Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1843)
- Date
- 1843-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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186 vielmehr, -aß sie nützlich, oder doch wenigstens nicht mit dem Schade« eines Dritten verbunden lind; er kann sich glücklich schätzen, wen« er selbst in dem letzten Falle Theilnahme zu erwecken im Stande, vnd nicht zu erfahren genöthigt ist, daß die Menschen großtentheils sogar für ihre guten Thaten bezahlt sein wollen. Schreiber dieses weiß das Alles, und hat auch nicht -ie Absicht, mit dem Eigennutz Ln die Schranken zu treten; er fordert und erwartet auch nicht, daß irgend Jemand Opfer bringe; allein so er Hunderttausende von Menschen sieht, die der Qualen größte — Unterdrückung erleiden, wenn zur Rechtfertigung der unerhörtesten Ungerechtigkeit, die Nothwendigkeit vorgeschützt, wenn als Argument der Bedrückung einer so schwachen Minderzahl der Umstand geltend gemacht wird, daß Hunderttausende an den Rechten der Menschheit nicht Theil nehmen können, ohne daß das Schicksal jener Millionen, die jetzt im Genüsse derselben sind, gefährdet würde — wenn, sage ich, Millionen, Hunderttausenden gegenüber behaupten, daß sie nicht wagen, einen Akt -er Gerechtigkeit zu üben: dann ist es wohl hohe Pflicht, mindestens darüber Gewißheit zu erlangen, inwiefern denn Alles das, was seit Jahrhunderten als Vorurtheil vollen Glauben fand, wirklich gegründet ist; ob dieses Wunder — denn das wäre es in der That, wenn die bürgerliche Gleichstellung weniger Inden eine christliche Nation zu gefährden im Stande wäre — sich wirklich irgendwo bewährt hätte. — Die Lebensfrage, von der die Wolfahrt so vieler Tausende abhängt, ist wohl einer nähern Prüfung wcrth. Wenn eine Volksklasse im Besitze besonderer Vorrechte und ausschließlichrr Monopole hinsichtlich des Grundbesitzes, des Handels oder der Gewerbe ist, so wird Jedermann einsehen, daß dieser Zustand gefährlich und verderblich, nicht allein in Bezug auf jene Einzelne, gegen die dieses Monopol ausgeübt wird, und die in ihrer Entwickelung, iu ihren Genüssen dadurch gehemmt werden; sondern zugleich verderblich für das ganze Land, das in seiner natürlichen Entfaltung gehindert, nie in dem Grade fortschrciten und gedeihen wird, als dies bei freier Krastentwickelung der Fall wäre. Jegliches Monopol unterdrückt, oder läßt wenigstens nur künstlich — wie in einem Treibhause — jenen Zweig der Industrie emporblühen, worin das Monopol ausgeübt wird, und die Erfahrung lehrt uns zuletzt, daß das eine eben so uachtheilig als das andere werden kann: so wie Jedermann auch einsieht, daß die besondere Begünstigung einer Volksklasse eben so gefährlich wie ein außergewöhnlicher Druck ist; hievon liefern jene Länder, iu denen die Sklaverei bestanden, oder noch gegenwärtig besteht, hinlängliche Beweise. — Daß aber daraus, wenn wir einer bisher unterdrückten Minderzahl nicht etwa Privilegien, sondern der freie Genuß allgemeiner Rechte einräumen, für das Gemeinwesen verderbliche Folgen erwachsen könnten, dürfte meiuer geringen Einsicht nach ohne die größte Ungereimtheit nicht vorauszusetzen sein. Oder können etwa diejenigen, die gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden am heftigsten eifern, auch nur ein Motiv geltend machen, das vor der einfachsten Logik Stich hielte und den ohne Leidenschaft urtheilenden Denker zu überzeugen vermöchte? — Durch die von Juden ausgeübten Handwerke werden die christlchen Meister in ihrem Erwerbe beeinträchtigt — sagen sie — allein was können sie als Beweise dieser Behauptung anführen? Das Beispiel? Dies zeigt gerade vom Gegentheil; wo die Juden bereits emancipirt worden, ist der Stand der christl. Handwerker derselbe geblieben. Bei uns, wo die Juden beinahe ausschließlich Handel treiben, bereichern sich Pie christlichen Kaufleute nichts destoweniger. — Oder wollen sie sich etwa aufdie Natur der Sache berufen, indem sie behaupten, daß sich der Gewinn nothwendigerweise, sobald die Zahl der Arbeit zunimmt, verringern müsse? — Wer sieht aber nicht ein, daß dieser Gewinn doch nimmer unter ein gewisses Minimum hcrabsinken könne, worin der Handwerksmann noch immer den Lohn für seine Arbeit fände, so wir anders nicht die Ungereimtheit voraussetzen wollen, daß die Juden selbst in dem Falle, wenn es mit einem oder dem andern Gewerbe durch die Concurrenz dahin käme, daßdie Betreibung desselben nicht mehr lohnend wäre — daßdie habsüchtigen Juden, sage ich, dasselbe dennoch ohne allen Nutzen, ich' weiß nicht, ob aus Nächstenliebe, oder um die Christen zu rui. nircn, fortseßen würden? Oder wollen sie die höhere Bildungsstufe der Juden, und ihre, wie in allem andern, so auch in den bürgerlichen Gewerben mit aller Wahrscheinlichkeit vorauszusetzende Gewandtheit als Motiv geltend machen? — Allein wenn es sich die Legislatur in der That zur Aufgabe gestellt, die Unkenntniß und Ungeschicktheit in Schutz zu nehmen, wenn sie sich berufen, berechtigt glaubte, jede größere Gewerbthätigkeit zu unterdrücken, jedem Talente Fesseln anzulegen, damit nur die behäbige Mittelmäßigkeit um so üppiger emporwuchere, damit der Verdienstvolle dem Verdienstlosen den Lohn nicht aus den Händen nehmen könne; wenn, sage ich, die Legislatur sich das zum Ziel genommen — und daß dies in der That an manchen Orten, wenigstens in praktischer Beziehung, der Fall war, beweisen die Zünfte, — ist es wohl dann mit der Ausschließung der Juden abgethan? oder wäre es vielmehr nicht räthlich, auch alle jene Christen ausznschließen, die in der Ausübung des einen oder des andern Gewerbes mehr Gewandtheit vcrrathen, so wie überhaupt alle Fremden, die als geschicktere Meister die armen Einheimischen gefährden könnten — mit einem Worte: wäre es nicht besser Jedermann auszuschließen, der durch mehr Verstand oder Kapital feilt Handwerk zweckmäßiger betreiben könnte, und nur dem eine Befugniß zu ertheilcn, der durch ein strenges Examen zur Genüge dargcthan, daß-er, gemäß seiner Ungeschicktheit und Unkenntniß, Niemand zu beeinträchtigen im Stande sein werde? — Man wolle mir nicht vorwerfen, daß ich meine Widersacher einer Absurdität zeihe; es ist fürwahr nicht meine Schuld, wenn ich, von ihren Prämissen ausgehend, mit einer einfachen Logik auf nichts als Ungereimtheiten stoße. Das eben ist das Hauptmerkmal jeglichen falschen Begriffes, daß es bei einigem Nachdenken und logischer Folgerichtigkeit beinahe unmöglich ist, am Ende nicht einer Absurdität entgegentreten zu müssen. — Wenn also das lebende Beispiel vom Gegentheil zeugt, wenn aus der Natur der Sache ganz andere Dinge hervorgehen, und die größere Gewandtheit der Juden doch auch nicht als Motiv gegen ihre bürgcrl. Gleichstellung geltend gemacht werden kann, woraus wollen sie nun die Gefährlichkeit der Emancipation folgern? (Forts, folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.