Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1843)
- Date
- 1843-10-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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*S1 vorzugunge«, den strikten Beobachtern rabbinischer Satzung gegenüber zu erringen. Wir halten unsere bürgerliche Gleichstellnng für eine in die Entwickelung humaner Principien mit inbegriffene Frage» an deren endlicher Lösung zwar unsere theuerste Hoffnung hängt, die jedoch nicht zunächst das moralische Bedürf« niß in uns erregt, den mosaischen Glauben vor der tiefsten Erstarrung, der heillosesten Verkümmerung zu bewahren. Wir können nnd mögen keine Dogmen 'ausstellen: unsere Erklärung läßt die innern positiven Grundlehren des Glaubens, sowie das Verhältniß, das Jeder je nach seinem geistigen und gemüthlichen Bedürsniß zur Religion hat, vollkommen unberührt, und kann daher keineswegs den Zweck haben, eine besondere religiöse Gemeinschaft zu begründen oder die alte zu erschüttern. Sie soll nur die Stellung, welche viele Israeliten schon längst innerhalb ihrer Religion eingenommen haben, auch nach Außen hin in deutlicher § Gränze bezeichnen, und so dem Staat und der öffentlichen Mei-! nung gegenüber vertrauensvoll jeden Rückhalt aufheben, jede! eigensüchtige Trennung schwinden lassen. Daher bedarf diese j Erklärung keiner Aufzählung von positiven Anerkenntnissen, son- § dern hat blos den Zweck, dasjenige, was man uns bisher, aus j Gewohnheit, als zu unsrem religiösen Bekenntnisse gehörig im-! putirte, von uns abzuwälzen. Wir erklären laut die Meinung, § zu der wir uns bekennen, auf daß Jeder, der diese Meinung theilt, seine Gleichgesinnten erkenne, und sich wohl fühle in dem i Gedanken, einer Gesammthcit anzugehören, der er sich anreihen j und der er seine Kinder und Schützlinge zuführen könne. j Wir versagen uns die Hoffnung nicht, in das Acußere der Religionsübung diejenigen Aenderungen eintreten zu sehen, die dem geläuterten mosaischen Begriffe entsprechen. Besonders hoffen wir aufrichtige und sachkundige Neligionölehrer durch diese Erklärung zu überzeugen, daß die Wahrheit in Israel eine Gemeinde habe. Möge denselben die Gelegenheit und die Unabhängigkeit nicht fehlen, dasjenige, waS in der That den Kern ihrer Bestrebungen bezeichnet, immer offener herauszustellen und den religiösen Standpunkt wahrheitliebender Laien mit dem ganzen Gewicht ihrer Gründe, mit der ganzen Weihe ihrer Stellung zu unterstützen — eine Wirksamkeit, der dieselben sich bisher kaum annähernd hingcben konnten. Am Wenigsten ist eö unsere Absicht, den strikten Anhängern der rabbinischen Judenthnms wehe zu thun. Hoffen wir, daß es aufrichtigen Bemühungen gelingen wird, dem Judcnthum nicht nur eine würdigere Form zu geben, sondern auch seinen innern Gehalt reiner hervorzustellcn und Alles, waS unsere Religion in den Augen der denkenden Menschheit entwürdigt und erniedrigt hat, von ihr zu entfernen. Schon jetzt fühlt jeder Theilnehmer die lohnende Genugthuung, in Bezug aus daö höchste geistige Interesse seinen Standpunkt gewählt und der Wahrheit die Ehre gegeben zu haben. Beginnen wir daher mit festem Muthe ein nicht nur bürgerlich nothwendiges und geistig berechtigtes, sondern auch ein höchst sittliches und in Wahrheit gortgefälliges Werk. II. Erklär»»-. Erstens. Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung. Zweitens. Die gewöhnlich mit dem Namen Talmud bezeichnete Sammlung von Kontroversen, Abhandlungen und Vorschriften hat für uns weder in dogmatischer, noch in praktischer Hinsicht irgend eine Autorität. Drittens. Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurücksühre, wird von uns weder erwarret noch gewünscht; wir kennen kein Vaterland als dasjenige, dem wir durch Geburt und bürgerliches Vcrhälrniß angehören. HI. Das Eirrla-rmgsschreibe». Ew. Wohlgeboren erlauben wir uns zur Theilnahme an einem Unternehmen einzuladen, dessen innere Beweggründe Sie in dem beiliegenden kurzen Programm entwickelt finden. Die beifolgende Erklärung ist bereits am hiesigen One von einer Anzahl achtbarer Israeliten, die großenthcils zu den angesehen sten Familienvätern unserer Gemeinde gehören, unterschrieben worden; außerdem sind in vielen Städten des Vaterlandes geachtete Männer zur Theilnahme und zur eifrigsten Förderung der Sache bereit. Immer ernster stellt sich die Nothwendigkeit heraus, daß für diejenigen Israeliten, die sich von dem herkömmlichen entstellten Judenthun, fast ganz getrennt haben, ein auf Wahrheit beruhendes Derhältniß zu unserer Religion festgcstelll werde. Allgemein sehnt mast sich nach einer Glaubensform, wie sie im reinen Mosaismus begründet und von trefflichen Schriftgelehrten unserer Zeic angedeutet ist; nach einer Glaubenösorm, von der Alles, was lediglich in den vorzeitlichen klimatischen und staatlichen Verhältnissen der Israeliten begründet, so wie Alles, was im Laufe der Geschichte bedeutungslos geworden ist oder einer höheren vaterländischen Gesittung nicht enspricht, entfernt werde. Namentlich können und sollen die Satzungen des Talmuds, der bei den Juden niemals durch ein bindendes Gesetz eingesührt oder sanktionirt wurde, der seine Autorität nur einem in finstern Jahrhunderten entstandenen Gebrauch verdankt, in unfern Tagen, wo der Gebrauch ihn aufgiebt und die Stimmung ihn verläßt, als ungültig und unverbindlich erkannt werden. Wenn überhaupt jener Sammlung von Kontroversen, Deutungen, Legenden und Vorschriften der innere Gebalt und die äußere Weihe eines religiösen Koder durchaus nicht beiwohnt: so ist dieselbe noch außerdem einem großen Thcil der jetzigen Generation nur insofern bekannt, daß man sie hin und wieder als ein Hinderniß dereligiöfcn und bürgerlichen Fortschritts bezeichnen hört. Gleichwohl ist dieses entstellte, dem Geist des Mosaismus entfremdete Judenthum noch immer diejenige Glaubenssorm, die