Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1843)
- Date
- 1843-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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welch ein Unterschied sollte es sein, ob ich die Kniee vor einem leblosen Bilde von Holz und Steinen beuge, oder den tobten Buchstaben eines Rabbi Mba und Rabbi Tarphon u. s. w. abgöttisch verehre?" „Es können" — sagt Herr Rabbine Adler über das Reformrecht der gegenwärtigen Zeit — „die Rabbinen ihre Anordnungen offenbar nicht als allgemein und absolut nothwendig betrachtet haben, denn waren sie dieses, so wäre ja das mosaische Gesetz mangelhaft und unvollkommen. Dieses aber ist göttlich und muß folglich so vollkommen sein, daß es keiner Zusatze bedarf, daher selbst die Propheten keine neue Gesetze geben durften, und ihre Anordnungen im Talmud nur rabbinische heißen. (Man sehe Joma Seite 60, 1, und Seite 69 1. *) „Durch Mosche und Aaron allein ward die Thora gegeben, die übrigen Propheten hatten nur zu ermahnen und zu weissagen." (Ebn Esra 2. B. M. K. 7, 1. 7. Kap. 12, 1.) „Was nicht in der Lehre Mosches ausgesprochen ist, wenn auch Anordnung der Propheten, es heißt rabbinische Satzung. 'np cnsiD nriD) Man sehe Thanith Abschnitt IV. M. 4 im Wenn nun aber die Propheten als Propheten keine neue Gesetze geben durften, wie durften sie es als Rabbinen, oder wie durften es spater die Rabbinen? Offenbar weil das göttliche Gesetz als ein göttlich vollkommenes die allgemein nothwendigen, die absolut und unbedingt vorgeschriebenen Gesetze enthalt, zu welchen keine hinzugethan, und von welchen keine hinweggenommcn werden sollten. Dagegen können unter gewissen Umständen, zu gewissen Zeiten Anordnungen und Einrichtungen zwar zweckmäßig und heilsam werden, aber weil sie es nur beziehungsweise sind, nicht allgemein, nicht absolut nothwendig, sollten sie von den Propheten, den Lehrern ausgeben, an welchen es in Israel nie fehlen sollte und nie gefehlt hat. Die Anordnungen der Propheten und Rabbinen sind also nur beziehungsweise angeordnet worden, und machen auf eine absolute Nothwendigkeit ihrer Beobachtung keinen Anspruch.", Eben so treffend äußert sich Herr Rabbine Stem: „Das Gebiet der Tradition zu erforschen, ihre Grenzen zu prüfen, das Zuwenig oder Zuviel abzuwägen, kann nur von demjenigen einem Angreifen oder Läugnen der Tradition gleichgestellt werden, der selbst mit jedem Worte des Talmuds eine sündhafte Vergötterung treibt, und der — ungleich den Lehrern des Talmuds, welche den Widerspruch eines Gelehrten gegen die oberste Kirchcnbehörde geduldet haben, wenn er nicht zur Widersetzlichkeit wurde (rro;u? mrff “y :ti ms4 taco ipi) Mischna Sanhedrin 86, b) — außer seiner Ansicht keine zweite neben sich gelten läßt; zu untersuchen ferner, wo der Strom des göttlichen Wortes in das Meer menschlicher Meinungen einmünde, ist wohl ein sehr schwieriges Geschäft, da dieser Ocean dem Strome oft entgegenkommt, und seine Gewässer eng mit ihm verbindet, al- *) Man vergleiche Maimomdes Jad Chasakah in dem Vorworte zu niSDH pc* lein je schwerer um so angelegentlicher muß uns diese Untersuchung in einer Zeit sein, wo so viele mit der Last der Erschwerungen das Joch des göttlichen Gesetzes selbst abgeworfen haben; diese Untersuchung endlich, die freie, wissenschaftliche Forschung zu hemmen, hieße unserer religiösen Entwickelung, aus welcher allein Heil und Frieden entstehen kann, den Todesstoß versetzen, und ist von einer so erleuchteten Regierung, wie die preußische, welche auch auf anderen theologischen Gebieten der Wissenschaft, so lange sie in ihren Grenzen bleibt, das freie Wort vindicirt, ohne dadurch Sektirerei in Schutz zu nehmen, gewiß nicht zu erwarten." „Haben die Rabbinen nach Rabbina und Rab Aschi für gut gefunden, die Untersuchungen für geschlossen zu erklären und sich selbst den Beschlüssen des Talmuds unterzuordnen, so ist damit nicht auf ewig Stillstand geboten. Nirgends findet sich, daß ganz Israel den Talmud als für sich und seine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindend angenommen hätte *); man unterwarf sich stillschweigend seinen Anordnungen, weil der Geist der Forschung, der Weiter- und Fortbildung der Religion erloschen war. Sobald er wiederum erwacht, und nach allen Zeichen der Zeit ist er bereits erwacht, und im Volke eine andere Ueberzeugung Wurzel faßt, so steht diesem das Recht zu, nicht nur die Bestimmung des Talmuds zu modisicieren, sondern selbst zu derogiren, und Cultus und Ritus nach einer andern, mit dem Sinne der heiligen Schrift besser übereinstimmenden Interpretation einzurichten. Denn im Judenthum concentrirt sich die religiöse Macht nicht in den Autoritäten des Talmuds, überhaupt nicht in bestimmten Personen; hier giebt cs keinen Priesterstand, dem die Gewalt zu binden und zu lösen ein für allemal übertragen wäre, dessen Beschlüsse verbindende Kraft auf ewige Zeiten hätten, sondern die Ueberzeugung der Gesammtheit führt den Binde- und Löseschlüssel." (Schluß folgt.) *) Maimomdes sagt zwar (Einleitung zu Mischne Thora), daß ganz Israel übereingekommen sei, nach den Lehren des Talmuds sich zu achten, das heißt aber doch wohl nur stillschweigend, da eine förmliche, ausdrückliche Uebereinkunst bei der Zerstreuung, in welcher Israel nach dem Abschlüße des Talmuds lebte nicht wohl möglich war, und auch etwas davon sich irgendwo finden müßte. Getchichte des Tages. (Fortsetzung von Nr. 29.) In L. ist mit hochvorstandlicher Bewilligung ein Wunder zu sehen, oder besser, zu hören. Zn der dortigen Synagoge wird nämlich allsabbathlich ein Bat-kol--*) *) Bat - kol, nach vernünftiger Deutung — vox populi (Volksstimme), nach Einigen — Echo, nach der mystischen — eine Himmelsstimme, nach der wörtlichen — Tochtcrstimme, weibliche Stimme.