Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1843)
- Date
- 1843-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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204 haben dieses auch vermeint in den Gutachten über das Hamburger Tempel-Gebetbuch, wie über die Rabbinatsangelegenheit in Breslau getban, durch welche beide die Erklärung des Frankfurter Reformvereins schon im Voraus wissenschaftliche Dokumentirung und theologische Anerkennung erlangt hat. Aber nun liegt es an den beffergessnnten Laien, an dem großen Theile unserer langst nicht mehr dem starren Rabbinismus huldigenden Gemeinde sich auszusprechen, ein freies und öffentliches Bekenntniß abzulegen, damit ihre hellgesinnten Religionslehrer nicht mehr so isolirt dastehen, sondern denselben (wie das Programm sebr wahr bemerkt) die Gelegenheit und die Unabhängigkeit nicht fehle, dasjenige, was in der That den Kern ihrer Bestrebungen bezeichnet, immer offner herauszustellen und den religiösen Standpunkt wahrheitliebender Laien mit dem ganzen Gewicht ihrer Gründe, mit der ganzen Weihe ihrer Stellung zu unterstützen/' Andere haben endlich an dem lithographirten und von einigen Blättern mitgetheilten Schreiben eines Mitgründers des Reform-Vereins, des Di-. Stern in Göttingen Anstoß genommen. Allein sie haben nicht bedacht, daß man nur einzelne Stellen des Schreibens zu veröffentlichen suchte, daß man solche aus dem Zusammenhänge gerissen, und dadurch den Sinn des ganzen Schreibens in nicht geringem Grade entstellt hat. Allein wenn auch das nicht in solchem Grade der Fall wäre, wenn Stern für sich selbst mehr einer rein-philosophischen Religionsanschauung huldigte, dürfte man deßhalb den Verein in seinen Tendenzen verdächtigen? Die Gründer desselben wollen ja, wie schon oft gesagt, keine Reformer, keine neuen Religionslehrer abgeben, sondern nur zu einem offnen Bekenntniß dessen, worin alle vernünftig-denkende Israeliten übereinstimmen, einladen. Wenn demnach einem solchen Streben sich auch jemand anschließt, der für sich selbst noch auf einem allgemeinen Standpunkte steht, so ist das unseres Erachtens eher anzuerkennen, als zu tadeln; so zeigt es nur von einem hohen Grade der Selbstverleugnung, von dem tiefsten, ernstesten Gemeinsinne, von der innigsten lautesten Anhänglichkeit an seine Religionsgemeinde, von dem lebhaftesten Streben, das zu fördern, was der Gesammtheit derselben frommet, wenn man im Stande ist, dabei von seiner eignen Ueberzeugung abzusehen, gewissermaßen herabzusteigcn zu dem Bewußtsein der Gemeinde, als ihr Glied sich zu fühlen, für ihr Gesammtinteresse zu wirken und zu kämpfen, statt, wie es leider! Andere gethan, sich von ihr wegzuwenden, und die goldnen Früchte des — wenn auch nur formellen Bekenntnisses zur herrschenden Religion zu ernten. — Wir schließen unsere Bemerkungen mit einem Hinblick auf den etwaigen Erfolg des Vereins. Es ist möglich, ja vielleicht nicht unwahrscheinlich, daß derselbe süc jetzt noch ein geringer ist; denn leider! sind der Schwankenden, der Gleichgültigen, der nicht klar und sittlich-tief fühlenden, wie der von einer falschen Schaam Beherrschten, noch viele unter uns. Die ersteren werde» nicht den Muth haben, zu unterzeichnen, die zweiten werden nicht den Willen dazu haben, den dritten wird es an der Einsicht hierzu fehlen und die vierten wird die falsche Schaam sich förmlich und öffentlich als Juden zu bekennen, davon zurückhallen. Thut nichts. Noch nie hat die Geschichte ein geistiges und sittliches Unternehmen nach der Anzahl der Köpfe, die sich ihm anschlossen, gemessen. Die That der Frankfurter Reform- Freunde, ist, wie wir gesehen haben, im hohen Grade von solchem Gehalt und darum wird sie nicht untergehen, darum wird sie, obwol Anfangs von einem geringen quantitativen Erfolg, doch allmählig ihre innere Kraft, ihre sittlich-starke Gewalt geltend machen, die zur Weiterführung unserer heiligen Geschichte, zur Beglaubung und Veredlung unserer Brüder, wenn die, welche sich an die Spitze jenes frommen Unternehmens gestellt, und diejenigen, welche bald sich ihnen angeschlossen, ihm Treue und Ausdauer bewahren, wenn sie nicht ermüden, fort und fort für die Zwecke des Vereins zu wirken, fort und fort die Mittel nicht aus den Augen lassen, die seine allmählige Verbreitung friedlich und still, aber darum um so kräftiger und sicherer bewirken. Wir rechnen hierzu besonders die Verbindung mit den bessergesinnten Rabbinkn und Volkslehrern, die öffentliche Besprechung der Religions-Gegenstände im Sinne der drei Artikel *), die Verbreitung von ganz wohlfeilen im gleichen Geiste verfaßten Vorschriften**), überhaupt die kräftige Unterstützung aller dem Fortschritt dienenden Schriften, sowie der Bestrebungen für Verbesserung des Gottesdienstes und des Jugendunterrichtes und der Anstellung erleuchteter Rabbinen und Lehrer. Geschieht dieses, dann sind wir des guten Erfolges gewiß, dann werden späte Enkel noch das Werk segnen, das einst ihre Väter zur Ehre Gottes und zum Ruhm der Wahrheit unternommen. *) Gern wollen wir hierzu die Spalten unsrer Zeitschrift **) Wir empfehlen in dieser Beziehung, wie überhaupt unseren Lesern, die ganz populär, aber doch in sehr gediegenem Geiste abgefaßtcn »Jüdische Bekenntnißschristen" (Berlin, bei B. Behr) von welchen bereits daö erste Heftchen (zu 2\ Sgr) erschienen. SrL'cfticlite des Tages. Wie man hört, soll der in einer frühem Nummer dieses Blattes mitgetheilten, auch in andern öffentlichen Blättern befindlichen Nachricht, in Betreff des Verbots des Hopfenhandels, das über die baierischen Israeliten verhängt worden sein sollte, nur eine Verfügung einer subalternen Local-Behörde zu Grunde liegen, die aber von der Oberbehörde wieder aufgehoben worden sein soll. Es wäre ja auch sonst in der That sehr auffallend, wie es einer Regierung mehr an dem Rufe ihrer Hopfenpflanze, als an dem guten Namen ihrer Landeskinder liegen könne.