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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-10-01 · Heft 40 (1.10.1843) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 40 (1.10.1843)
Date
1843-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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160 fernem Begriffe nach? Doch gesetztes sei dem so,, daß „die christliche" Liebe sich verleugnen und der Mensch hinter dem Juden zurücktreten" müsse, und zwar darum, „weil der Lehre Christi zufolge außer Christo kein Heil siür den Menschen bestebe" d. h. gesetzt es sei dem so, daß die Liebe mit der Heuchelei, gemäß der vermeintlichen Forderung des Christenthumes, sich vertragen könne, ließen sich dann nicht wohl die Israeliten in die Klasse unsrer Feinde stellen — abgesehen selbst davon, daß solche Feindschaft nur von christlichen Heuchlern ausgehen würde — ich sage unsrer Feinde, in Bezug auf welche Christus uns gebietet, Verzeihung von ihnen zu fordern oder. Verzeihung ihnen zu geben, und sie zu lieben? Bedenket doch, wird nicht gerade der christliche Geist durch die aufrichtige Liebe, mit der der Christ dem Israeliten zuerst entgegenkommen soll, auch in diesem um so mehr entzündet und genährt? Heißt dieß, daß „außer Christo kein Heil für den Menschen besteht", nicht etwas ganz Anderes, als daß man, um Christ zu sein und dem Himmelreich anzugebören, dieß schon durch den christlichen Namen, und durch äußerliche Aneignung einiger der Bibel entnommnen aber unverstandnen Formeln bezeuge? Wer diese Bedeutung in jenen Bibelworten suchen zu müssen, und freilich auch gefunden zu haben glaubt, der in der That hat das Wesen des Christenthumes sehr unchristlich aufgefaßt, und das wahrhaft - christliche Heil kennt er nicht. Das Christenthum will nemlich nicht, daß Glieder, die dem Geiste nach, ihm angehören, mit den übrigen christlichen Gliedern in einem sich widersprechenden Verhältniß stehen sollen. Darum ist es im höchsten Grade unchristlich, weil heuchlerisch, daß man versucht, den Widerspruch eines solchen Verhältnisses zu stützen. Denn dieß thut man offenbar dann, wenn man den Israeliten um ihnen die einen oder anderen Rechte zu verweigern, als Grund dafür, den Mangel an Menschenwürde vorwirft, wenn man ihnen einerseits die christliche Liebe theoretisch Vorhalt, um sie daran die Absolutheit des Christenthumes erkennen zu laßen, und ihnen andrerseits verweigert, in alle Rechte sie treten und ihnen Liebe zugleich angedeihen zu lassen: in welchem beschränkten Glaubenseifer die Israeliten gerade nicht die Absolutheit des Christenthumes wiedererkennen und darum ihre subjective Ueberzeugung von derselben da sie sich in dem einzelnen Christen nicht abspiegelt, jedesmal wieder zurückzunebmen haben. Und können wir es dem aufgeklärten Israeliten, falls er dem Geiste nach Christ ist, verargen, wenn er, ebne dadurch nur im Geringsten Haß erzeugen zu wollen, des Geständnisses sich nicht erwehren kann, daß auch in dem gegenwärtigen Christcnthume zu dem Wahren, das Falsche, zu dem Schönen, das Häßliche, trotzend sich gesellt? Der wahre Christ, als ein abgesagter Feind des theoretischen Jndifferentismus wie aller Heuchelei, wird eben um der Theorie willen, die stets nur gerecht ist, den Israeliten mit sich brüderlich verknüpft wissen, weil nur dadurch her durch Heuchelei genährte Haß abgestumpft, und die gerechte Opposition, die derselbe erzeugt, vermieden wird. Nur der falsche Christ kann darauf beharren, daß die Israeliten, obgleichMe ihrer untergeordneten Stellung und der schnöden Behandlung, der sie sich Preis geben müssen, als Menschen, die menschliches Gefühl haben, sich recht wohl bewußt sind, weshalb eben die Bedürftigkeit ihrer Provocation der Menschenrechte so schwer auf ihnen lastet, dennoch nicht einmal auf Menschenwürde Anspruch machen sollen. Nur der falsche Christ redet darum von einer sittlichen Schmach, der die Israeliten verfallen seien, um sie als Grund ihrer vermeintlichen Emancipationsunfahigkeit zu betrachten, uyd vergißt, daß sie zumeist nur eine Folge des allgemeinen Druckes war. Nur der falsche Christ behauptet, daß der frühere Druck sie hätte veredlen und bessern sollen, und bedenkt nicht, daß der Druck nicht veredlen kann, der nicht um der Veredlung selbst willen auferlegt, sondern nur dem subjectiven Haß entsprungen ist. Aber der wahre Christ weiß, daß jene geschichtliche Thatsache des vormaligen Nichtgebessertseins, durchaus kein Beweis ist, für die willkürliche Voraussetzung, daß der der Jsraelite unverbesserlich sei. Der wahre Christ weiß bestimmt, daß jenem Drucke kein unmittelbar di§ Juden betreffender wahrhaft sittlicher Zweck zu Grunde gelegen hat, weßhalb er sich die Fragen aufwerfen muß, was wohl den christlichen Staat des 19. Jahrhunderts dazu berechtige, noch länger die Juden in jene untergeordnete Stellung zurückzuweisen, da ihn ja die Vernunft lehren sollte, daß jene Unterordnung unter die übrigen christlichen Glieder den Zweck vefehlt; und was wohl ferner die einzelnen Glieder des christlichen Staates dazu verpflichte, ein wahrhaft humanes Verhältniß zu den Israeliten gar nicht aufkommen zu lassen, da ihner; wiederum die Vernunft nicht desavouiren kann, daß ein solches dem eignen wie allgemeinen Besten, nichts weniger, als zuwider und gefährlich ist? Der wahre, einsichtsvolle Christ, laßt sich nicht einreden, daß „die Betriebsamkeit der Juden mit den Interessen der Geschichte Nichts zu thun habe", indem er einerseits sehr wohl weiß, daß es für die Menschen auch andere Interessen, als Interessen der Geschichte gibt, d. h. auch solche, von denen die Universalgeschichte uns nichts berichtet; und andrerseits ahnet, daß das Judenthum an dem großen Gange der Geschichte der folgenden Decennien unsres Jahrhunderts sicherlich ebensosehr betheiligt sein wird, als die deutsche Philosophie, da die Bestrebungen der Israeliten und das Fortschreiten des Protestantismus schon jetzt eine Convergenz zweier Linien bilden, die früher oder spater Zusammentreffen. Weg also mit Eurem Haß! Weg mit Eurer Furcht! Dem wahren Christen ziemt es, zunächst Vertrauen zu haben, auf den Geist, dann in humaner Weise mitzuwirken, und das Werk der Liebe zu fördern.

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