Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1843)
- Date
- 1843-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts. Eia- Wochenschrift für die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von Dr. M. Heß, Großherzogl. Wcimarschem Land-Rabbi.,cn,n Stadt-Lengsfcld bei Eisenach. Nr. LI. Sonntag, den 30. Jnli 1843. IV. Jahrgang. Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung mit dem Rabbinenamte. Zweite Abtheilung. (Breslau 1843.*) Den Inhalt der ersten Abtheilung dieser interessanten Gutachten haben unsere Leser in Nr. 21 bis 24 dieser Blätter kennen gelernt. In dieser zweiten treten nun noch sieben Rabbinen auf und sprechen sich über das obige Thema, die wichtigste, ja die Lebensfrage, unserer Zeit aus. Wir stehen darum nicht an, das Wesentlichste von dem, was sie Neues und Treffendes sagen, gleichfalls zur Kenntniß unserer Leser zu bringen, und beobachten zur besseren Uebersi'cht hierbei diejenige Ordnung, welche wir bei der ersten Mittheilung festgebalten: „Daß sich im Talmud" — bemerkt Herr Oberrabbine Kahn — „auch über die wichtigsten Grundsätze, und Lehren die verschiedensten, einander entgegengesetzten Ansichten und Behauptungen vorft'nden, die nebeneinander in einem und demselben als Autorität gelten sollenden Buche stehen, führt uns nothwendig zu der unumstößlichen Annahme und einzig wahren Behauptung: Der Talmud hat kein bestimmtes System über irgend einen Gegenstand und es herrscht in ihm keine Einheit. Er ist vielmehr ein Aggregat verschiedener sich oft widersprechender Ansichten Einzelner, die diese nicht in der Absicht, daß sie einst niedergeschrieben werden, noch viel weniger allgemeine Geltung und Autorität erhalten sol¬ *) Die ganzen siebzehn Gutachten sind nun bei Leopold Freund in Breslau erschienen, und im Buchhandel zu haben, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen. Red. len, ihren Schülern oder sonst bei Gelegenheit geäußert und vielleicht auch für ihren Privatgebrauch oder ihre Schüler aufnotirt haben, welche alle die Verfasser des Talmuds systemlos in den großen Codex aufnahmen. Daher läßt sich auch für alle, sich noch so sehr widersprechenden Ansichten aus dem Talmud beweisen. Vgl. z.B. die zwei ersten Grundsätze des Maimonides in seinem ISO mxcn, die der pai bestreitet und gerade.; das Gegentheil behauptet und beide Ansichten lassen sich aus talmudischen Stellen beweisen." „Wenn" — wendet mit vollem Rechte Herr Rabbine und Kirchenrath Maier gegen den Glauben an die Tradition, wie ihn der starre Rabbinismus fordert, ein — „die heilige Schrift bei der wichtigsten und heiligsten Lehre der Religion, bei der Lehre von dem Dasein Gottes, zur Erkenntnis und somit zum Nachdenken und zur Prüfung auffordert (5. Mos. 4, 39.); wenn die hebräische Sprache für Glaube gar kein Wort hat; wenn Gott selbst, bei dem Auftreten eines neuen Propheten, der seine für göttlich ausgegebene Lehre durch Zeichen und Wunder bestätigt, befiehlt, ihm ja nicht blindlings zu glauben, sondern seine Worte sorgfältig zu prüfen und untersuchen, ob dieselben mit den von Gott unmittelbar geoffend arten Lehren und Wahrheiten übereinstimmen (5. Mos. 13, 2), sollten wir uns den von Menschen als göttliche Ueberlieserungen hingestellten Satzungen ohne Nachdenken und ohne Untersuchung unterwerfen müssen? Ich, für meine Person, bekenne es unverhohlen, daß ich eine solche Gefangennehmung der Vernunft unter den Glauben an die Autorität eines Menschen nicht weniger für Götzendienst halte, als irgend einen des blinden Heidenthums. Denn