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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-10-29 · Heft 44 (29.10.1843) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 44 (29.10.1843)
Date
1843-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Beilage zum Israelit des LS. Jahrhunderts zu Nr. 41 des IV. Jahrgangs. I. Programm zu einer Erklärung deutscher Israeliten. Freunden religiöser Reform im Judenthume zur Beherzigung vorgelegt. Unter den verschiedenen geistigen Institutionen, welche die Weltgeschichte entstehen sah, hat sich der mosaische Glaube in großartiger Weise historisch bewährt. Die Religion, die Moses verkündete zu einer Zeit, wo die Volker umher in die Nacht des Heidenthums versunken waren, wo Menschenopfer, Zauberei und grauenvoller Geheimdienst grübt wurden: diese Religion hat eine kleine Schaar von Anhängern, durch alle Phasen der Weltgeschichte geleitet, und unter den verschiedensten äußeren Einflüssen stets aufrecht erhalten. Die Einführung jener ewigen Gotteswahrheit, die dem israelitischen Volk zum Leitstern und zur Vereinigung dienen sollte, wurde durch Gesetze und Gebote befördert, deren manche in den entferntesten Perioden menschheitlicher Entwickelung ihre Zweckmäßigkeit bewiesen haben, ja für einen großen Theil der gebildeten Nationen ethische Bedürfnisse geworden sind; so vor Allem die Feier eines öffentlichen Ruhetags. Der Mosaismus war nicht nur das Höchste, wozu die Abstraktion, der denkende Geist sich bei jenen Urvölkcrn emporschwingen konnte; er schaffte der vernuftgemäßen GottcSlehre ihre Geltung unter den trüben, geheimnisvollen Wahnlehren jener Zeit; er setzte die höchsten Wahrheiten in ihre Rechte ein, indem er ihnen einen göttlichen Ursprung zusprach. So ist dem mosaischen Glauben eine fortwährende Bildungfähigkeit uranfänglich beiwohnend; und so ist rS zu erklären, daß er vielfach in der Weltgeschichte getrübt und verunstaltet wurde und dennoch nicht untergieng. Daher haben zu verschiedenen Zeiten der jüdischen Religionsgemeinschaft Männer angehort, die, vom MosaiSmuS ausgehend, die höchsten in ihrer Epoche möglichen geistigen Resultate fanden, und Propheten wurden nicht nur für den engern Kreis ihrer Glaubensbrüder, sondern für die Menschheit. Unter den Einrichtungen jedoch, die mit der Verkündigung deS MosaiSmuS Hand in Hand giengcn, bezweckten manche nur die Gründung einer priesterlich -thcokratischen, von anderen Völkern streng geschiedenen Nationalität; andere konnten ihrem Wesen nach nur als symbolische Einkleidungen religiöser Ideen, oder endlich als Civil-Einrichtungen für ein besonderes Land und eine besondere Zeit festgestellt erscheinen. Solche Gebote, die zunächst auf Kultur, Lebensweise, politische und hierarchische Verfassung der damaligen Israeliten berechnet waren, erhielten zwar durch Anlehnung an die Religion eine höhere Geltung und Weihe, so wie sie rückwirkend dieser eine nationelle, alles Fremde ausfchlirßende Form gaben. Als aber im Laufe der Geschichte der israelitische Staaköverband untergieng, mußte auch diese Beziehung erlöschen. So fiel der größere Theil der mosai- . schen Vorschriften und Gesetze von selbst zusammen, unter denen hier die Anordnungen über Grundbesitz, VokkSeintheilung, Bevorrechtungen der Priester und der Leviten genannt sein mögen, so wie jene, die mit dem Tempel- und Opferdienst, oder mit dem Straf- und Vergeltungsrecht in Verbindung stehen. Man hätte denken sollen, daß auch manche, Absonderung bezweckende Ceremonial-Gebräuche nun in Vergessenheit gerathen wären; allein dem Volke, das zum höchsten Gedankenschwung keines Wegs reif war, schmeichelte sich das liturgische und asketische Außenwerk leichter ein und wurde seiner Gewöhnung vertrauter, als die zu Grunde liegenden ewigen Wahrheiten. Indem man den Mosaismus, abgetrennt von Staat und Hierarchie, z» erhalten sich verpflichtet sah, legte man dem Ritualgesetz, im Widerspruch mit dein Geist und dem Worte der alten Propheten, einen selbstständigen, von seinem Einfluß auf das sittliche Leben unabhängigen Werth bei. Auf die Ausbildung und Erweiterung solcher Vorschriften wendeten Rabbinen und Schristgelehrte ganz besonders ihre Aufmerksamkeit. Bald wurde durch mißverstandene Lehreu und menschlich unvollkommene Satzungen, durch willkürliche Zuthat und subjektiv beschränkte Auffassung der geistige Gehakt des Iudenthums getrübt und entwürdigt. Diese äußerliche Richtung wurde noch vorherrschender, als die Inden unter alle Völker zerstreut wurden, als ein unduldsamer Druck sie streng aus sich beschränkte, und durch Gegenwirkung eine Sehnsucht nach dem Verlorenen hervorrief; durch blindes Anklammern an jede, auch die geringste Aeußerlichkeit suchte man das Gerettete zu bewahren und zu sichern. Dieses Streben mußte aber bei der beschränkten Bildung jener Zeit oft genug zu Satzungen führen, die mit einer fortgeschritlenen Kultur in grellem Widerspruche stehen, ja zuweilen dem Anstandsgefühl, den rein sittlichen Begriffen oder dem gesunden Menschensinne zuwider sind. Wenn im israelitischen Staate der Mosaismus gewisser ausschließender Formen, dem Bilderdienst und dem niedern sittlichen Standpunkte der heidnischen Nachbarvölker gegenüber, allerdings bedurfte, so war cS vollkommen unstatthaft, und nur wol durch den äußeren Druck zu erklären, daß das Judrnthurn solche Elemente noch inmitten der europäischen Gesittung mit Aengstlichkeir festhiclt. Der unausgesetzten Fortdauer dieses Bestrebens ist es zuzuschreiben, wenn über das Wesen des JudenthumS im Allgemeinen und über manche Einzelheiten ins Besondere, bei andern Konfessionen und bei der nichttheologischcn Menge ein falsches Urtbcil sich festfetzte, das seinen Anhängern nur schaden konnte. So gewöhnte man sich daran, den Ursprung der besonderen Lebensweise der Juden in ihrer Abneigung gegen Andersgläubige zu suchen; so betrachtete die gewöhnliche Meinung den Gebrauch der Beschneidung bald als ein Institut von sakramentaler Bedeutung, welcher Begriff in dieser Art im Jndcnthum gar nicht vorhanden ist, bald auch als rin Symbol der besonder» Reinheit, welche die Juden

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