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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-10-29 · Heft 44 (29.10.1843) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 44 (29.10.1843)
Date
1843-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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116 ondern vermittelst der Kräfte; auch spottet er über die Lehre, daß alles von der Gottheit vorherbestimmt ist, außer die Ausübung der Lugend. Findet irgend ein vernünftiger Theolog hierin etwas Lächerliches oder Gottloses? Ich müßte ein Buch schreiben, wenn ich alle die ungerechten Beschuldigungen und Verspottungen, die sowohl von christlichen Autoren, als selbst von den aufgeklärtfeynwollenden Juden, gegen die Talmudisten vorgebracht werden, widerlegen sollte. Wer in den wahren Geist des Talmuds eingedrungen ist, wer sich mit der Art der Alten überhaupt und besonders der Morgen!ander, theologische, moralische, ja sogar physische Wahrheiten in Fabeln und Allegorien vorzutragen; wer sich mit den morgen ländischen-Ueberlreibungen in Ansehung alles dessen, was die Menschheit interessiren muß, genau bekannt gemacht hat, und mit den Talmudisten so verfahren will, wie diese selbst zur Entschuldigung des Rabbi Maier, der einen Ketzer zum Lebrer hatte, in der eben angeführten Stelle sagen: der wird gewiß alle die Ungereimtheiten im Talmud nicht finden, die diese Herren so leicht darin zu finden geneigt sind. Diese Methode, theoretische oder praktische Wahrheiten, wenn auch durch die allerseltsamste Exegese, auf Stellen aus der heiligen oder auch einer andern allgemein geschätzten Schrift zu beziehen, als waren es Wahrheiten, die aus dergleichen Stellen durch eine vernünftige Exegese herausgebracht sind, ist, außerdem daß sie den Wahrheiten bei dem gemeinen Manne (der sie an sich nicht einzusehen fähig ist, und sie bloß auf Autorität annimmt) Eingang verschafft, auch noch als ein vortteffliches Gedächtnißmittel zu betrachten; denn da, wie vorausgesetzt, diese Stellen in jedem Munde sind, so werden auch die daraus gezogenen Wahrheiten dadurch aufbewahrt. Daher findet man sehr häufig im Talmud, wenn die Frage von der Deduktion eines neuen Gesetzes aus der heil. Schrift ist, daß der eine dieselbe aus dieser oder jener Stelle der heil. Schrift herleitet, der andere ihm aber dagegen die Einwendung macht, daß dieses nicht die wahre Bedeutung dieser Stelle sein könne, indem die wahre Bedeutung diese oder jene sei; worauf jener zu erwidern pflegt: Es ist ein neues Gesetz der Rabbinen, die es bloß auf gedachte Stelle beziehn. Da also diese Methode überall als bekannt vorausgesetzt wird, so halten es die Talmudisten für unnöthig, sie bei jeder Gelegenheit auts neue einzuschärfen. Ein einziges Deisviel wird hinreichend sein dieses zu erläutern. Ein Talmudist fragte den andern: was mag doch die Bedeutung folgender Stelle im Buch Josua 15, 22 sein: Kinah Dumiah weadadah. Dieser antwortete: Hier werden die damals bekannten Oerter des heiligen Landes gezählt. Ei freilich! erwiderte jener, ick weiß esr echt gut, daß dieß Namen der Oerter sind, aber Rabbi . . . weiß hier noch außer der eigentlichen Bedeutung etwas Zweckmäßiges anzubringen, nehmlich: (Kinah) wenn sein Nächster Gelegenheit zur Rache gibt (Weduminez) und wer dennoch schweigt (aus Großmuth) keine Rache übt (weadahah) dem wird der Ewige Recht verschaffen. Welche schöne Gelegenheit wäre hier nicht zum Lachen über den armen Talmudisten, der aus besonderen Namen von Oertern eine moralische Sentenz herleitet, und noch dazu aus dem letzten Namen, Sansenaz, auf eine seltsame Art eine Composition macht. — hätte sich nicht derjenige, der diese Frage vorlegte, selbst darüber erklärt, daß er nicht die wahre Bedeutung dieser Stelle, sondern irgend eine Lehre, die darauf bezogen werden kann, zu wissen verlange. So haben die Talmudisten auch die wichtige Lehre, daß es nemlich in Ansehung der Moral nicht aut bloße Theorie, sondern hauptsächlich auf Praxis ankomme, wodurch die Theorie ihren wahren Werth erhält, auf eine Stelle im Jesaias bezogen, wo es heißt: die Erwartung deines (von den Propheten verheißenen) Glucks, wird Stärke, Hülfe, Weisheit, Erkenntniß und die Furcht Gottes zur Folge haben. Sie beziehen daher die sechs ersten auf die sechs Sedarim oder Abtheilungen der Misna (welche die Grundlage der ganzen jüdischen Gelehrsamkeit sind) Enumath (Zutrauen, Erwarten) ist Scder Seraim. Etecho (Zeit oder Glücksumstände) ist Seder Moad u. s. w. u. s w., d. h. du magst in allen diesen 6 Sedarim noch so sehr bewandert sein, so kömmt doch die Hauptsache auf das letzte (die Furcht Gottes) an. Was übrigens die Rabbinische Moral anbctrifft, so weiß ich wahrhaftig nicht, was man daran auszusetzen hat, außer vielleicht bas in manchen Fällen zuweitgetriebene derselben. Sie ist der ächte Stoicismus, schließt aber deswegen nicht andere brauchbare Principien (der Vollkommenheit, des allgemeinen Wohlwollens u. dergl.) aus. Ihre Heiligkeit erstreckt sich sogar auf Gedanken. Sie beziehen dieses, ihrer Art nach, auf folgende Stelle des Psalms: Du sollst in dir keinen fremden Gott haben, indem sie sagen: welcher fremde Gott kann in dem menschlichen Herzen wohnen, als böse Begierden. Sie erlauben nicht einmal einen Heiden weder in Thaten noch in Worten zu hintergehen, wobei er doch nichts verlieren kann z. B. sich gegen ihn der gewöhnlichen Höflichkeitsformel: „ich freue mich Sie wohl zu sehn," zu bedienen, wenn sie nicht wahre Gesinnung des Herzens ausdrückt. Die Beispiele von Juden, die Christen oder Heiden betrügen, welche man gemeiniglich dagegen auführt, beweisen nichts, indem diese alsdann nicht den Grundsatzjen ihre-r Moral gemäß handeln. Das Gebot, du sollst nicht gelüsten nach allem, was deinem Nächsten gehört, legen die Talmudisten so aus, daß man sich sogar den Wunsch es zu besitzen, verwehrenmuß; kurz, ich müßte ein ganzes Buch schreiben, wenn ich alle vortreffliche Lehren der rabbinischen Moral anführen wollte. Auch der Einfluß dieser Lehren im praktischen Leben

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