Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1843)
- Date
- 1843-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566891--0687-2568376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
136 „Die NMoneu des HterthuMs sind vtttergegsngen im Sturme der Zeiten, weil in ihrem nationalen Dasein die Macht und der Kriegsruhm und die Herrschaft, also Aeußeres und Vergängliches, die belebenden Elemente waren. Nachdem also diese Macht, dieser Ruhm und diese Herrschaft gebrochen warm, blieb keine Lebenskraft, kein Lebensstoff für.ein selbstständiges Gesammtleben mehr übrig; es wäre also wunderbar gewesen, wenn die besiegte Nation sich nicht mit der siegenden vermischt hätte, nickt in dieselbe aufgegangen wäre." (Ergänzend wird noch hinzugefügt, daß jene Herrlichkeit in Kunst und Wissenschaft des Alterthums sich stärker in Einzelnen, als in der Masse, in dem Nationalleben offenbarte, und darum auch das Gesammtlebrn nicht zu erhalten vermochte.) „Das religiöse Element dagegen, das im Judenthum waltete, offenbart sich seiner Natur nach nicht in wenigen begabten Geistern allein, sondern in der Menge. Es war in die Masse der Nation eingedrungen, ja es hatte sie eben zu einer Nation gemacht; es hatte die Gesammtheit belebt; darum konnte es auch die Gesammtheit erhalten. Während der wissenschaftliche und künstlerische Genius des Alterthums durch das Mittelalter hindurch im Staube der Bibliotheken und Klöster, unter der Asche verschütteter Städte begraben lag bis zur Stunde der Wiedergeburt, lebte der religiöse Geist des Judenthums in den Seelen der Gläubigen, deren Leiber in Judengassen und in Juden - Ordnungen eingepfercht waren; die Ghetto's glichen jenen unterirdischen Gräbern, aus denen eine bessere und hellere Zeit den Geist wieder ans Licht wekken sollte. Welche Zukunft diesem Geiste bevorsteht, das haben wir der Vorsehung anheim zu stellen; genug für uns, daß er eine Vergangenheit hat und eine Gegenwart, die jedem Auge, das sehen will, offen da liegt. Der reinste Inhalt dieses geistigen Lebens ist ein cigenthümlicher Gottes - Gedanke, eine andere Vorstellung von dem göttlichen Wesen, als die im Christenthum herrschend gewordene. Wir haben hier nicht über die Wahrheit und den relativen Werth dieser Vorstellungen zu rechten; es kommt nur darauf an, die Ueberzeugung festzuhalten, daß jede selbstständige religiöse Richtung, jeder ursprünglich religiöse Gedanke den Keim eines dauernden Lebens in sich trägt, und daß es nicht wunderbar ist, daß ein solches Leben sich in seiner Kraft erhalte, sondern wunderbar sein würde, wenn es unterginge." „Als Griechenland, als Rom fiel, da mußten seine Götter mir ihm fallen, eben weil sie die Götter Griechenlands, Roms waren, weil ihr Glanz und ihre Herrlichkeit von der seinigen geborgt war und mit der seinigen zusammensinken mußte. Und in derselben Verbindung, durch welche hier der Untergang ein unvermeidlicher, ein nothwendiger ward, sollte dort die Erhaltung, die Unvergänglichkeit gegründet sein? Was dort den Tod gebracht, sollte hier ewiges Leben erzeugen? Daß dieser Auffassung ein Jrrthum zum Grunde liegen müsse, ist klar. Nicht der Umstand, daß Religion und Nationalität im Judenthum« stets im Bunde gewesen, sondern die Art, wie es mit diesem Bunde beschaffen war, ist das erhaltende Moment gewesen; nicht durch diesen Bund, sondern trotz desselben hat sich das Judenthum aufrecht erhalten. Wo die Religion dem nationalen Leben untergeordnet oder beigeordnet war, wo sie politischen Zwecken als Mittel diente, wo die Orakel der Priester und Auguren Werkzeuge waren in der Hand der Staatsmänner, Mittel ihrer schlauen Berechnung, da Mußte die Religion eben 'wegen des engen Zusammenhanges beider dem politischen Dasein in die Gruft folgen. Im jüdischen Leben aber war die Religion, war der Gottesgedanke das herrschende Prinzip; das nationale, das politische, das irdische Moment war ihm dienstbar und untergeordnet." „Ein ferneres Band" — bemerkt der Verfasser weiter — „das die Gemüther der Juden aneinanderhält, liegt in den freien, menschlichen Bestrebungen, die sich an ihre geistigen und gemütlichen Gesammt-Interessen knüpfen, theils in dem gemeinsamen Kampfe wider Druck und Unrecht, der edlere Seelen zur Ausdauer reizt, theils in dem Wirken für Bildung und Wohlthun, für Förderung des äußeren wie des geistigen Wohlseins Derer, mit welchen der Glaube und die Unterdrückung uns vereinigt, und deren sittlichem und bürgerlichem Wohl, deren höherer Bildung wie ihrer durch Thätigkeit gesicherten Existenz die hemmenden Schranken ungerechter Gesetze im Wege stehen. Das sind die Momente, in welchen die Liebe aller Besseren unter den Juden zu der religiösen Gemeinschaft, der sie durch die Geburt angehören, ihren Grund hat; das sind die riefen und festen Wurzeln der Hingebung, welche, abgesehen von der allerdings in unseren Tagen sehr schwankend gewordenen Einheit der positiven, religiösen Ueberzeugung. die Gemüther bindet und jene sogenannte Nationalität, wie sie genannt wird, jenes menschliche Band des Strebens und der Liebe für ein gemeinsames Ziel, wie es genannt werden sollte, erhält." Der Verfasser kehrt nun zu der im Eingänge erwähnten Aeußerung und ihren Schlußfolgen zurück: „Weil nun also „die Erhaltung des'Judenthums so wunderbar ist, und weil diese Erscheinung nur dem Umstande beizumessen, daß Religion und Nationalität stets bei ihnen im Bunde gewesen, so handle man nur im Interesse der ersteren — der Religion — und der Juden überhaupt, wenn man auch fernerhin ihre Nationalität zu wahren suche: deßhalb solle der Staat nichts thun, was ihre Amalgamirung mit den übrigen Einwohnern noch mehr fördern könne:" das ist der allgemeine Schluß, der aus dem aufgestellten Prinzip gezogen wird. Ich habe das, was gegen diese Schlußfolge zu sagen ist, großentheils im Obigen anticipirt. Daß eine Religion, die wirklich eines so dürftigen Mittels, wie diese sogenannte Nationalität, zu ihrer Erhaltung bedürfte, der Erhaltung nicht werth, und daß die Mühe, die man sich zu diesem Ende gäbe, eine zwecklose wäre, daß man