Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1843)
- Date
- 1843-09-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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156 habe, ohne zugleich auch darzuthun, wie es feinem Begriffe nach in' selbstbewußter Weise diese Ausschließlichkeit nicht durch das in sich abgegranzte Gebiet des Glaubens und den an sich endlichen — weil undurchdringlichen — Glaubenseifer, sondern nur durch die Liebe, die das Christenthum gibt, indem es sie fordert, wirklich zu vollziehen hat, da allein ja die Liebe es ist, die Alles ausschließt, indem sie nichts ausschließt. Meint Ihr, daß das Christenthum die Aufgabe habe destructiv gegen die übrigen Religionen aufzutreten, und zumal gegen das Judenthum, welches der Absolutheit des christlichen Prinzipes am nächsten steht, indem es das Wesen der christlichen Religion im Keime enthalt? Das Christenthum will im Gcgentheil seinem Begriffe nach conservirend über sie hinübergreifen: denn es ist zugleich der geistige Fond, das Element seiner beiden Momente, und zumal des Judentbums; darum will die christliche Religion zwar ihrem Begriffe nach gegen ihr negatives Moment, das Heidenthum, obwohl doch nicht opposi'tiv, so doch negativ auftreten, indem es zwar nicht die formelle, doch aber' die materielle Seite desselben völlig zu neqiren strebt; zu ihrem positiven Momente jedoch, dem Judenthume, verhalt sich die christliche Religion nicht anders als conservirend, indem es nicht die materielle, sondern nur die formelle Seite desselben allmählig abzustreifen hat. Darum läßt die christliche Religion ihrem Begriffe nach ihre Momente, soweit es denselben immerhin möglich ist, sich in sich vertiefen und in ihre Breite sich ergehen, ohne gegen sie Gegenpartei zu bilden, wobei zunächst dieß festzuhalten ist, daß an sich die ganze Menschheit die Totalität ihrer Glieder bildet, ihr wahres, inneres, positives Moment aber doch das Judenthum ist. Jemehr nun den Israeliten freier Spielraum gelassen wird, zumal wenn ihnen die Möglichkeit, sich frei zu entwickeln, von der Natur nicht versagt ist, um so mehr wird das Christenthum als Grundlage des Judenthums in ihm bervorleuchten, sich in ihm abspiegeln, sich in ihm wiederfinden. Darum der eben so richtige Tact als schöne Zug der Jesuiten, daß sie sich, ohne deren Religion anzutasten, mit den Juden befreundeten in wahrhaft humaner Weife. Betrachten wir die jüdische Religion — von der christl. getrennt — in ihrer formellen Seite, so ist sie die Religion der diesseitigen Zukunft, der gegenwärtigen Jenseitigkeit, oder, was dasselbe heißt, der jenseitigen Gegenwart, der zukünftigen Diesseitigkeit: der gebildete Jsraelite des 19. Jahrhunderts sieht wol ein, daß dieß eine eootradietro in adjecto ist. Die Partikularität aber, die hiermit verknüpft ist, abstreifen, das Getrenntsein von den Bekenner» der christlichen Religion aufheben, in die Rechte der Christen völlig eintreten, heißt in der That nicht anders, als den Anfang machen, diese ideale Gegenwart, in welcher das Wesen der jüdischen Religion sich bewegt, zur ebenso realen als idealen Gegenwart umzugestalten; es heißt nichts anderes als die Aufhebung des Widerspruchs des jüd. Selbstbewußtseins vorbereiten. Derselbe Widerspruch würde es daher sein, wollte man vom Judenthume reden, ohne es zugleich in seiner wesentlichen Beziehung zum Chriftentbume zu betrachten, ohne es selbst als im Keime begriffenes Christenthum zu erkennen, ohne einzusehen, baß das religiöse Leben der Israeliten das christliche dann nicht nur an sich, sonden an und für sich selbst iss wenn das Wesen ihrer Religion von seiner adäquaten, aber dem Judenthume als solchem etwas fern liegenden Erscheinung nicht getrennt sein wird. So wenig aber die Israeliten gewillet sein werden, mit der Aufhebung jenes Widerspruches auch ihren nationalen Charakter zu verwischen, so wenig kann es dem Christenthume seinem Begriffe nach obliegen, die Nationalität so aufzuheben, daß sie gänzlich absorbirt wurde. Zwar ist die christliche Religion nicht, wie jede andere, an eine bestimmte Nation gebunden, mit welcher sie stehe und falle — denn zum Christenthum gehören alle Nationen, die sich zur Humanität erheben, so daß ihr eignes, inneres Wesen, die Humanität, nicht der Nation als solcher sondern dem Christenthum selbst angehört; — sondern das Christenthum conservirt, vergeistigt und verklärt die Nationalität, ohne sie zu verletzen, so auch ihrem Begriffe nach die, wenn gleich gesprengte Nationalität der Israeliten, welche ebenso forrexistiren muß, als sie sich aufheben laßen will durch die Humanität. Dieß aber ist in der That nichts weniger als ein neuer Widerspruch, wie es scheinen möchte, so wenig es ein Widerspruch sein würde, wenn Jemand, der einen Anderen herzlich liebt, dennoch immerhin sich seiner ganz verschiedenen Abstammung bei nur formell verschiedener Religionsansicht bewußt bleibt. Mag es sein, daß dieß, wenn auch kein Widerspruch, so doch wenigstens eine Jnconsequenz genannt werden könnte; liegt nicht, genauer betrachtet, in dem Wesen und dem Principe des Christenthums, selbst die atterschärfste Jnconsequenz, die sich irgend denken läßt, ohne welche es aufhörte, christliches Prinzip zu sein? Hielten christliche Fürsten und der Papst selbst es nicht unter der Würde der Kirche, auch der Jnconsequenz — es kann jedoch eigentlich von einer Jnconsequenz dann nicht mehr die Rede sein, sobald alle möglichen Jnonsequenzen des Chrrstenthumes schon in seinem Principe aufgehoben sind — sich schuldig zu machen, daß sie die Juden in ihren Ländern geduldet, sa steht zu erwarten, daß an der höchsten Spitze des Protestantismus die Israeliten nicht blos geduldet — denn wo bloße Duldung herrscht, da sind auch Judenvertreibungen noch nichts Ungewöhnliches — sondern als völlig berechtigte Gieder der der allftitigen Humanität und Gesittung fähigen Menschheit brüderlich werden aufgenommen werden. Bedarf es demnach wohl, um die Möglichkeit der Judenemanclpation einzusehen, der Entgegnung, daß man Christ sein müsse, um Mensch zu sein? Wird dieß nicht schon implieite durch obige Worte angedeutet? Und hört nicht andererseits diese Erwiderung auf, auf