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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-10-29 · Heft 44 (29.10.1843) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 44 (29.10.1843)
Date
1843-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ist unverkennbar. Die polnischen Juden, denen es von jeher gestattet war, sich allerhand Erwerbsmittel zu bedienen, und nicht wie in andern Staaten auf den leidigen Schacher und Geldwucher eingeschränkt sind, hören selten den Vorwurf des Betrugs. Sie bleiben dem Lande, worin sie leben, getreu, und ernähren sich auf ehrliche Weise. Ihre Mildthätigkeit und Fürsorge für ihre Armen, ihre Anstalten zur Pflege der Kranken, ihre besondern Gesellschaften zur Beerdigung der Lobten sind bekannt genug. Nicht etwa für Geld gemiethete Krankenwärter und Todtengräber, sondernj die Aeltesten der Nation beeifern sich, diese Hanklungen auszuüben. Die polnischen Juden sind freilich größtentheils noch nicht aufgeklärt, ihre Sitten und Lebensart sind noch roh, aber sie sind ihrer väterlichen Religion und den Landesgesetzen getreu, sie kommen Euch mit Höflichkeiten nicht zuvor, aber ihr Versprechen ist ihnen heilig. Sie sind nicht galant, aber eben darum sind Eure Damen vor ihren Nachstellungen sicher. Das Frauenzimmer wird von ihnen nach Art der Morgenländer nicht sonderlich geschätzt, aber um desto mehr sind sie auf Erfüllung ihrer Pflichten gegen dasselbe bedacht. Die Kinder w ssen von keinen auswendig gelernten Formeln, wodurch sie ihre Liebe und Ehrerbietung gegen ihre Eltern bezeigen (denn sie halten keine französische Demoiselles), aber um desto inniger bezeigen sie dieselbe. Die Heiligkeit ihrer Ehen, und die davon abhangende immer neue Zärtlichkeit, verdient besonders bemerkt zu werden. Alle Monat ist der Mann von seiner Frau (der monatlichen Reinigung nach rabbinischen Gesetzen) völlig getrennt, sie dürfen sich einander nicht einmal berühren, oder aus einer Schüssel essen und aus einem Becher trinken, und dadurch wird der Ueberdruß vermieden. Die Frau bleibt beständig in den Augen ihres Mannes, was sie als Mädchen in den Augen ihres Liebhabers war. Endlich, welche Unschuld herrscht hier zwischen unverheiratheten Personen! ja es geschieht oft daß ein Junge oder ein Mädchen von sechszehn oder achtzehn Jahren verheirathet werden, ohne von dem Zweck des Heirathens das geringste zu wissen, welches unter andern Nationen gewiß sehr selten der Fall ist. Geschichte des Tages. Wir haben bis jetzt über eine Angelegenheit, die überall das lebhafteste Interesse erregt hat, das Unternehmen der Frankfurter Reform-Freunde geschwiegen, weil es unseres Erachtens keinem öffentlichen Organ zustand, über jenes Unternehmen ein Urtheil zu fällen, solange die Unternehmer sich nicht selbst über ihre Absichten erklärt, ein förmliches Programm erlassen hatten. Jetzt ist nnn das geschehen, und wird diese hochwichtige Angelegenheit von uns in einer Reihe von Artikeln berochen werden. Einstweilen ermangeln wir nicht, das betreffende Dokument unfern Lesern in der Beilage vollständig zu geben, indem wir sie zugleich mit der uns aus sicherer Quelle gewordenen Mittheilung über den Hergang der Sache nachstehend bekannt machen, da das, was andere Blätter hierüber gesagt, meistens auf Entstellung und Unwahrheit beruht. »Anfang vorigen Winters traten nehmlich mehrere Männer, die die Nothwendigkeit einer Reform des Judenthums fühlten, zusammen, vr. Stern in Göttingen (in Frankfurt a. M. geboren) war einer derselben. Man kam überein, ein Programm zu entwerfen und die drei Punkte der beiliegenden Erklärung als Grundlage aufzustellen. Nach Göttingen zurückgekehrt, theilte vr. Stern die Sache seinem Freunde, vr. Rießer in Hamburg, mit. Dieser antwortete ihm in einem sehr ausführlichen Schreiben, machte Einwürfe gegen die entworfenen drei Artikel, verlangte theilS mehr Praktisches, besonders in Betreff der Beschneidung, theils die Ausstellung von Positivem, worauf ihm Stern in einer meisterhaften Darstellung antwortete. In dieser entwickelte er, wie schwierig es sei, etwas Positives, das völlig genüge, auszustellen, sprach seine religiöse Ueberzeugung, die aber keineswegs bei einer Reform als Norm dienen könnte, unumwunden aus, und bewies die große Wichtigkeit der Beseitigung des Talmuds. Auf Er suchen erhielten die übrigen Mitglieder des Vereins Abschriften beider Schreiben, diese wurden verschiedenen Personen mitgetheilt und geriethen u. a. in die Hände eines Mannes, wo ein Anhänger des Alten sich eine Abschrift devon machte. Mannigfache Ursachen und Zufälle brachten einen Stillstand in der Angelegenheit hervor. Aus einmal wird mehreren Personen, auch angcsehenen Christen, ein lithographirtes Schreiben annonym zugeschickt.*) In demselben wurden den drei Artikeln Stellen aus dem Schreiben des vr. Stern, gleichsam als Commentar beigeügt, und zwar diejenigen, wo er sich über Religion im Allgemeinen frei ausspricht. Man wollte dadurch andeuten, als sei Zerstörung aller Religion die geheime Tendenz des Vereins und denselben dadurch verdächtigen. Ein jüdisches Journal lies nun bekanntlich jenes Schreiben sogleich abdrucken. Dasselbe that die die deutsche allgem. Ztg., worauf vr. Stern in einem Schreiben an letztere sich auf eine sehr würdige Weise aussprach, vr. Rießer fand sich verletzt, weil er in den Zeitungen als einer der Führer des Vereins bekrittelt ward, und glaubte sich gedrungen, eine Erklärung deßsalls in den Orient und die Zeitung des Judenthums einrücken zu lassen. Nicht im Zusammenhänge mit dem Verein steht der Vorfall mit der Beschneidung. Ein angesehener junger Mann hat solche unterlassen; der Rabbine har hierauf eine Eingabe an den Senat gemacht, und zugleich rin Circularschreiben an viele Rabbknen erlassen, worin er sie um ihr Gutachten üder die Sache ersuchte. Da es hier nicht darauf ankömmt, wie groß die Sünde, sondern ob ein Nichtbeschnitttener dennoch Jude sei**), *) Auch wir haben ein solches erhalten, jedoch natürlich keine Notiz davon nehmen können. Redaction. **) Auch Holdheim weist in seiner neuesten Schrift (die Auto" nomie der Rabbinen) nach, daß der Jude nicht durch die

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