Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 29 (16.9.1843)
- Date
- 1843-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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117 E>Ltchichte des Tages. Der Herr segne und dehüte die Gemeinde zu L. Wer dort selbst einmal dem öffentlichen Gottesdienst beigewohnt, und bemerkt hat, wie dort der größte Theil der zahlreichen Gemeinde an Sabbat- und Feiertagen in zerknitterten Käppchen, vielgestaltigen Mützen und in allerlei Negligee-Betzen nicht allein die Synagoge besucht, sondern auch öffentlich funktionirt, z. B. beim »Segan«, bei dem Aufrufen zur Thora bei »Hagbaha und Glila", ja sogar beim Vorbeten, der wird bei einigem Gefühle für Anstand und SHicklichkeit, mit uns in das oben gesprochene Stoßgebet einstimmen. Ihr wollt Kinder Gottes sein, und wißt euch was darauf. Ganz recht, wir wollen nichts dagegen cinwenden. Wisset aber, daß es auch unartige Kinder gibt, und so lange ihr im Hause des heiligsten höchsten Vaters euch herumtummelt, wie in einer Schlafstube, kann man euch in der That nicht zu den wolgezogensten seiner Kinder zählen. (Fortsetzung folgt.) (Russische Staats-Experimente.) Nach einem Ukas vom 2. Mai sollen alle Israeliten, die bis auf 50 Werst (7 deutsche Meilen) ab von der prcuß. und östreich. Gränzlinie wohnen, in die innern Gouvernements versetzt werden. Der Grund dieser grausenhaften Rom-Charthago'schen Maßregel ist in dem Ukas nicht angegeben. — Glücklich Diejenigen, denen die Elle Wanderstab zugleich sein kann, die ihre Habe, ihren Erwerb in der Tasche tragen, wehe aber denen, die bessern Sinnes, Vermögen und ihre Kraft der Bearbeitung des Bodens geweihet. Kann der mächtige Wille des Czaren auch ihre Aecker und Wiesen, ihre Scheunen und Stätte in die innere Gouvernements versetzen? Freilich ist es ihnen in jenem Ukas freigestellt, solche innerhalb zweier Jahre zu veräußern, allein unter solchen Umständen, und in jenen armen Gegenden, wird der Handel schlecht genug ausfallen. Werden auch Alle in den innern Gouvernements die Gräber ihrer Väter, die Wiegen ihrer Kindheit, ihrer Synagogen, ihre Schulen wiederfinden? Solche Erinnerungen sind nicht so leicht verschmerzt, wie die langen Bärte, und die langen Gewänder, die ersten Opfer der russischen Civilisation. Wem bei so tragischem Geschicke seiner Brüder das Herz mit Wehmuth erfüllt ist, der falte die Hände und bete mit uns: ~] 12W •i;i bvmr Der neue Vorstand zu Lemberg, erstattet öffentlichen Bericht über sein Wirken und über den Gemeindehaushalt überhaupt für das Jahr 1842. Der Bericht bildet eine Kette schöner Thaten, die uns vor der Gemeinde, und vorzüglich vor deren intelligenten Führern wahrhaft Ehrfurcht einflößt. Ja es ist doch eine schöne Zeit in welcher wir leben, trotz ihren großen Mangeln, wir wollen doch dem Ewigen danken, daß wir in ihr geboren, daß wir sie gesehen, die Morgenröthe einer schönern Zukunft. Wir wollen zum Belege dessen die interessantesten Data aus jenem Berichte anführen, was in einer Gemeinde in einem Jahre geschehen. Am 19. April feierte die Gemeinde durch einen öffentlichen religiösen Act das Geburtsfrst des Kaisers. Außer der Gegenwart der hohen Militär- und Civilbehörden war bemerkenswerth, daß von den betreffenden Stellen die jüdische studirende Jagend, und ein jüdisches Militärkommando zur Theilnahme beordert waren. — Der Bau einer neuen deutsch - israelitischen Synagoge, mit einer für 2500 Personen fassenden Arka mit 2 Gallerien, ward in Angriff genommen. Eine Singschule wurde errichtet, in welcher die Zöglinge zur einstigen Mitwirkung beim Gottesdienste schon jetzt vorbereitet werden. Die vortrefflichen Kompositionen Sulzers, Oberkantors zu Wien, — »Schir Zion« — sind denselben zu Grunde gelegt. — Tie Armengemeindeschule, «imn wurden in dem frommen Sinne der sie fundirt habenden Testatoren, sowol im Betreff der Lehr-Objecte, als der Lehrmittel regenerirt. Eine mit der öffentlichen Prüfung verbundene Prämienvertheilung stellte sich als sehr zweckmäßig heraus. Tie Zahl der diese Schule besuchenden Kinder, betrug 300. — 150 derselben werden durch Vermittelung eines Frauenvereins, welcher die Einkassirung der monatlichen Beiträge besorgt, täglich gespeißt. Tie Bäcker, Metzger. Victualien- und Mehlhändler steuern dazu, anstatt Naturalien im Werkhe von 250 Fl. C.M. jährl. — 141 Kinder wurden, mil einem Kostenaufwande von 430 Fl. C.M., gekleidet. — Tie durch die Bemühung eines edlen Beamten zu diesem Zwecke eingesammelten Bekleidungsstoffe betrugen das Dreifache des angegebenen GeldquotumS. Ein Waisenhaus, vorerst für 12 Kinder, wurde neu creirt, dem nichts fehlt, was die besten Anstalten dieser Art leisten. Eine Verloosung zu diesem Zwecke gefertigter weiblicher Handarbeiten, brachte diesem Institute eine namhafte Fondsvergrößerung. Nicht allein die zwölf Zöglinge des Waisenhauses werden, nach erlangter Altersreife, dem Handwerksstande zugeführt werden, sondern man brachte schon jetzt eine Anzahl erwachsener Knaben bei verschiedenen Meistern unter, die am Mittwoch Nachmittag, Samstag und Sonntag im Waisenhause unterrichtet werden und diejenigen derselben auf Kosten der Waisenkaffe gespeißt, welche bei christlichen Meistern arbeiten. Außerdem wurden die Mittel zu 10 Stipendien für weitere 15 Lehrlinge, im Betrage von 500 Fi. hcrbeigeschafft. — Vom k. k. Feldkriegs- Oberkvmmissär, Wilibald Schieler, wurde, als das schönste Denkmal echter Humanität, eine Kleinkinder-Bewahranstalt gegründet, die gegenwärtig von 170 armen Kindern besucht wird. Auf dem gräflich Skarbckeschen Theater wurde eine Vorstellung gegeben, deren Ertrag, 150 Fl. C. M., jenem Institute zugewendet wurde. Tie Einnahme des Spitals in diesem Zeiträume betrug 24,270 Fl., die Ausgaben 23,721 Fl. — Zum Andenken des verstorbenen B. Goldsterns wurde von dessen Erben ein Siechhaus für sechzig erwerbungsfähige Sieche begründet. Ein Todtenwagen ward angeschafft und eine neue Leichenordnung ins Leben gerufen. Sonst wurden zu allgemeinen wolthätigen Zwecken verwendet: 946 Fl. für Armenpflege und Findelkinder, 1000 Fl. für Ostermehl für Arme, 300 Fl. für Speisung der ärmeren Kriminal- und politischen Sträflinge. — Ferner wurden von der Spitalsvcrwaltung an Hauskranke, Arzneien und 100 Klaftern Holz verabreicht. Das sorgfältig geordnete Archiv, und die Geschäftskanzelei durfte in der Stadt, außer dem Judenbezirke, mit Bewilligung der höchsten Behörde, angelegt werden, aber, nur