehalten. Baltimore. Wir haben hier seit einem Jahre eine religiöse Gesellschaft unter dem Namen lyo -^-Verein errichtet, und den Hamburger Tempel-Gottesdienst als Muster angenommen. Wir haben einen Tempel und zwei Thoras; die Gebetbücher ließen wir uns von Hamburg kommen. Obgleich wir aber auch die Gesänge hierzu von dorther erhielten, so haben wir doch dem aus dem Großherzogthum Weimar eingcwanderten Aron Silberschmidt *) manchen schönen Choralgesang zu verdanken. Er ist Meister seiner Violine und hat uns durch sein musikalisches Talent schon manchen erhebenden Genuß, sowol im Tempel als in geselligen Zirkeln bereitet. Obgleich unser Tempelverein noch klein, so ist doch der Gottesdienst großartig und frei (von dem alten Rost). — Vorwärtsschreiteu und nach Wahrheit streben ist unser Ziel. Breslau. Sir gestatten mir schon, daß ich metn« *) Derselbe ist der Sohn eines israelitischen Schullehrers daselbst. Redaktion»

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