Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1843)
- Date
- 1843-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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102 festen haben. Breslau, die beweltkinderte polnische Vorstadt, sucht um Tiktin zu ersetzen, einen Talmud-Riesen, ein Zeit- Heistwunder und ein Allerweltswunder — einen verträglichen und alle Welt zuftiedenstellenden Theologen — in einer Person; Kassel endlich muß schon deßhalb einen großen frommen Rabbinen haben, denn }'hyü- Die Landeskinder in der Nähe, haben es nun in der Frömmigkeit darüber hinaus, ja, auf Verlangen wird noch mehr geleistet, allein sie sollen sonst das Maaß nicht haben. Wie man hört, hat vr. ChristopheluS auf Wilhelmshöhe die beste Aussicht, der ist groß genug, und auch fromm, er rührt sich nicht, er regt sich nicht, und widersteht schon lange dem Sturm der Zeiten. Mit folgendem Bruchstück einer Corrcspondenz aus Breslau, führen wir nun dem geehrten Leser eine Welle des stürmischen Rabbinenwahl-Meeres dortselbst vor. »Die hiesigen Gcmeindeangelegenhcitcn haben durch den Tod des Oberrabbincn sich nicht friedlicher gestaltet, als man zu erwarten berechtigt war, ja, die Parthcien stehn sich noch schroffer gegenüber. Man gibt-sich zwar von Seiten der Nabbiniften das Ansehen, als wolle man den Frieden, aber es ist nur Schein, so wie die Frömmigkeit eines großen Theils derselben auch nur Unterlage ist. Tenn nimmt man ein p£ von ihnen weg, die es wirklich mit der Orthodoxie aufrichtig meinen, so bestehen die Uebrigen aus Halbfrommcn (?), Scheinfrommen und endlich aus solchen, die längst dem Judcnthume den Rücken gekehrt, und kein einziges Ritual-Gesetz beobachten. Dann bewegt mehrere auch nicht die Liebe zur Tiktin'schen Familie (es handelt sich um Anstellung des Sohnes des verstorbenen Tiktin d. R.) sondern ihre ungerechte Abneiguug gegen vr. Geiger. Die Bedingungen, welche die Rabbinisten stellen, können nun freilich, ohne Verletzung Geigers nicht bewilligt werden) allein cS sind doch meistens Leute, die mit sich handeln lassen, und gewohnt sind viel vorzuschlagen. In genannter Stadt hat Rabbine vr. Geiger, im Laufe dieses Monats, den Religionsunterricht mit 150 Kindern eröffnet. Die Sephardim. (Fortsetzung von Nr. 24.) Zn der Geschichte des Mittelalters spielen die Juden sowol im Handel als in der Diplomatie in allen Staaten vom Euphrat dis zum atlandischcn Weltmeer, eine große Rolle. Man muß aber die Scphardim oder Juden in Spanien und Portugal, von den Aschkenasim oder jenen in Deutschland, Polen und England wohl unterscheiden. Tie Ersteren standen auf einer höheren Stufe der Entwickelung und Gesittung. Die Araber, welche Jahrhunderte lang Spanien beherrschten, stammten gleich ihnen aus dem Mcrgenlande und von Abraham ab; und die Sephardim waren auch gegen den Islam, der keine Bilderverchrnng kennt, nicht so eingenommen, als gegen die christliche Kirche. Daneben hatte die Sprache beider etwas Verwandtschaftliches, und die meisten Kalifen verfuhren gegen die Sephardim mit großer Milde. Dazu kam, daß Klima und Boden Spaniens ihnen zusagten, und so darf es nicht überraschen, daß die maurischen Hauptstädte Granada, Sevilla und Toledo eine große Anzahl jüdischer Einwohner hatten, die mit ihren Brüdern im Morgenlande, namentlich aber mit denen in Palästina, in Kahira und Bagdad in lebhaftem Verkehr standen. In Spanien haben sie sich schon so früh angesicdclt, daß die Zeit ihrer Niederlassung sich gar nicht mehr bestimmen läßt. Vielleicht gab es schon Juden in diesem Lande zur Zeit der Phönizier; erwähnt wird ihrer jedoch erst im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, unter den Antoninen, und sie befanden sich damals in einer sehr günstigen Lage, weil sie nicht verfolgt wurden. Ihre Neigung zum Ackerbau, ihr unternehmender HandelSgcist konnte sich ungestört in den fruchtbaren Ebenen Andalusiens, an den lieblichen Ufern des Minho, und in den vielen Seehäfen von Barcelona bis zur Mündung des Tajo entwickeln; und wenn sie auch unter den römischen Statthaltern in nicht so glücklichen Verhältnissen lebten, wie später unter den Kalifen, so war ihnen doch gestattet, Rcichthümer zu erwerben und ruhig nach dem Gesetze ihrer Väter zu leben. Daß sie zu den Zeiten der späten: Kaiser zahlreich gewesen sind, ergibt sich aus den Beschlüssen der Kirchenversammlung von Jlliberis, im Jahre 324, welche jedem Gläubigen verbot, mit Schismatikern oder Juden ein Ehebündniß einzugehen, oder mit den Letzteren am Tische zu essen. Es geht aus den Verhandlungen auch hervor, daß der Ackerbau damals vorzugsweise in den Händen der Juden war, und daß sie sich mit demselben lieber befaßten als mit dem Handel, auf welchen spätere Verfügungen sie mit Macht hindrängten. Als die Westgothen Spanien eroberten, fanden sie daselbst zahlreiche, blühende Judengemeindcn, die mild und wohlwollend behandelt wurden, so lange die westgothischen Könige arianische Christen waren. Als aber Neccarcd sich der „rechtgläubigen" Kirche zuwandte, begann eine unduldsame Behandlung, und der brutale Fanatismus überhäufte bis zum achten Jahrhunderte die Juden mit einer solchen Masse von Verfolgungen aller Art, daß sie hätten Götter sein müssen, um nicht nach Ruche zu dürsten. (Fortsetzung folgt.) Angekommc«: Salomon, das verklärte Bild der Freiheit- Boden, Beiträge zur Beurtheilung der neuesten Literatur; Mendelsohn, Schuschan Eduth, erstes und zweites Heft. So eben verließ die Presse: Das verklärte Bit- -er Freiheit. Ein Kanzelvortrag am Paffahfefke des Kahres 5603, (16. April 1843.) von vr. Gotthold S a l o IN o n. 8. geh. U Bogen. Preis 4 Sgr. Vorräthig in allen Buchhandlungen Deutschlands und der Schweiz, in Hers seid und Homberg bei F. Schuster. Hamburg, April 1843. Moritz Geber's Verlag. Truck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.