Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1844)
- Date
- 1844-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566913--0799-2568508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 gung innerhalb jenes großen Umschwungs ist, den das Jahrhundert in Philosophie, Wissenschaft, Politik und Leben gemacht hat; so konnte dasselbe nirgends näher und unmittelbarer von jener äußern Macht der Zeit berührt werden, als eben hier. War ja Berlin seit Friedrich dem Großen und Lessing fast ununterbrochen der Heerd und der Mittelpunkt aller der Ideen, die unsre Zeit zu dem gemacht haben, was sie eben ist. Und sogar in Bezug auf das Judenthum stehen wir wol hier auf dem ächten klassischen Boden, Berlin ist da recht eigentlich das moderne Zion, von wo uns die feurige erobernde Lehre Mendelssohns sich über daS ganze Israel ergoß. — Insofern also wäre es unerklärlich, wie die hiesige Gemeinde, die stets so nah unter dem Einfluß des allgemeinen geschichtlichen Lebens gestanden, mitten in ihrer Entwicklung stehe« bleiben, ihre eigne Vergangenheit gewaltsam abschneiden, und sich aus dem Bewußtsein ihrer Aufgabe und Bedeutung heraussetzen, mit einem Worte, wie sie indifferent werden konnte. Dieses Alles ist aber nur scheinbar der Fall, und darin liegt eben die halbe Wahrheit. ES ist hier nur äußerlich alles so brach und öde, daß ein oberflächlicher Blick sich unbefriedigt davon abwenden muß; wer aber tiefer eindringt, wird so Manches finden, waS das erste Urtheil glänzend widerlegt. Es ist hier der klassische Boden des Judenthums, sagte ich; aber die Denkmäler der Classicität sind wie jene antiken Städte sammt ihren herrlichen Resten überschüttet und vergraben; man muß in die Tiefe steigen, um die Schätze der Intelligenz und der Bildung zu entdecken, die gleichsam ungekannt und unbenutzt seit Jahrzehnten hier feiern. Ich werde bald auf die Gründe dieser Erscheinung eingehen; zuerst nur noch ein Wort über diesen äußern eigenthümlichen Charakter der hiesigen Gemeinde. Wer das energische kräftig pulsirende Leben, das Gähren und Kämpfen in den bedeutendem deutschen Judengemeinden, wie Frankfurt, Breslau u. a. kennt, oder sich vielleicht gar selbst daran betheiligt hat, dessen religiöses, und wenn ich, ohne misverstanden zu werden, so sagen darf, nationales, specifisch-jüdisches Bewußtsein, wird sich hier sehr vereinsamt finden; man hat hier die Fäden, die das jüdische Leben nach allen Richtungen durchschießen, plötzlich aus den Augen verloren; man weiß keinen Anknüpfungspunkt von dem Bcsondern an das Allgemeine zu finden; man fühlt sich in keiner Einheit und in keiner Gemeinschaft Vermißt man ja hier sogar eine angemessene Synagoge, einen würdigen Cultus, eine Kanzel, einen Rabbinen! Ich möchte sagen, es fehlt an Oeffentlichkcit des religiösen Lebens, an jedem Ausdruck, jedem Organ für die jüdischen Interessen; und darum scheint es, als ob man hier von diesen ganz und gar nicht berührt würde. Es ist, als ob alles schon bis aus dir letzten Spuren seine Farbe und seinen Charakter verwischt hätte, als wären die Tendenzen des Judenthums schon ganz in die allgemeinen politischen und sozialen ausgegangen. Und doch ist dem thatsächlich nicht so; abgesehen davon, daß ein solcher Zustand der nivellirten Gleichheit, so sehr wir ihn für die Zukunft erstreben, bis jetzt sich aus der naturgemäßen Entwicklung unsrer Verhältnisse noch nicht erzeugt haben könnte, und also nur das Produkt einer willkürlichen, gewaltsamen und mithin unwahren Selbstverläugnung wäre. Vielmehr liegen hier die Elemente, durch deren Zusammenstoß anderSwo so viel Kampf und Leben hervorgerusen wurde, bewußtlos nebeneinander; sie sind durch alle Nüanzen und Schattirungen vollständig repräsentirt, vom klarsten wissenschaftlichen Bewußtsein bis zur vulgärsten orthodoxen Beschränktheit; aber es fehlt das wolthätige Ferment, baden Elementen zu jener Vermischung und Durchdringung verhilst, aus der allein sich ein kräftiges, flüßiges Leben abklärt. In diesem Mangel ist der Grund aller der unerquicklichen Erscheinungen ausgesprochen, die die hiesige Gemeinde bei allem lebendigen Interesse, das die Einzelnen oft an unsren Angelegewheiten nehmen, in den.Ruf einer farblosen, indifferenten gebracht haben. *Es fehlt leider nur das geistige Band" könnte man mit Mephistopheles sagen; und so ist es gekommen, daß neben so Vielen gewichtigen Intelligenzen, so viel abgespannter, gedankenloser Jndifferentismuö, neben der kalten rationalistischen Verständigkeit, so viele krasse Verhöhnung der gesunden Vernunft bestehen kann. Es ist Alles zu vereinzelt, zu isolirt, zu egoistisch, als daß eS zu einem lebendigen Gesammtausdruck hatte kommen können; lauter getrennte Posten, aber keine geistige Summe. Mit einem Worte, es sind alle nothwendige Glieder einer Gemeinde vorhanden, nur keine organisch-beseelte, keine einheitliche Gemeinde selbst. (Fortsetzung folgt.) Dresden. Es ist eine eigne Verlegenheit für einen Correspondcnten, wenn er über die hiesigen israelitischen Zustände berichten sott. Was erwartet man nicht von einem Bericht aus einer Stadt, die die hochgebildetste in Deutschland ist, aus einer Stadt, in welcher die Kunst ihre reichsten Schätze entfaltet, wo die Poesie ihre Blüthen ausstreut, die Wissenschaft so viele Jünger zählt, ja selbst die Freiheit, die ächt-constitutionelle Freiheit, mehr als in mancher größern deutschen Stadt, von den Machthabern respectirt, ja gepflegt und geschützt wird. Und doch bietet wol kaum eine Jsraeliten-Gemeinde einer andern Residenz eine so trübe. Physiognomie dar, als eben die hiesige. Nicht wegen der vielen kleinen und armen Handelsleute, Trödler und Mäkler, die Einem ausstoßen, das kommt auch wol anderwärts vor; sondern weil dem Ganzen das Bild der Gedrücktheit noch zu srb^