Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1843)
- Date
- 1843-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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welche eine freie Verfassung und Volksvertretung bietet, glaubt. Beide sind positiv und negativ, je von dem Standpunkte aus, mit welchem sie sich einander gegenüberstellen, von dem Lichte aus, in welchem sie sich sehen und beurtheilen. So dürfen die Anhänger des historischen Rechtes, ihre Gegner, die Vertreter des philosophischen, nicht negativ nennen, weil sie nicht an die schlechthinnige Wahrheit des ersteren glauben, weil sie sich nicht davon überzeugen können, daß dasselbe für alle Zeiten gut und unabänderlich sei; denn sie müßten sich gefallen lassen, daß die Letzteren jenen Vorwurf ihnen zurückgeben, sie negativ nennen, weil sie nicht an die Wahrheit, an die hohe und heilige Bedeutung des Vernunstrechtes glauben, nicht begreifen mögen, daß dieses das Ideal sei, von welchem aus alles Positive gewürdigt, nach dem es als fein höchstes und letztes Ziel zustreben müsse. Ebenso dürfen auf dem Gebiete der christlichen Religion diejenigen, welche den Glauben fordern und die Verdienstlichkeit der Werke verwerfen, nicht die Anhänger der letzteren Heterodoxe, Ungläubige, Negative schelten, da dieses mit nicht geringerem Grunde dieselben von ihnen, die sie alle menschliche Freiheit und Tugend leugnen, sagen dürfen. Nicht mehr Gehalt haben jene Namen auf dem Boden der jüdischen Religion. Wenn uns z. B. die starren Rabbaniten destructive Nihilisten, Negative u. s. w. nennen, weil wir nicht glauben, daß zur Seligkeit die Ausübung einer gewissen Anzahl Zeremonien, das Hersagen einer bestimmten Anzahl Gebete, die durchgängige Anwendung der hebräischen Sprache beim Gottesdienste u. a. m. nöthig sei; so dürfen wir uns auch jener Namen gegen sie bedienen, da sie nicht an die Verehrung Gottes im Geiste, an die wahre, nicht von der Zahl der Gebete abhängige Andacht, an die Macht der wohlklingenden, verständlichen Töne der Muttersprache beim Gottesdienste glauben mögen. In dem gegenwärtigen Falle hat es mit dem Vorwurf der Negation eben so wenig zu bedeuten. Denn die Frankfurter Reformfreunde können mit gleicher Befugniß ihre Gegner zu den Negativen zählen, weil sie nicht glauben, daß die wahre Religion nur im Geiste und im sittlichen Kern der mosaischen Lehre wurzele, weil sie nicht glauben, daß die Zeit, daß der einer ewigen Fortbildung zueilende Geist, über die Ansichten der Talmudisten, über die Anforderungen, welche die damalige Zeit und Gesittung stellte, hinausgehen dürfe; weil sie nicht glauben, daß schon die Wahrheit, daß die nicht an eine bestimmte Person und an ein bestimmtes Land gebundene Herrschaft der Tugend uns frei machen, für Israel und die Menschheit das Reich des Messias herbeiführen werde. Es gehört übrigens eine große Verblendung dazu, von den drei Attikeln des Frankfurter Reformvereins zu behaupten, daß sie nur Negatives enthielten. Erkennt nicht der erste derselben, seiner ganzen Fassung nach, die Wahrheit und Göttlichkeit der mosaischen Religion an? sagt er nicht, und führt das Programm 192 es nicht aus, daß sie die Urreligion, daß sie der Boden sei, dem alles Große, Wahre und Heilige, dem der edelste Gehalt der Menschheit, dem aller sitttiche Fortschritt der Geschichte entstammt, sei? daß mit einem Worte alle Fortbildung in der Religion nur darin bestehe, mittelst immer besserer Erkenntniß, mittelst immer tieferen Eingehens in das Reich der Wahrheit und der Natur, mittelst einer immer mehr fortschreitenden Welt- und Lebensanschauung den wahren Gehalt der heiligen Schrift immer mehr zu erforschen, immer klarer und deutlicher vor das Bewußtsein zu bringen? Wenn aber die übrigen zwei Artikel mehr negativ (in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes) gehalten sind, so hat dieses nur seinen Grund darin, weil die bisherige Ansicht, gegen welche jene Artikel ankampfen, zu positiv (das Wort auch in dem gewöhnlichen Sinne genommen) war, weil sie zu viel setzte, so vieles als ein Heiligendes und Beseligendes für alle Zeiten aufstellte, das es doch nur in einer gewissen war, nur in einer gewissen sein konnte; in Wahrheit ist aber etwas sehr Positives; ist eine feste, unerschütterliche Basis für das, was wir als Israeliten und Bürger civilisirter Staaten sein und erstreben müssen, in der Erklärung gegeben, daß wir frei und unabhängig von den menschlichen Ansichten einer früheren Zeit das Gebäude unseres sittlich-religiösen Lebens immer mehr herausbauen, frei und unabhängig von dem Glauben an einen menschlichen und persönlichen Erlöser, an der Wolfahrt der Staaten, an der Erhebung und Veredlung des Gemeinwesens Mitarbeiten wollen. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. Am 18. Oktober 1818, da auf den Höhen deutscher Berge die Flamme loderte, zur Verkündigung einer neuen Aera für Freiheit, Selbstständigkeit und Deutschthum, umstanden an den Niederungen der Elbe, in der Metropole der Hansastädte, ein Kreis edler israelitischer Männer ein schwach-flimmerndes Flämmchen, ein Flämmchen, das gleichfalls' Freiheit, Selbstständigkeit und Deutschthum, allein im Schooße des JudenthumS verkünden sollte. Wem sind die Stürme nicht bekannt die es umbrausten, der Feuerlärm, den die Wächter von Zions Zinnen, in den Gassen Israels, ob seinem Erscheinen erhoben. So viel Wassers aber auch die Löschmannschaft »des Bundes" entsendete, so viel des Windes auch dagegen brauste, das Flämmchen ist zur leuchtenden Feuersäule geworden, der Sturm hat es nicht bezwungen, hat es vielmehr angefacht und die Funken getragen von Höhe zu Höhe, von welchen jetzt muntere Wächter mit Himmel anstrebenden »Gesetzesfeuerflammen" antworten. Unsere Leser errathen leicht, daß wir den »Tempel« zu Hamburg, der mit dem 18. October d. I. sein 25jährigeS Jubiläum feierte, vor Augen haben. Ja, Freiheit in der Form, > Selbstständigkeit im Wesen und Deutschthum in Beiden, das ist