Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1843)
- Date
- 1843-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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196 Schale, mit Welcher eine Düstere Zeit ihn umgab, auch aus den spähten SenkendM Rabbinen geredet, wie er durch unsere ganze Geschichte hat gewaltet, in keiner Zeit gänzlich ist erloschen, in der unsrigen aber immer klarer und unbezwungener zum Bewußtsein kömmt, immer mehr wird das Gemeingut, und das Besitzthum von allen. Diese alte, uralte Lehre, dieses wahre und wirkliche Judenthum, wie es von den srühesten Zeiten her ist gedacht und empfunden worden, und zu dem dem Wesen nach auch der gemäßigt Orthodoxe, auch der selbstdenkende Anhänger des Talmuds sich bekennen, dessen Zwecke er, wenn auch mit vielfacheren Formen, wenn auch mit anderen Mitteln und Wegen, eben so wie sein entschieden rationeller Bruder erstrebt, wollen die Resormsreunde in ihren drei Artikeln darstellen, zu dem öffentlichen Bekenntniß eines solchen wollen sie die Glaubensbrüder einladen. Und wenn sie hierbei eine Fassung wählten, durch welche diese Artikel gleichmäßig sich allen empfehlen, durch welche sie der Freiheit der Ueberzeugung von keinem zu nahe treten, „durch welche das Verbältniß, das Jeder je nach seinem geistigen und gemüthlichen Bedürfniß zur Religion hat, vollkommen unberührt bleibt", so ist ja das nur zu loben, nur als Beweis des wahrhaft erleuchteten Standpunktes der Reform-Freunde anzufehcn. Hiernach wird man wol den Vorwurf der Zweideutigkeit und Unbestimmtheit, welchen man den Artikeln des Reform-Vereins macht, nicht begründet finden. Wer aber noch irgend einen Anstoß daran nehmen möchte, den erinnern wir an das Beispiel aller Religionen, aller Kirchen und Bekenntnisse. Sind, um zuvörderst beim Judenthum stehen zu bleiben, die Grundlehren dcjselbtn, wie sie schon die heilige Schrift enthalt, daselbst etwa bestimmter ausgesprochen, etwa weniger einer beschränkteren, oder weiteren Deutung unterworfen? Spiegeln sie sich nicht in einem jeden, je nach seiner Individualität, je nach feinem geistigen und gemüthlichen Bedürfniß ab? Faßt und deutet sie nicht jeder so, wie seine Eigenthümlichkeit, wie seine religiös - sittliche Weltanschauung es mit sich bringt? Und ist es in der Kirche anders, werden nicht auch die Urkunden der christlichen Religion von ihren Lesern auf die verschiedenste ja oft widersprechendste Weise gedeutet und ausgelegt? Ja ist es selbst den Artikeln, die etwas Bestimmtes aussprechen, etwas Positives und Begrenztes festsetzen wollten, die der Augsburgischen Confession besser ergangen? Werden sie nicht noch heute, je nach den verschiedenen Grundansichten der Gottesgelahrten verschieden verstanden und vorgetragen? Und im Judenthum sollte es nicht so sein? Hier sollten Männer, die eine Bereinigung aller Gemäßigten und Bessergesinnten bewirken, sie zu einer That, zu einem freien und entschiedenen Bekenntniß veranlassen wollen, die Aussprüche, durch die sie dieses bewirken wollen, so stellen, daß dadurch der Freiheit der Gewissen, der von dem Standpunkte und der Besonderheit der Einzelnen abhängigen Avffaffuug der heiligsten Wahrheiten, gleich von vorn herein zu nahe getreten wird? Nein, was die Reformfreunde bezwecken, das ist eine Verwahrung gegen diejenige Ansicht, zu der außer der blinden, unwissenden Masse nur noch Wenige sich' bekennen, die unter den Theologen meist nur noch verschrobene und phantastische Köpfe vertreten: die Ansicht der steifen Orthodoxie, des starren Rabbinismus, oder wie Chorin*) sie noch treffender bezeichnet, der rabbinischen Karaiten, denen der starre Buchstabe über Alles geht, ja die arger sind als Karaiten, weil diese doch nur den Buchstaben der göttlichen Thora (dt6k IM) diese Vergötterung erweisen, jene aber auch die von Menschen geschriebenen Satzungen buchstäblich, pünktlich und unverändert festhalten und ihnen eine über alle Bedenklichkeit erhabene göttliche Autorität beilegen; diesem gegenüber wird man die drei Artikel des Reformvereins wohl nicht für unbestimmt und zweideutig erklären; diesem gegenüber drücken sie klar und entschieden genug das aus, was in der Brust so vieler Hunderte unserer Brüder lebt, was ein Neues Licht über unsere so vielfach getrübte und mißverstandene Lehre verbreiten wird, und was frei und offen zu bekennen wir uns selbst, der Ehre und Heiligkeit unserer Religion schuldig sind. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. Die Jubelfeier des Hamburger Tempels und des Predigers an demselben vr. G. Salomon. (Fortsetzung von Nr. 48.) Sind nun auch Ereignisse solchen Gewichtes und solcher Folgen wohl geeignet, den betrachtenden Blick dem Individuum zu entziehen, denn die Zeit verschlingt ihre Kinder, und die Zeit ist nichts als eine Kette von Ereignissen, so ist es doch anders, wenn das Ereigniß von einer mächtigen Persönlichkeit getragen wird, wie die Erde vom gigantischen Atlas. Eine solche Persönlichkeit in der zur That gewordenen Veredlung des Gottesdienstes und dessen, was damit zusammcnhängt, ist Salomon, Prediger am Tempel zu Hamburg. Er feierte mit dem Institute zugleich sein 25jährigcS Dicnstjubiläunt. Wie wolthätig feine acht-religiöse Begeisterung, seine Mäßigung, sein eminentes Rednertalent, sein wahrhaft socratischer Lebenswandel seiner jugendlichen Gemeinde, die voll feuriger und thatkrästiger Gesinnung war, wie ersprießlich seine Macht der Rede, sein talmudisches Wissen und sein meisterhaft angewandter, sarcastischer Witz der werdenden Gemeinde im Kampfe nach außen geworden sein mußte, das kann nur von dem betreffenden engern Kreise entsprechend gewürdigt werden. Wir erinnern darum nur an dessen Verdienste, die auch für die weitern Kreise deutlich ans Tageslicht traten. So war schon der kluge, sich akkomodirende Lebenswandel des Tempelpredigers nicht *) In seinem Gutachten über das Gebetbuch des Hamburge Tempels.