Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1843)
- Date
- 1843-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566885--0658-2568341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
113 abende der trauten Sabbathfeier, erneuerte sich das Schauspiel; aber, gottlob! in weit erfreulicherer Weise. Wieder ward's lebendig in den sonst so stillen Gassen, durch die Fluren zogen zu Wagen und zu Fuße ftohe Menschenschaaren, die Säume dunkler Wälder auf den Höhen entsendeten bunte fröhliche Gruppen in unsre sonst so schweigsame Fluren. Es galt der Einweihung unsrer, auS der Asche in herrlicher Pracht wieder erstandenen Synagoge. Nachmittags um 3 Uhr ordnete sich der Zug. Während die Gesetzrollen aus dem Locale, das man während der verflossenen 2 Jahre zum Gottesdienste verwendet hatte, herausgebracht wurden, stimmte der Chor eine vom Schullehrer Löwenheim zu LengSseld gedichtete, und vom Chordirector und Hosmusikus Hornthal zu Kassel in Musik gesetzte hebräische Hymne an. Vor der Synagoge angekommen, fand derselbe den geräumigen Vorhof von einer solchen Menschenmasse voll gepropst, daß es der ganzen Thätigkeit des betreffenden Polizeipersonals bedurfte, um dem weltlichen Mitgliede der Aufsicht über das Kirchenwesen und nnserm Land-Nabbinen vr. Heß den Weg zu der Synagogenthüre zu bahnen, von welcher Stelle aus Beide an die Versammlung eine geeignete Ansprache hielten. Der Landrabbine hatte dabei zum Texte .:c 'n "Wer darf des Ewigen Berg besteigen? Wer auf seiner heiligen Stätte ruhen?" Darauf stimmte der Chor wiederum eine hebräische, von den schon erwähnten Herren gedichtete und componirte Hymne an. Als nun von dem Vorsteher die Synagogenthüren geöffnet wurden, entstand ein solches Gedränge, daß nicht allein die Ordnung des Zuges zerrissen wurde, sondern man war auch einige Zeit hindurch in großer Sorge, daß eS ein Unglück geben könnte. Nach wieder hergestellter Ordnung begann die eigentliche Feier, deren bedeutungsvollsteu Moment die vom Land-Nabbinen Vr. Heß gehaltene Weihepredigt bildete. Was nun den Bau selbst betrifft, so wissen wir der Gnade Gottes nicht genug zu danken, der innerhalb einer so kurzen Zeit, inmitten einer so unbemittelten Gemeinde, so Großes hat auSsühren lassen. Denn an Zweckmäßigkeit, Eleganz und Geräumigkeit mag nicht leicht in einer Gemeinde, wie die unsre, ja, in gar vielen großem und bemittelter» seines Gleichen angetroffen werden. Doch unsre Gemeinde, wäre auch bei den großen Opfern, die sie der heiligen Angelegenheit wcihete, nicht im Stande gewesen, aus eigenen Mitteln ein solches Resultat herbei zu führen. Nur dem großmüthkgen Beitrage unsres allergnädigsten Landesvaters (400 Thlr.) und den reich fließenden Beiträgen unsrer mildthätigen Glaubenöbrüder, war die schleunige Förderung des Baues in diesem Umfange, in dieser gefälligen Form und zweckmäßigen Einrichtung möglich geworden. So ging an uns in Erfüllung: „Mit Feuer (dem clemrntarischen) hast du das Heiligthum verzehrt und mit Feuer (der Religion) hast du es wieder aufgebaut." Noch können wir die erfreuliche Erscheinung nicht unerwähnt lassen, mit weicher liebevollen Theilnahme unsre christlichen Brüder aller Stände sich bei nnserm Feste betheiligtcn. Sämmtlichc Schullehrer der Diözes Kaltennordheim fanden sich nicht allein zu der Feier ein, sondern bildeten, aufs uneigennützigste, den eigentlichen Kern des Chores, und scheueten nicht die Mühe, sich mitunter stundenweit hierher zur Feier, und einige Tage vorher zur Probe, zu bemühen. Ihnen schlossen sich svater viele Amtsgenossen aus andern benachbarten Diözesen an. Nur diesen tüchtigen Gesangeskräften ward es möglich, bei dem großen Gedränge und der daraus hervorgegangenen mannigfachen Störungen für das Chor, dennoch den Gesängen eine der Feier angemessene Haltung zu geben. Tie bekannte humane Gesinnung unsrer Beamten und Angestellten in der Umgegend, namentlich des Amtes Kaltennordheim, sowie die vorurtheilssreien Grundsätze der Geistlichkeit, den hochwürdigen Superintendenten zu Kaltennordheim an der Spitze, bewährte sich auch hier, indem sich dieselbe in corpore, ein Theil davon im Ornate, dem Zuge anschlossen und auch sonst ihre Theilnahme auss Sprechenste bethätigten. Auch der christliche Bürger und Landmann von Nah und Fern, wandelte in Liebe und Eintracht neben seinem israelitischen Bruder, und nahm den innigsten Antheil an seiner religiösen Freude. Glückliches Land des religiösen Friedens und der bürgerlichen Eintracht, bete fortan für das Wohl deines väterlichen Fürsten, und seiner erleuchreten Diener! (Breslau.) Wenn auch in dieser Stadt die religiösen Reibungen inmitten der israelitischen Gemeinde ihr erwünschtes Ende, leider! noch nicht gefunden haben, so würde man doch sehr irren, wenn man annähme, daß auf dem religiösen Terrain daselbst nichts als Streit und Hader gedeihe. Wir haben vielmehr über eine auf religiösem Boden gereiste Frucht von dort zu berichten, die gar vielen Gemeinden zu wünschen wäre, in welchem der religiöse Gärtner im Frieden des Schlafes herumwandelt und über die Ruhe uno Stille innerhalb seines wüsten Besitzes sich was zu gure thut. — Wir haben nämlich den ersten Jahresbericht über den, unter der Leitung Geigers, auf Anregung M. Breslauers, im vorigen Jahre ins Leben getretenen „jüdischen Lehr- und Leseverein zu Breslau", vor uns. Zufolge dessen zählt der Verein 171 contribuirende Mitglieder — daS Minimum des monatlichen Beitrags ist 5 Sgr. — und ist im Besitze einer aus 592 Bänden bestehenden Bibliothek, die in einem geeigneten Locale ausgestellt ist, zu welchem den Mitgliedern des Vereins, und den unbemittelten Studierenden durch Erlheilung von Gratiskarten, zu gewissen festgesetzten Stunden des Tages der Zugang gestattet ist. Zum Entleihen aus der Bibliothek war eine besondere Stunde in jeder Woche bestimmt. Vorträge, 12 an der Zahl, wurden gehalten vom Rabbinen vr. Geiger, vr. Lcvi, vr. Honigmann, vr. Jolowicz und von vr. Ginsberg. Der Zweck, den der Verein sich gesetzt — „eine Bibliothek, bestehend auS älrern wichtigen Schriften im Gebiete des Judcnthums, zu gründen, die neuern jüdischen Werke, Brochürcn und Zeitschriften anzuschaffen und auszulcgcn und dafür Sorge zu tragen, daß Vorträge, welche der angegebenen Tendenz entsprechen, von Zeit zu Zeit gehalten werden" — dieser Zweck ist aufs Eittsprcchenste gefördert worden. Tie Zusammenstellung der Bibliothek zeigt, wie der Verein, fern von allem Parteiinteresse, nur dem wissenschaftlichen Judenthum und der Humanität dienen will. Neben dem Thalmud, den Casuisten, den renommirtesten Scheala-Tschubot,