Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1843)
- Date
- 1843-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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89 es Privaten ganz untersagt ist, öffentliche Vorträge zu halten,! vielmehr diese, „größtentheils ungebildeten, gesunde Begriffe ver- > wirrenden, Niemanden verantwortlichen Improvisatoren" aus der! Synagoge zu entfernen seien. — Die Richtung „Rückwärts", i mit dem Blicke in das Düster vergangener Jahrhunderte, bilden , die wieder stärker, als je laut werdenden Klagen, wie neulich in der L. A. Z. (jetzt D. A. Z.) über die fast nicht mehr zu erschwingende Abgabenlast. In einem Artikel aus Brünn heißt es hierüber in genanntem Blatte: „Jeder mährische Jude, als Familienvater hat, ohne Unterschied des Vermögens und des Einkommens 5 Fl. jährlich zu bezahlen . . . Diejenigen Juden, welche erst seit 1798 in Mähren wohnen . . . eine Toleranzsteuer von 20 Fl. Außer der Familientaxe, sammt dem Contributionszuschlage, der über 27,000 Fl. beträgt, haben die Juden noch einen angemessenen Beitrag an Dominica!- und Domisticalauslagen zu zahlen, und trotz der furchtbaren Verarmung der jüdischen Familien, haben sie doch darauf ihr Augenmerk zu richten, daß die Judensteuer wenigstens 185,000 Fl. betrage . . . Die Juden haben, nachdem die übrige Steuer bereits erstattet ist, nach folgendem Tarife, von Dem, was sie verzehren, eine Steuer zu entrichten. Von Fischen pr. Pfund 1 Kr., von Rind-, Kalbfleisch pr. Pfund 2 Kr.; von dem großem Geflügel 3, von dem kleineren 2, aber von einer Gans 10 Kr., von einem Maaße Wein 2 Kr. re. Der Ackerbau ist dem Juden versagt; das Gesetz duldet nicht, daß sie ein Kartoffelbect besitzen; Handwerke dürfen sie nicht erlernen, denn die Meister wollen christliche Zünfte, nichts ist dem Juden erlaubt, als 14 jähriger Militärdienst als Gemeiner." Wo aber das Leben unter solchen Lasten seufzt, da werden die im Geiste der Zeit gebildeten Rabbinen und die dogmatisch-moralischen Vorträge, eine schwere Aufgabe zu lösen finden. Doch diese zweideutige mythologische Figur kann in OestreichS väterlichen Regierungsmarimen keine breite Basis gewinnen, und man darf daher der gegenwärtig vorliegenden Petition der mährischen Israeliten um so mehr ein günstiges Prognosticon stellen, als man auch aus andern Landestheilen dieses Staates von Beweisen der väterlichen Gesinnung der höchsten Behörde für Verbesserung der israelitischen Zustände hört. „Was kann von Nazaret Gutes kommen?" So sprachen zu ihrer Zeit nicht blos die Pharisäer, sondern ihnen ähnlich sieht noch heutiges Tages mancher Deutsche, mit stolzer Selbstzufriedenheit nach den Karpathen, rufend: Was kann von dort Gutes kommen? Aber man höre, wie ein Magyare, was bei manchem Vaterlandsgenosscn mit Halbbarbar gleiche Bedeutung hat — vor einem deutschen Publicum über eine Frage der Humanität sich ausspricht: „Es ist gewiß voranszuschen, daß wir Ungarn auch in dieser Sache einen eigenen Weg gehen werden, auf dem nächsten Reichstage wird die Judenemanzipation wieder durchgehen, aber es ist dann nicht unsre Schuld, daß durch die Weigerung der königlichen Sanktion, die Sache der Humanität wieder hinausgeschoben wird". Daß cs auf Namen und Titel wenig ankömmt, und die Attribute — »erste" — und — „zweite" — nicht immer an ihrem Platze stehen, zeigen die Verhandlungen der dießjährigen Kammersession in Sachsen. Die Israeliten hatten nämlich, wie unsre Leser wissen, bei der Ständekammer eine Petition, wegen Erleicheerung einiger der drückensten Beschränkungen der Judenverordnung von 1838, eingereicht. In der zweiten ging, wenn auch nicht Alles, doch Einiges durch; in der ersten hingegen wurde, obgleich die Majorität der Kommission, und namentlich der Referent (Graf Hohenthal Püchau) sich aufs kräftigste der Sache der Israeliten annahmen, der ganze Antrag an die Regierung, welche sich schon früher gegen die Perition ausgesprochen, verwiesen, also in einer milden Form abgelehnt. Unsre Gegner werden nun gewiß nicht ermangeln, daraus für ihre Absichten neue Argumente zu schöpfen, und sich auf den Ausdruck dieses in der Bildung so weit fortgeschrittenen Völkerstammes, zu berusen. Allein dieselben mögen doch bedenken, daß im 16. Jahrhundert, Sachsen, was Bildung berrifft, den übrigen deutschen Stammverwandten nicht nachstand, und dennoch blieben Engherzigkeit und Egoismus die Faktoren seiner Politik, und darum dürfte die große Idee der Reformation dem corpus evan§elicorum vorleuchten, darum blieb es während des 30 jährigen Kriegs, fortwährend bei dem Losungswort: Erst die sächsische Fahne, und dann das Panier der Idee! (Denn diese Idee konnte kaiserliche Einquartierung bringen, und dem großen Gustav die erste Stelle.) Darum mußte Magdeburg satten, wie heute, freilich ungestrafter und geräuschloser, eine andere Frage der Menschlichkeit und des gesunden, natürlichen Rechtsinnes, durchgesallen. Gleichwie Volksbildung und industrielles Fortschreiten nicht immer die Lösung der schwebenden Zeitfragen, im Sinne des ewigen Rechts, im Gefolge haben, eben so wenig darf man irr einem jeden lebendigen Bücherschränke, in einem jeden zweibeinigen Archiv, in einem jeden Rechtsdonnerer, den Priester der Humanität erblicken. Dahlmann, der mit den Israeliten gleiches Schicksal gehabt — der gleichfalls wegen unerschütterlicher Ueberzeuguug, von den Machthabern bedrängt und verdrängt worden, war kaum wieder zu einem Catheder gelangt, als sich sein alter Judenhaß wieder auf die niedrigste Weise Luft machte, und zwar mit einer Logik und mit Gründen, wie sie meinem Nachbarn, der nicht studirt hat, und auch gar keinen Gehalt bezieht vom Staate, auch zu Gebote stehen. Dagegen hat die Sache der Israeliten in der Person des Pastors König zu Anderbcck (der anonyme Verfasser der bekannten Schrift gegen Dräseke), einen neuen beredeten Vertreter gefunden. In einem Werke über die neuesten kirchlichen Verhältnisse in Preußen (Braunschweig, bei Vieweg), läßt sich nämlich derselbe, über die preußische Judensrage, also vernehmen: „Da wir jedoch einmal die neuesten Gesetze in Erwägung zogen, so wolle man dem Verfasser nicht zürnen, wenn er noch einen Gegenstand hier vorsührt, der in diesen Tagen überall erörtert wird. DaS ist die Judenfrage." „Die christliche Religion ist aus der jüdischen hervorgegangcn, und der Stifter unserer Kirche war ein Jude, das bleibt