Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1843)
- Date
- 1843-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566903--0752-2568453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
185 können nur aus der Mitte der Israeliten selbst gewählt werden. Für etwaige Deserteurs hat die Gemeinde einzustehen. So viel entfliehen, so viel müssen aus der Mitte derselben wieder gestellt werden. Dafür ist ihnen auch die bisher entrichtete Rekruten, steuer erlassen. Wenns nun auch nicht unwahrscheinlich ist, daß mancher dieser neuen Rekruten mehr nach dem linken Weichselufer, als nach dem Luban sich sehnen möchte, so zweifeln wir doch nicht, daß im Ganzen dieser neue Zuwachs des kriegerischen Heeres, sowohl den Russen, als den Israeliten Ehre machen wird. In Tunis hat ein Jude den Verdienst-Orden (Nischam) erhalten. Der muß in der That viel verdient haben. Wir wenden mit Vergnügen am Schlüsse der Tagesgeschichte den Blick nach dem irdischen Paradiese Deutschlands, den Gauen Nassau's, in welchem nachgerade der hochtrabenden Schlange der Inhumanität ein Bein nach dem andern abgehauen wird. Ter hochherzige Fürst ist es, der ihr zuruft: Weil du dieses gethan hast, rc. (1. B. Mos. 3, 14). Ein Correspondcnt der Didaskalia berichtet von dorther: „Der Geist, der durch das Wirken unserer Landesregierung weht, zeigt sich immer Heller und deutlicher. Wie sie eS mit alten zeitwidrigen Vorurtheilcn halte, davon gibt sie täglich erfreulichere Beweise. Einer der neuesten ist die Ernennung des vr. H. Herz in Weilburg zum Medizinalrath für den dortigen Bezirk. Es ist dies eine der ersten Stellen, die ein Mediziner bekleiden kann und ist dadurch das Princip ausgesprochen, daß ein Jude Staatsdkener werden kann. Diese Anerkennung vieljähriger Verdienste hat nicht nur in loco, sondern auch in Wiesbaden bei allen Confessionen die freudigste Sensation gemacht, was den stärksten Beweis liefert, mit welchem Unrecht man sich von gewissen Seiten her aus das Vorurtheil der Masse beruft. Als Hr. vr. Herz, der schon einige 20 Jahre lang den Gehalt eines Assistenten bezog, vor mehreren Jahren seinen Aufenthaltsort mit Wiesbaden vertauschen wollte, kam die Stadt Weilburg bei dem Herzog ein, daß man, um ihn dort zu halten, ihm eine Gehaltszulage gewähren möchte, und eS geschah. So bewegt man sich in unserm Herzogthum geräuschlos aber sicher auf der Bahn des Fortschritts weiter. Ein jüdischer Medizinalrath findet sich vielleicht in ganz Deutschland nicht wieder. Es schließt sich dieser Act an den früher schon im Franks. Journal gemeldeten würdig an, wornach die jüdischen Armen vom kommenden 1. Jan. an gleichmäßig mit den christlichen von Staatswegen versorgt werden sollen. Neben diesen glücklichen Auspicien von Seiten einer gesinnungsvollen Regierung dürfen wir der Bestrebungen der jüd. Unterthanen, ihres Wohlwollens sich würdig zu zeigen, nicht vergessen. Diesen Bestrebungen geben die vom Gouvernement berufenen Rabbiner: die angemessenste Richtung, indem sie für eine wahrhaft religiöse Aufklärung alles Mögliche thuw. So zeigt sich z. B. in dem Bezirke Weilburg seit dem Amtsantritt des Hrn. vr. Süskind ein ganz neues kirchliches Leben. Frauen und Jungfrauen, von denen erstere früher jährlich höchstens ein oder zwei mal, die Letzteren aber gar nicht dem Gottesdienst beiwohnten, fehlen jetzt selten in der Synagoge und kommen Stundenweit herbei, um sich an den Predigten zu erbauen. An Herrn vr. Süskind hat die Gemeinde Weilburg wirklich eine ausgezeichnete Akquisition gemacht, sowohl durch die besonnene Rührigkeit, mit der er in alles eingreift, was seines Faches ist, als auch durch das Zutrauen, daß er in allen denen, mit welchen er in Berührung kommt, zu erwecken weiß, wozu sein bei jungen Angestellten seltenes, besonnenes Benehmen sehr viel mitwirkt. Möchte nur dafür gesorgt werden, daß seine Stellung bei uns auf die Dauer uns gesichert werde! Mögen besonders bald alle Hindernisse beseitigt sein, die den humanen Absichten unserer Negierung in Beziehung auf die jüd. Bevölkerung noch im Wege stehen. Freiherr von Eötvos über die Emanzipation -er Huden. „Wenden wir uns nun schließlich zu dem letzten, von den Gegnern der Emanzipation ausgestellten Argumente, das, obgleich nicht so laut wie die bereits erwähnten verkündet, auf den Truck dieses unglücklichen Volkes dennoch mächtiger als alle übrigen einwirkt: — ich meine die Gefahr, die aus der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Bezug auf uns Christen erwachsen würde; nicht etwa die Gefahr, mit der ihre moralische Verderbtheit unsere Sittlichkeit, ihre abgeschlossene Nationalität unser Vaterland, ihr Glaube unsere Religion bedroht — nein, wäre es nichts als das, wir würden vielleicht doch großmüthig schweigen — allein unser persönliches Interesse ist gesährdet, und daher das Zetergeschrei! — Die Juden sind verderbt! — Was liegt daran, sobald sie die Gesetze des Landes nicht überschreiten, wovon sie doch kraft der sie gewärtigenden Strafe eben so zurückgchalten werden können, als durch ihre etwaigen Tugenden, — mögen sie immerhin verderbt sein! — Ja, aber ihre Aufnahme bedroht unsere Nationalität! — Thut nichts! Wollen wir alle diejenigen, die unsrer Dolksthümlichkeit den Krieg erklärten, oder in ihrer kalten Gleichgiltigkeit sie vernachlässigt, ja als Ungarn sogar verläugnet haben, ihrer Rechte berauben, was würde wol dann aus unserer Bevölkerung werden, wo in aller Welt sollten wir dann neue Besitzer für unsere schönsten Landgüter hernehmen? — Unsere Religion ist gefährdet! — In Gottes Namen! — Wir leben in dem Jahrhundert der Civilisation, der religiöse Eifer paßt nicht mehr für so aufgeklärte Männer. Ja aber wir werden in unfern Interessen gekränkt! — welches Gemüth vermöchte wol da noch ruhig zu bleiben? wer wäre für die Aufrechrhaltung seiner Interessen nicht Alles, und wären es selbst seine heiligsten Grundsätze, zu opfern bereit? Schreiber dieser Zeilen kennt die Macht der Interessen; seiner vollkommenen Ueberzeugung nach kann zwar der Staat kein höheres Interesse haben, als die Gerechtigkeit, es kann kein materielles Interesse geben, das die Sanrtionirung einer unmoralischen Idee beschönigen oder unschädlich zu machen vermöchte: doch ist er andersetts auch überzeugt, daß diese Idee bei Vielen für eine poetische Schwärmerei gelten dürste, und ich mag demnach auch den Lesern bei dieser Veranlassung mit einer Discussion hierüber nicht lästig fallen. Unser Jahrhundert ist unendlich überlegt und berechnend; — weh dem, der seine Vorschläge und Entwürfe damit beginnt, zu erweisen, daß sie gerecht und nicht