Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1843)
- Date
- 1843-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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- Colmar 1× ep/1047872
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SSL Ratti-Menton, ehemals Consul in Damaskus, berüchtigten Andenkens, und später von Guizot noch in gleicher Eigenschaft nach China geschickt, soll dort sich so ungeschickt benehmen, und solche Verwirrung anrichten, daß man in Frankreich darauf denkt, ihn zurückzurufen. Ein solcher Fanatiker gehört auch nicht in daS himmlische Reich. Die Einweihung einer Synagoge zu Colmar, die mit vielem Pomp und Aufwand vor sich ging, hat dem 6onrrier än Haut- Rhin Veranlassung gegeben, seinen ganzen Unwillen über das dortige Consistorium auszugießen. Er zeichnet nemlich mit den grellsten Farben den Contrast zwischen der solennen Feier dieses Ereignisses, und der bescheidenen des 19. Aprils, der Prüfungsfrier der philantropischen Gesellschaft. Auffallend ist allerdings der geringe Anklang, den diese Gesellschaft unter den elsaßischen Israeliten gefunden hat, so daß unter 423 Contribuenten nur 139 Israeliten sich befinden. Sollte wirklich daS Consistorium bei dieser beklagenswerthen Lauheit betheiligt sein? In einer großen norddeutschen Stadt, hat sich ein Verein gebildet zur Erhaltung der bisher üblichen Synagogen-Melodien. Sie wollen, so weit es in ihrer Macht steht, dahin wirken, daß kein Nörchen davon verdrängt werde. Die guten Leute glauben steif und fest, der Mahril habe Bertrands Abschied, Petersilie und Krautsalat u. s. w. in der alten heiligen Kehila Magenza (Mogunria) für die Synagoge componirt! Dem Dr. Herzfeld, Land - Rabbine von Braunschweig, lag'S sehr daran, für die auf dem Lande zerstreut wohnenden Israelitcn seines Sprengels, für die Sabbat- und Festtage einen vffentl. Gottesdienst einzurichten. Da aber, wie bekannt, in Ermangelung von wenigstens 10 männlichen Personen, die das 13. Lebensjahr überschritten haben, kein solcher Statt finden kann, so hätte genannter Geistliche cs gerne gestattet, daß die, wenn auch über das Sabbat-Maaß von 2000 Fuß getrennt Wohnenden sich zu so einem heilsamen Zwecke an Sabbat- und Feiertagen sich vereinigten. Er wandte sich ausdrücklich an die Orthodoxen, und forderte sie öffentlich auf, ihm mit ihren Gutachten zu Hilfe zu kommen. Diese Leute aber behandelten diese Frage so engherzig, knickerig und alltäglich, wie wenn ihnen eine Gans mit angelaufenem Schenkel zur Visitation von irgend einer scrupelösen, allen Frau präsentirt würde. Ihre Antworten winden sich durch die engen Gäßchen und Winkel des Talmuds und der Commentare und Commentar-Commentare, desto mehr aber meiden sie die großen Heerstraßen des Talmuds, die darin niedergelegten freisinnigen Reform- und Fortbildungsregeln, auf denen freilich schon lange GraS gewachsen ist. Hr. Herzfeld, wenn er zu sich selbst nicht Vertrauen genug hat, ein gutes Werk zu stiften, hä'.te sich an den Propheten Elisa wenden sollen, der hätte ihn besser belehrt. Denn, wie aus Könige II. Kapitel 4. zu entnehmen ist, sah dieser göttliche Lehrer jeden Neumond und Sabbat das Volk von nah und fern zu sich kommen, um seiner Belehrung theilhastig zu werden. Sonem, eine Stadt im Stamme Jrsachar und der Berg Karmel, an der südlichen Grenze des Stammes Ascher, liegen wol weiter von einander, als die betreffenden braunschweigischen Ortschaften*)! — Allein, wer weiß, ob Elisa auch orthodox war? wiewol aus der im Talmud ihm aufgebürdete» Intoleranz — LN' '220 T&6 ISmiP JJW/N doch einige Orthodoxie zu sprechen scheint. H. Geldberg, Kantor und Lehrer zu Braunschweig, hat sich durch die Herausgabe der Braunschwciger Synagogen-Gesänge, ein großes Verdienst um die Veredlung des Gottesdienstes erworben. Es sind dieses meist einstimmige Gesänge, und so einfache Melodien, daß die ganze Gemeinde sie leicht nachsingen kann. Es wäre zu wünschen, daß besonders Gemeinden mit schwachen GesangeSkrästen davon Gebrauch machten, da dadurch nicht allein die Arbeit erleichtert und die Theilnahme allgemeiner werden kann, sondern es wird auch dort nicht länger das musikalische Gehör auf die Folterbank gräßlicher Disharmonie gespannt werden, und an die Stelle jämmerlichen Geheuls ein leidlicher Gesang treten. Ein großer Menschenfreund ist zu den Seligen eingegangen. L. Gumpel zu Hamburg hat den Schauplay seiner edlen großherzigen Thaten auf immer verlassen. Zu dem bekanntesten seines wolthätigen Wirkens gehört die Stiftung von Wohnungen für 50 unbemittelte Familien, und zwar so lange die Israeliten ihre Menschenrechte mit ihren christlichen Brüdern noch nicht theilen, ausschließlich für seine Glaubensgenossen. Außerdem daß er noch rin Kapital aussryte, um diese Gebäude im wohnbaren Zustande zu erhalten, versah er die armen Bewohner häufig mit Nahrungsmitteln, Feuerung und baarem Gelbe. Ter Inhalt seines Testaments ist noch nicht bekannt, allein man weiß, daß darin namhafte Summen für wolthätigc Zwecke ausgeseyt sind. Möchte sein Beispiel reiche Früchte tragen'. Der Umstand, daß nun auch, nachdem die polnischen Juden zur Conscription gezogen worden, jüdische Deserteurs in Aussicht stehen, hat die preußischen Staatsbehörden zu einigen EntwederS und Oders veranlaßt, die wieder einen neuen Beweis liefern, daß die Israeliten immer und immer als des heiligen römischen Reichs Stiefkinder behandelt werden. Jüdische Deserteurs, die über die preußische Grenze kommen, sollen nemlich entweder wieder ausgeliefert oder unter die Arbeits-Compagnien gesteckt werden, oder wenn der Deserteur noch nicht 20 Jahre alt ist, in welchem Falle die Militär-Behörde ihre Aufnahme verweigert, sollen sie zu den Civil-Sträflingen gesellt werden. In Gens ist wieder ein Schritt vorwärts geschehen. Die Israeliten haben vom Staatsrath die Erlaubnis erhalten, in der Hauptstadt ihren Gottesdienst halten zu dürfen. Sonst war er ihnen nur in der Stadt Larouge gestattet. Aus Breslau haben wir über die Verjüngung eines nun feit 1834 bestehenden, in Zweck und Ausführung sehr nachahmenSwerthen Instituts zu berichten, es ist diese- „das israelitische Handlungsdiener-Jnstitut, dessen Statuten in diesem Jahre *) Denn wenn auch die dort berührte Reise nicht am Sabbat gemacht worden, so geht doch aus dem *-£2' 2Hn DVH (sieh Commentar Ralbag) hervor, daß dergleichen Reife» am Sabbat nicht selten waren.