Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-11-19 · Heft 47 (19.11.1843) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 47 (19.11.1843)
Date
1843-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566856-2566904--0756-2568458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Juden, wenn wir so sagen dürfen, sind fortaeschritten, haben durch das Eingeben in die höhere Lebensanschauung der Zeit auch ihre religiöse Anschauung veredelt und gehoben, nicht aber das Judenthum, dieses ist geblieben, ist noch kein anderes, als wie es sich in den noch immer recipirten talmudisch-rabbinischen Gesetzbüchern ausgesprochen hat. So befinden sich denn unsere wirklichen Erleuchteten nicht nur in einer ungenügenden Stellung zu sich selbst, zu der lautesten und heiligsten Forderung ihres Innern, sondern auch in einer eben so ungenügenden, ja falschen Stellung zu ihren israelitischen und christlichen Milbrüdern, welchen die ersteren sie als Heierodoxe und Ungläubige, viele der Letzteren aber, da sie keine Ahnung davon haben, daß es außer dem talmudisch-rabbinischen Judenthum doch noch ein anderes, wenn auch nur still in dem Bewußtsein eines Theils der israelitischen Gemeinde lebendes gibt, sie als reine Deisten, oder gar als Pantheisten und Atheisten verschreien. Diesem betrübten Zustande kann aber in Wahrheit nicht anders abgeholfen werden, als durch ein förmliches laut ausgesprochenes Bekenntniß Seitens unserer Aufgeklärten. Was man auch gegen ein solches Bekenntniß einwenden möge, wie oft man sich darauf berufen möge, daß es eines solchen nicht bedürfe, daß ich ja im Stillen einer bessern Ansicht huldigen könne, ohne sie gerade förmlich und öffentlich auszusprechen; es ist doch nicht so! Die politische Parthei hat ihr Programm, der Krieger hat seine Fahne und eine Religionsgemeinschaft muß ihr Bekenntniß haben. Mittelst eines solchen versichtbart und veranschaulicht sie ihr tiefstes, innerstes Wesen, in einem solchen sieht sie sich selbst wieder, wird ihr das, was sie im Innern fühlt, erst recht klar, wird ein Gegenstand ihres heiligsten Strebens, wird die Aufgabe und das Ziel ihres Lebens. Ein solches Bekenntniß thut aber noch mehr Noth, wenn ein Theil einer Religionsgemeinde in seinen religiösen Ansichten so fortgeschritten, daß er sich zu einer geläu, terten von den Ansichten des andern Theiles abweichenden Ueberzeugung erhebt. Die laut ausgesprochene Ueberzeugung, das öffentlich verkündete Bekenntniß verchafft ihm dann den vollen eigensten Besitz der Wahrheit, die rechte Innigkeit im Glauben, die wirkliche und ausdauernde Hingebung für das, was sie als Religion, als des Menschen Höchstes und Heiligstes erkannt hat. Das ist's denn auch, was die Reform-Freunde in Frankfurt a. M. zu bezwecken suchen; sie wollen alle diejenigen, die im Wesentlichen eben so denken wie sie, die längst über das starr-rabbinifche Judenthum sich. erhoben und dm Grundsätzen des reinen Mosaismus in Gedanke und Tbat huldigen, einladen, dieses auch förmlich und öffentlich auszusprechen; sie wollen sie und sich dadurch von der falschen erniedrigenden Stellung, in welcher sie ihren israelitischen und christlichen Mitbrüdern gegenüber sich befinden, befteien; sie wollen dadurch ei- »em Bedürfniß entgegenkommen, das der Mann von Wahrheit und Ehre, das insonders der religiöse Mensch als ein heiliges und unabweisbares empfinden muß, nämlich zu verhindern, daß das, was er in Beziehung auf Religion thut oder unterläßt, nicht als die Geburt eines leichtsinnigen, frivolen oder gar ungläubigen Wesens angesehen werde, sondern auf eine freie, feste, ächt-religiöse Anschauung beruhe; sie wollen endlich durch ein förmlich ausgesprochenes Bekenntniß aller Bessergesi'nnten zu einer noch festeren Ueberzeugung und zu einem entschiedeneren und beharrlicheren Wirken für dieselbe führen. Das allein ist die rechte Stellung der Sache, nur in diesem Sinne ist der Reformverein zu würdigen und so angesehen, wird sein Programm auch auf diejenigen, die sich noch nicht zu einer entschiedenen Ueberzeugung erhoben, die ihre thatfächliche Lossagung vom starren Nabbinismus noch nicht in der Idee zu rechtfertigen wagen, nicht ohne Wirkung bleiben; die Darstellungen der Reformfreunde, werden ihnen das klar enthüllen, was sie doch schon mehr oder weniger deutlich empfinden, was wenigstens vor dem Auge ihres Geistes aufqedämmert ist; sie würden sie zum Nachdenken über sich selbst und das wahre Wesen der Religion bringen, und somit auch bei ihnen das, was jetzt mehr äußere Nöthigung ist, zu einer Idee, zu einer freien religiösen That erheben. Geschichte des Tages. Den jüdischen Naturforschern ist es vom Könige von Schweden gestaltet worden, bei der zu Chrkstiania in diesem Jahre abzuhaltenden Versammlung ihrer Kollegen erscheinen zu dürfen. Allein wenn sie fertig geforscht haben, müssen sie gleich wieder fort, da bekanntlich in Norwegen keine Israeliten wohnen dürfen. Man fühlte wol wie unpassend es sein müsse, während mit so viel Eclat über Natur verhandelt wird, sie so zu mißachten, und ein mit ihr in so direktem Widerspruche stehendes Gesetz zu handhaben. Daß aber mit der Abreise der Naturforscher die Natur wieder schlafen gelegt wird und eine mißgedentete Religion und der leidige Eigennutz derselben Hohn sprechen dürfe, ist nicht des edlen Königs Schuld. (Keine Regel ohne Ausnahme.) Die ungarische Ständetafel hat die Israeliten zur Bekleidung sämmtlicher Aemter fähig erklärt, nur als Abgeordnete der Ständrkammer selbst sollen sie nicht gewählt werden dürfen. In den ungarischen Nachbarländern sind freilich die Ausnahmen Regel. Die Besorgnisse, die wir in einer frühem Nummer in Betreff des Frankfurter (a. M.) Synagogenbaues ausgesprochen, haben sich bis jetzt noch nicht unbegründet gezeigt. Es geht mit demselben noch ärger, wie mit dem zweiten Tempelbau. Dort bauete die Hälfte und die Hälfte stritt, stritt nach außen, hier streiten und hadern Alle, und hadern und streiten nach innen. Der greise Nabbine, unter dessen Aufsicht der Neubau gestellt ist, möchte sich unsterblich machen und verlangt vor Allem einen jun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.