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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-10-29 · Heft 44 (29.10.1843) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 44 (29.10.1843)
Date
1843-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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180 sich -«schrieben — was eben so wenig dessen vormosaischer Entstehung zu Grunde liegen konnte. Wenn dieser Zustand nun wie alles Geschichtliche in sich selbst seinen Grund und seine Rechtfertigung haben mochte, so konnte er auch wiederum dem Umschwung der Geschichte nicht widerstehen. Es kamen Zeiten, wo im.Völkerlebcn eine rein menschliche Anschauungsweise sich geltend machte und das Historische sich mit den Forderungen der prüfenden Vernunft vereinbaren mußte. In allen solchen Perioden zeigte sich auch unter den Juden ein energischer Aufschwung, obwohl sie zum großen Verband der Völker nicht mitgezählt wurden. Die Gcdankenkrast strebte bei den Anhängern des MosaismuS um so elastischer empor, als härter sie zurückgedrängt gewesen war. In jeder solchen Zeit nun erkannten die erwählten Geister unter den Juden den schrecklichen Abstand zwischen der innern Reinheit und Würde ihrer göttlichen Wahrheit und der praktischen Verwilderung, der entstellten Aeußerlichkeit ihrer Religion. Eine freiere Bildung brachte sie dahin, von der Nation, unter der sie lebten, alle geistigen und gemüthlichen Elememte in sich aufzunchmen. Mit Entsetzen sahen sie die Kluft, die ihren äußern praktisch-religiösen Standpunkt von dem höhern Bewußtsein, wie es sich besonders in den europäischen Nationen mänisestirte, getrennt hielt. Sie suchten aus der wüsten Umhüllung das Kleinod der geistigen Wahrheit zu retten und nachzuweisen, daß das reine Judenthum demjenigen, was andere Gemeinschaften als höchstes geistiges Gut erkannten, nicht nachstehe. So traten Männer auf, die den Kern des ewigen Gedankens von der äußeren Hülle der Gebräuche zu sondern sich bemühten. Fanden sie doch die höchsten und strahlendsten Urbilder solcher Bestrebungen schon in den Propheten des alten Testamentes (vor allen im Jesaija und bei dem Psalmisteu), die laut verkündeten, daß der Geist des Gebotes unabhängig sei, vom Blute der Stiere. Freilich dauerte wohl von der anderen Seite in unserer neuen Zeit das Bestreben fort verrottete Mksbräuche und höchst unwürdige Gewöhnungen als religiöse Gesetze zu erhalten. DaS Absurdeste sollte wissenschaftlich und gemüthlich begründet werden. Reformversuche fanden meist nur in so fern statt, als man unfern Glauben den Religionsübungen anderer Gemeinden liturgisch und katechetisch anzunähern suchte, oder mit den strikten Anhängern des Rabbinismus eine Uebereinkunft eröffnen wollte. So eroffnete sich der Sophistik ein weites Feld und der Verfall wurde nicht gehemmt. Selten dachte man daran, die ewige Bildungsfähigkeit des Mosaismus hervorzuheben und so dem Geiste fein Recht zu vindiciren, nach welchem er die göttliche Wahrheit in sich aufnimmt uud, im Einklang mit jeder menschlichen Entwicklung, rastlos weiter bildet. Insofern ist eine Wahrheit in der oft ausgesteütent Behauptung, daß von den Juden bis jetzt kein entschiedener Schritt geschehen sei, um ihre Religionsübung mit jener höheren Kultur in Uebereinstimmung zu bringen, die ja auch sie umfaßt und der sie ihr geistiges Fortschreiten zumeist verdanken. Von der rabbr'ni scheu Jurisdiktion und dem geistlichen Strafrecht har «ns, zum Heil und zur Freude aller Gutgesinnten, die Civilisation befreit; die Religion von ihren verjährten Entstellungen zu läutern und sie in ihrer reinen Würde herauszustellen, muß die Frucht unserer eigenen Geistesarbeit sein. In unseren Tagen ist der Zwiespalt zwischen der inneren Wahrheit des 'Judenthums und seiner äußeren Erscheinung auf das Höchste gestiegen. Durch die geistige Bildung der Zeit getränkt und genährt, sind Viele derer, die im mosaischen Rcligionsverbande leben, zu der Ueberzeugung gekommen, daß unter den praktischen Vorschriften, die an das heutige Judenthum geknüpft sind, die meisten auf menschlichen, zeitlich beschränkten Voraussetzungen beruhen. Während sie also mit Recht das Aeußerliche zum größten Theil als bedeutungslos, als geistig unberechtigt, ja zuweilen als einer geläuterten Gesittung unwürdig erkennen, schöpfen sie den inneren Gehalt, die göttliche Wahrheit, die ein früheres Geschlecht in der Lehre fand, jetzt nur auS den Schätzen der Weisheit, die so viele große Geister aller Nationen gewonnen haben. So haben sich Tausende von der Theilnahmc am talmudisch - rabbinischrn Judenthum innerlich losgesagt, und sind nur noch durch Gewöhnung, durch die Controlle des Staats, durch eine aus Familienempsindungen hervorgehende Anhänglichkeit äußerlich an die mosaische Religionsgemeinschaft gefesset. Verderblich und unmoralisch ist dieser Zustand; dcrm so lang der Mensch in der Gesammtheit lebt, soll er äußerlich und praktisch nicht einen ganz andern darstctten, als er innerlich ist. Der Jude, dem feine Religion in dieser Art gleichgültig geworden ist, hat nur noch die Wahl, ob er ohne Sinn und freien Willen an der Stelle, wohin die Geburt ihn brachte, aus Gewohnheit stehen bleiben und jeder Anknüpfung seines geistigen FühlenS an einen äußeren Verband ferner beraubt fein will, oder — ob er/ nach einer Form sich sehnend, unbekümmert um die innere Ueberzrngung sich, wenn auch nur äußerlich, einem andern Verbände änschließen will, der ihm mehr innere und äußere Anhaltspnnkle zu gewähren scheint. Wer mit diesen Auswegen sich nicht beruhigen mag, der wird, siatt in indolenter Lethargie zu verharren, vielmehr an der Entwickelungsfähigkeit des Glaubens festhalten und also seinen geistigen Standpunkt mit seinem Drkenntniß in Einklang zu bringen suchen. Hat jedoch die äußere Entartung des Judenthums euren verderblichen uud entwürdigenden Einfluß auf den Mann, der seinen bürgerlichen Standpunkt mit Ueberlcgung sich auswählcn und feststellen darf, so sind die Folgen noch schädlicher für die Heranwachsende Jugend uud für die Frauen. Die Frauen durch ihre Stellung im Leben vorzugsweise auf Innerlichkeit, aus Gemüthsregung angewiesen, entbehren jedehöheren Anknüpfungspunktes; die Jugend aber wächst auf, unter Zweifeln, Täuschungen und inneren Konflikten, die jede tiefere religiöse Anregung paralyfiren. Don diesen Gedanken bewegt, hat sich eine Anzahl deutscher Israeliten entschlossen, ihre Meinung über das Judenthum in seiner jetzigen Gestaltung durch eine öffentliche Erklärung auSzusprechen, und von allen verwerflichen Satzungen und verlebten Gebräuchen, die sie schon längst stillschweigend aufgegeben, nunmehr sich förmlich loszusagen. Es ist nicht die Absicht dieser Erklärung, uns staatliche Be-

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