Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1843)
- Date
- 1843-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Die Versionen waren allerdings abgeschmackt genug, s» daß wir Anstand nahmen, in unserm Blatte Erwähnung davon zu thun. Einmal sollte ein ungeschickter jüdischer Kutscher den Großinquisitor umgeworfen haben, dann hieß es wieder, der Papst habe bei dem Nothschild'schen Hause eine Anleihe machen wollen, und habe einert Korb bekommen und dgl. Wir wünschen herzlich, daß obige Nachricht nicht auch zu den Versionen gehöre. Ueber den bekannten Ukas, die Uebersiedelung der Juden von der russischen Gräuze betreffend, hört man gleichfalls die verschiedensten Versionen, wovon eine die andere immer wieder aushebt. Bis jetzt ist noch alles beim Alten. Die in Petersburg niedergesetzte Rabbinen-Commission zur Bildung der Israeliten, ist durch die Minister der Volksaufklärung geschlossen worden. Ob sie Berge oder Mäuse gebären wird, diese merkwürdige Commission, wird die Zukunft lehren. Uebrigens ist in dem Culturzustande der dortigen Juden eine kleine Geburt der Aufklärung auch schon was Großes, und mithin wird Liese Commission immer einen merkwürdigen Abschnitt in der Bildungsgeschichte der zahlreichen russischen Juden machen. (Auszug eines Schreibens aus Swinemünde.) . . . Ueber Juden in Pommern habe ich nur wenig Interessantes in Erfahrung gebracht. Die Lage dieser Provinz, in geistiger Beziehung, liegt weit ab von der tropischen Zone; hier, wie überall, beherrscht das geistige Klima der Oertlichkeit Christen und Juden in gleichem Maaße — wie sichs christelt, so jubelt sichs — daher von dieser Seite, Stettin und ein kleines, sehr beschränktes rc. ausgenommen, wenig Ausgezeichnetes von unfern Glaubensbrüdern. Aber gutmüthig, brav und bieder sind sie, denn die Pommern sind es überhaupt. Eben so sind sie ziemlich heterodox, weniger weil sie wissen warum? als weil überhaupt die religiöse Stimmung der Provinz, in der daö reformirt-protestantische Element vorherrscht, weit von Orthodoxie entfernt ist. Ihre Stellung — Handel und Gewerbe — ist gut, und dieß genügt ihnen; um eine politische Gleichstellung, lassen sie sich kein graues Haar wachsen. Ich weiß nicht einmal fiel er, ob sie ihnen dem Namen nach bekannt ist. Der Seperatismus zwischen Juden und Christen ist dort fast eben so groß, wie in der Hauptstadt — in Berlin. — Nur ist hier in Pommern, vielleicht die Schuld mehr Erster» zuzuschreiben. dort Letzter«. Ich hätte vielleicht in Swinemünde über die Juden in Pommern, deren viele im genannten Orte die Kur gebrauchen, mehr in Erfahrung bringen können, wenn mich nicht die russischen Juden, die ich hier auf den großen russischen Kriegsschiffen getroffen, nicht allzusehr in Anspruch genommen hätten. Es ist übrigens schwer, den russischen jüdischen Soldaten, als Juden zu erkennen. Nicht allein weil die Physiognomie des slavischen Bölkerstammes weniger auffallend von der der Juden sich unterscheidet, sondern, weil die Unglücklichen von Kopf bis Fuß so mit Schmutz bedeckt sind, daß der orientalische Typus kaum hrrauszufinden ist. Auf dem größten Dampfschiffe Rußlands — Kamschatka genannt — sind 16 Juden, auch der Maschinist ist ein Jude. Der Schiffsarzt ist rin getaufter Jude. Die ich gesehen und gesprochen, sind alle verheiratet. Es wäre auch etwas lang, wenn sie damit bis auf ihren Urlaub warten wollen, da sie 20 — 25 Jahre zu dienen haben. Es ist kaum zu begreifen, wie sie mit ihrem Gehalt, der jährlich ungefähr 5 Rubel ausmacht, ihre Familie ernähren können. Im Sommer sind sie gewöhnlich'aus der See, im Winter sind sie in Kronstadt stationirt, wo sie ihr Handwerk treiben; denn die Meisten unter ihnen sind Handwerker, und zwar solche, die man in Deutschland noch selten unter Juden findet, wie z. B. Maurer, Zimmerleute:c. In ihren religiösen Zeremonien werden sie nicht nur nicht gestört, sondern sie werden nach einem ausdrücklichen Befehle des Kaisers dazu angehalten. So ist ihnen Morgens eine Stunde Zeit gelassen, in einem eigens dazu bestimmten Gemache ihr Gebet zu verrichten. Extra Speisen werden ihnen nicht verabreicht, auch müssen sie an Sabbat- und Festtagen arbeiten. Da während der C'E’ russische Schiffe in dem Swinemünder Hafen zu liegen pflegen, so pflegt rin Swinemünder alter, ehrwürdiger Jude, dessen Aeußeres wenigstens den Charakter eines alten Rabbinrn trägt, zum Admiral zu gehen und ihn im Namen seiner Religion, für deren Priester er gilt, auszufordern, seinen Glaubensgenossen auf dem Schiffe, den Besuch der Synagoge zu gestatten, was auch bis jetzt noch nie abgeschlagen worden. Es sollen über 10,000 Juden in russischen Kriegsdiensten stehen, da nun von 500 Seelen der männlichen Bevölkerung gewöhnlich 2 conscribirt werden, so muß demnach die Anzahl der Juden in jenem Reiche sehr groß sein. Was man hierüber in Lehrbüchern findet, ist meistens falsch. Die russischen Behörden wissen selbst nicht, wie viel Juden im Reiche sind. Ebensowenig, wie ihnen die Anzahl der andern im Reiche befindlichen Religionsbekrnner, als solche, bekannt ist. Die Heiligen-Firma Lehren u. Compagnie hat eine gewaltige Erschütterung erlitten. Obgleich nämlich derselbe bei seiner jüngsten Reise durch sein theils getreu gebliebenes, theils abgefallenes, Reich, eine neue Vergoldung auf seinen verblichenen Heiligenschein aufzutragen bemühet war. Jnhaltschwere Aktenstücke sind aus Jerusalem angekommen, die der Heiligkeit und Herrlichkeit Lehrens gewaltig zu Leibe gehen. Unter Andern ein Schreiben des portugiesischen Rabbinats von Jerusalem, das Lehren und seine Genossen dringend um Rechnungsablage angehet, dieselben ihrer Funktionen entsetzt, alle frühere Vollmachten für nichtig erklärt, und die Fortsetzung ihrer bisherigen Wirksamkeit mit dem Banne bedroht. An ihrer Stelle werden Baron A. v. Rothschild und Moses Montesiore zu Verwaltern der Palästina-Gelder gewählt. Außerdem sollen die entscheidendsten Aktenstücke angelangt sein, welche die früher aufgestellten Beschwerden gegen die Lehren'sche Verwaltung aufs gravitendste bestätigen. Rabbine Kohn in Hohenems hat den ehrenvollen Ruf als Prediger nach Lemberg erhalten. Seine Probepredigten haben sehr angesprochen. Mancher Graubart schüttelte das Haupt und wiegte sich bedenklich, aber er blieb ruhig und aufmerksam, und das ist iu Lemberg viel, unermeßlich viel. Gegen den Inhalt der Predigten war allervings nichts einzuwenden. Allein in der Regel wird über das, wovon die gesunde Vernunft glaubt, eS wäre nichts dagegen einzuwenden, am meisten gelärmt. Die