Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1843)
- Date
- 1843-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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lOl auch ein Mund fein. In den jüdischen Schulen wird jetzt aus's eifrigste die magyarische Sprache getrieben, von der Kanzel wird in magyarischen Klängen Gottes Wort verkündet, und in magyarischen Weisen ersteigt dem Munde froher Chöre das Loblied des Gottes Israels. Das Magyarenthum hat an diesen vorgeschobenen Vorposten des Germanismus keine unwichtige Eroberung gemacht. (Großherzogthum Baden.) Sehen wir hier auch noch keinen jüd schen Staatsbeamten als sprechendes Zeichen einer ins Leben getretenen Emancipation, so offenbart sich doch die Emancipation von religiösen und politischen Vorurtheilen in den christlichen Staatsbeamten, und in dem schönen, Gemeinsinn bekundenden Streben der dortigen Israeliten. Als neueste Belege haben wir Folgendes zu berichten: Die Direktion des Vereins zur Rettung sittlich-verwahrloster Kinder dortselbst macht dem Großherzogl. Oberrathe der Israeliten die Mittheilung, daß man in Betracht der bedeutenden Unterstützung, die die Zwecke dieses Vereins bei den Israeliten gefunden, den Wunsch hege, durch die Berücksichtigung einer den Kräften des Vereins angemessene Anzahl von israelitischen Kindern, die im Sinne des Vereins, bei einem unbescholtenen Glaubensgenossen unterzubringen wären, sich dankbar zu bezeigen. Der Oberrath ging natürlich mit Freuden darauf ein, und erließ einen Aufruf an seine Gemeinden, alljährlich am Purimfeste, zum Behufe der Unterstützung des obengenannten Vereins, eine Synagogen-Collecte zu veranstalten. — Das ist allerdings die sicherste und menschenfreundlichste Weise, den alten, aber bis heutigen Tages noch spukenden Ham an, todt zu klopfen, und die Vertilgung der Amalekiter, bis zu welchem Moment der Thron Gottes nicht in seinem vollen Glanze strahlt — endlich zu verwirklichen. Ferner erblicken wir einen Finger der Emancipation in der völligen Gleichstellung der jüdischen Schulen mit den christlichen. Als eine wichtige Folge derselben haben die christlichen Gemeinden zu dem israelitischen Schulwesen beizutragen. So haben nicht blos die israelitischen Gemeinden in größern Städten Beiträge erlangt, sondern auch in kleinern, wie in Gailingen (1400 Einwohner) mit 300 Fl., Breisach 200 Fl. u. s. w. Bei einem in Prag im Februar d. I. Statt gefundenen Schulexamen, waren 416 Schüler der Hauptschule, 208 Schülerinnen der Mädchenschule, 85 Sonntagsschüler und Schülerinnen und 21 Präparanten zur Prüfung versammelt. Das Lehrerpersonal bestand aus 7 Lehrern, darunter auch im Auslande bekannte Namen, und 3 Lehrerinnen. Preußen will keinen rein menschlichen Staat bilden, christlich! ist jetzt die Parole. Ei, da wird auch der Schnaps, dieser Fluch des Jahrhunderts, nur noch in den Apotheken zu finden sein? Mit nichten! der christl. Staat kocht selbst das Gift. Aber im Reiche des Sohnes werden doch die Glücksspiele aufgehört haben? Allein das Salz wird jetzt steuerfrei des Armen Kartoffel würzen? Das sind schöne Ideen von einem christlichen Staate, um solchen Erwartungen zu entsprechen bedarf es nur eines menschlichen Staates. Nun, zu welchen Erwartungen berechtigt denn ein /.christlicher«? (Breslau, 17. Mai.) ..Bei der feierlichen Installation unsres Oberbürgermeisters sollte, dem Festprogramme gemäß, auch der Rabbine der jüdischen Gemeinde seinen Platz im Zuge nehmen. Eine Verfügung des Oberpräsidentcn verhinderte die Ausführung dieser Anordnung. Der Rabbine mußte von dem Zuge ausgeschlossen werden. Der Vorfall hat hier einen peinlichen Eindruck gemacht.« (Berl. Zeitung.) Man muß es oft hören, wie Negierungen, die wohl wissen, wessen man sich zu schämen hat, dennoch aber nicht bereit sind, die Regierungsmaximen demgemäß geltend zu machen, die Schuld und das Unrecht dem Volke, das für solche Maximen noch nicht reif genug sei, dem Volke, dessen Vorurtheile geschont werden müßten, in die Schuhe schütten. Daß man aber dem preußischen Volke mit derartigen angeblichen Berücksichtigungen in der Judenfrage großes Unrecht thun würde, zeigt die oben berührte Anordnung der Breslauer Bürgerschaft, beweist Posen, wo inmitten des Provinziallandtags die völlige Gleichstellung der jüdischen Unterthanen beantragt, und nur wegen beschränkter Zeit nicht in Behandlung genommen werden konnte, beweisen endlich die rheinischen Städte, deren Magistrate und Bürgerschaften in ihren Petitionen an den Provinziallandtag, neben andern sehr dringenden, zeitgemäßen Wünschen, auch den um bürgerliche Gleichstellung der Juden ausgesprochen. Doch auch im christlichen Staate hat ein gelinder FrühlingShauch sich verspüren lassen. Ob er Blüthen treibt? ob er Früchte tragen wird im Geiste der Zeit? Wir wollen's hoffen. Ob er Sturm und Fluthen bringt? ob einen jüdischen Hierarchen- Staat mit mittelalterlichen Institutionen? Wir wollen's nicht fürchten. — In allen Theilen der preußischen Monarchie erging nämlich an jüdische Sachverständige — im Regierungsbezirk Arensberg an den Ober-Rabbinen Friedländer und den Obervorsteher Hellwitz — eine aus 18 Fragen bestehende amtliche Zuschrift, die eine detaillirte Auskunft über den Zustand und die Stellung der Synagoge, des Kultus und seiner Diener, über den Gemeindehaushalt u. dgl. verlangt. Die Fragen treffen gerade den wundesten Fleck, und vcrrathrn einen scharfen und geübten Blick. So erscheint der Fragesteller schon besser unterrichtet als vielleicht Mancher von den Herren, der an der Feder kauet um zur gründlichen Beantwortung sein Scherflein beizutragen. Umsomehr dürfen wir unö der Hoffnung hingeben, die betreffende Behörde werde sich von excentrischen Wünschen und Vorschlägen, sie mögen nun kommen von welcher Seite es sei—und sie werden kommen, auf geraden und auf Schleichwegen — nicht beirren lassen, und bei der Ordnung dieser Angelegenheit weder an unserer Zeit sich versündigen, noch dieselbe in Verruf bringen. (Aus Kurhessen eingesendet.) Wo kriegt man in der Geschwindigkeit 4 große und fromme Männer her? Hört, 4 große und fromme Männer? Das ist zu viel für ein Jahrhundert, und man kann doch nicht warten, man braucht sie eben. London, die größte Stadt der Erde, muß auch den größten Rabbinen haben; Berlin, die Weltweisestr, muß den weltwei-