Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1843)
- Date
- 1843-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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114 tat philosophischen Werken -es Mittelalters, den schätzbaren Wer. ke» des orthodoxen Wessely, finden fich die Werke HirschS, sowvl deS EmdnerS, als auch des Luxemburgers, Formstechers, Creizenachs, ja Geigers neben einer Production Tiktins. Die Vorträge behandellen sehr interessante Themate. Außer diesen Vortrag« wurdm, in Berücksichtigung der dort studierenden jüdischen Theologen, von vr. Geiger, vr. Freund und vr. Levi, Jedem in 2 wöchentlichen Stunden, eigentliche ihrem Studium entsprechende Vorlesungen eröffnet. Für dieses Jahr gedenkt der Verein seinen Wirkungskreis noch zu erweitern, es sollen nämlich im Locale des Lesevercins ein ineinander greifender Unterricht für Studirende organisirt werden, der sie etwa bis zum Besuche der Sekunda eines Gymnasiums vorbereite; da dieselben außerdem entweder nur sehr unvollkommen vorbereitet den höhern Studien sich zuwenden, oder diese Vorbildung nur unter Mühen und schweren Sorgen und Opfern zu erlangen im Stande sind. Die Ausgaben des Vereins betrugen über 400 Thaler. (Corrcspondenz aus Berlin, den 21. Juni.) „Der hiesige Magistrat überschickte der jüdischen Gemeinde 2000 Thaler als Beitrag zu dem von derselben erbauten Hospital; ein gewaltiger Contrast gegen den neuesten Beschluß der hiesigen Freimaurerlogen, von nun an, in ihren Verein weder wirkliche, noch getaufte Juden auszunehmcn. Uebcr die von vr. Kley herausgrgebene „erste Morgengabe zur Lebre und Bildung" (Verlag von Levysohn, in Grünberg und Leipzig) verlautet hier von-den anerkanntesten christlichen und jüdischen Schulmännern die eine Stimme, daß das Büchlein mit zu den besten gehöre, welche in den letzten Jahrzehnten in diesem Gebiete erschienen sind, und cs wäre daher zu wünschen, daß besonders jüdische Schulmänner dem Büchlein die größte Verbreitung verschafften. Wir hätten nur zu wünschen, daß der geehrte Verfasser statt Schabungoth (Wochenfest) Schabuot schreibe. Das y wie ng zu lesen °ist Mißbrauch und nicht Regel." Ein christlicher Pachter im Meiningschen schenkte 100 Fl. zu dem Synagogcnbau einer Landgemeinde. Schreiben des Oberrabbinen Frankel in Dresden an den Minister Eichhorn in Berlin. „Ew. Excellenz! Wenn ich einen Schritt wage, der an Kühnheit grenzt und in den Augen des minder Tiefblickenden einer Mißdeutung ausgesetzt sein könnte, so wird vor der tiefen Einsicht, mit der Ew. Excellenz die Verhältnisse durchschauen und sie nach ihrem wahren Werthe zu würdigen wissen, das^ Auffallende schwinden und werden Hochderoselben hier nur das streben nach Wahrheit und Offenheit erkennen. Die Wahrheit, die des Redlichen höchstes Gut sein muß, fordert mich auf, mit dem offenen Bekenntnisse meiner Ansichten hervorzutretcn und sie dort niederzulegen, wo allein nach ihrer Würdigung über eine für mich und eine große Gemeinde wichtige Frage entschieden werden soll, und ich will dieser Aufforderung ganz Nachkommen. ES hat die israelitische Gemeinde zu Berlin mich zu ihrem Oberrabbinen erwählt und die Wahl liegt nun hiesigen Orts zur Bestätigung vor. Ich habe bisher in einfachen, stillen Verhältnissen gelebt und es hat der Herr mein Streben gesegnet. Ich habe für meine Gemeinde gewirkt und fand hierin den größten Lohn; auch erfreue ich mich ihrer Liebe, so wie der Zufriedenheit der hiesigen Behörden. Als daher der Ruf nach Berlin an mich erging, weigerte ich mich ernstlich ihm Folge zu leisten; denn die Aussicht auf einen großen Gehalt hat für mich wenig Reiz, da ich von jeher kein Verlangen nach Reichthum und Gütern in mir verspürte. Auch die ehrenvolle Stellung eines Oberrabbinen der großen Berliner Gemeinde würde mich nicht zur Annahme haben bewegen können; denn wie oft verbirgt sich hinter dem Flitterglanze der Ehre Unruhe und bittere an dem Innern nagende Sorgen, an denen es auch bei diesem Amte nicht fehlen würde! — Aber man hielt mir entgegen, daß vor den Forderungen der Gesammtheit die egoistische Rücksicht auf die eigene Ruhe zurücktreten müsse, und wenn das Oberrabbinat zu Berlin mir keinen Vortheil bietet, so handle es sich um den Vortheil eines Ganzen, von dem ich ein Glied bin und gegen das mir nicht minder als gegen mein Privatwohl heilige Pflichten obliegen. Ich konnte die Gewichtigkeit dieser Gründe nicht in Abrede stellen, allein es dringt sich mir nun zur Erwägung aus, ob ich nach der Staatsverfassung zum Wohle des Ganzen werde beitragen können, ob meine Ansichten werden gut geheißen, ob nicht meine Gesinnung auf Misbilligung, meine Thätigkeit auf Hemmnisse stoßen werden. Die eigene Ueberzeugung ist des selbstständigen Mannes unveräußerliches Gut und die einzige Richtschnur seines Lebens: würde ich dieser nicht folgen können, dann wäre es um meine Lebensruhe gethan, würde ich aus diesem Schiffbruche selbst das Bewußtsein für Großes meine Kraft geopfert zu haben, nicht retten: es wäre meine Stellung und die Ausgabe meines ganzen Seins verfehlt. Vor den Augen Ew. Excellenz trete ich ich daher frei mit meiner Ueberzeugung hin; ich halte dieses für eine heilige Obliegenheit, da in Ihren Händen die Bestätigung oder Nichtbestätigung der Wahl liegt. Mögen Ew. Excellenz die ganze Tendenz meines Strebcns, mögen Sie meine unverhohlene Gesinnung erkennen und hiernach erwägen, in wiefern ich von Seiten des Staates als zu dieser Stelle tauglich befunden werden kann. Die Juden sind Bürger des Staates, in welchem sie leben, und sind zugleich Anhänger einer Religion, die nicht Staatsreligion ist. Aber ihre Pflichten gegen den Glauben collidiren nicht mit denen gegen den Staat: und wenn sie auch in Meinungen und Ansichten über Gottesanbetung, in Lehren und Begriffen von der Gottheit von ihren Mitbürgern diffcriren, so darf dieses auf das Leben keinen Einfluß üben: sie wollen eins sein mit dem Staate, eins und einig mit den übrigen Landeseinwohnern. Darum darf keine neue Scheidewand aufgeführt, keine neue Absonderung ins Leben gerufen werden; der jüdische Glaube verlangt sie nicht, und würde die Staatsreligion ein solches Ersorderniß aufstellen, dann müßte der Jude sein hartes Loos tief bedauern. Diese meine Ueberzeugung vermochte ich nicht mit einer in Aussicht stehenden Verordnung, daß die Juden politisch abgesonderte Korporationen bilden sollen, in Einklang zu bringen. Ich verehre die Weisheit Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV., aber da die Ueberzeugung die wahrhafte Norm des Lebens sein muß, erkläre ich offen, daß wenn dieses Vorhaben sich verwirkliche, ich diese Stelle nicht annehmen könnte: denn die Liebe zum neuen Vaterlande würde nur schwach in mir wurzeln, das Gefühl der Zurücksetzung würde den von jedem Beamten erheischten Eifer für das Wohl des Staates nicht in seiner Kraft in mir aufkommen lassen, und mein Loos wäre innere und äußere Unzufriedenheit. Doch man versicherte mich, daß der hochherzige König, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß seine jüdischen Unterthanen sich mit dieser Absonderung nicht befreunden können, von der erfaßten Idee zurückgekommen sei. Ew. Excellenz vermögen zu erkennen, wie viel diese Versicherung, die sich doch nur auf Vermuthung gründen dürfte, Gewißheit habe: meine offen ausgesprochene Ansicht zeigt mich für den Fall, daß die Versicherung täuschte, als nicht berufen zu dieser Stelle, und Ew. Excellenz werden der Wahl die Bestätigung verweigern. (Schluß folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in HrrSseld.