Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1843)
- Date
- 1843-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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98 Dreß ist doch offenbar christl. Moral. Der Eid ist verboten, das wird als einer der Gegensätze der Moral Jesu zur Moral des alten Gesetzes verkündet. Und die christlichen Staaten? Die begnügen sich nicht, den Eid zu erlauben, sie befehlen ihn in tausend Fällen, wenn man nicht Hab und Gut, ja wohl gar Leib und Leben verlieren und als überwiesen verurtheilt sein will. Weiter: (23. 38 und 39). „Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage Euch, daß ihr nicht widerstehen sollt dem Uebel, sondern so dir Jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar." Abermals einen Zug christlicher Moral. Die Rache ist nicht nur verboten, die Beleidigung ist, als Demüthigung des sinnlichen Menschen, mit Dank hinzunehmen, und fast als eine Wolthat zu betrachten. Es dürfte überflüffig sein, den Beweis noch an den Beiden folgenden Versen (40 und 41) zu führen, welche vorschreiben, dem, welcher den Rock nehmen will, auch noch den Mantel zu lassen, und mit dem, der uns eine Meile weit mit nötkigt, freiwillig zwei Meilen zu gehen. Es ist ganz einleuchtend, daß der Staat dies nicht, sondern daß er durchaus das Gegentheil verlangen muß, wie er es auch wirklich thut. Wir sollen uns, — sagt er, und muß es von seinem Standpunkte aus sagen — wir sollen uns dem Räuber, wenn nicht im eigenen so im öffentlichen Interesse widersetzen, ihn wo möglich vor den Richter bringen. Wir dürfen die Demuth nicht so weit treiben, ihm sein schändliches Gewerbe, wenn auch aus den besten Motiven, noch leichter zu machen. Wie aber, wenn wir, eben in diesen Gegensätzen die Erklärung der Bergpredigt und somit auch die Lösung unserer Frage finden? Führen wir nur zuvor die folgende Lehre an. tV. 43 u. f.) „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen. Ich aber sage Euch; liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, thut wohl denen die euch hassen, bittet für die so euch beleidigen, auf daß ihr Kinder seid Eures Vaters im Himmel, denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte u. s. w." Die Stelle schließt mit den Worten: „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie Euer Vater im Himmel vollkommen ist. (3. Mos. 19, 2)." Diese Stelle enthalt nun gewiß die reinste, herrlichste Moral, aber sic bietet, nach der gewöhnlichen Erklärung, in Beziehung auf das alte Testament eine^ unauflöslich scheinende Schwierigkert *). Hat dieses nämlich befohlen, seine Feinde zu hassen, wie kann Jesus in eben diesem Kapitel (V. 17, 18, 19) sagen: Bis daß Himmel und Erde vergehen, werde nicht der kleinste Buchstabe noch ein Titelchen vom Gesetze (Mösts) Wegfällen. Wer *) Jahrg. II. Nr. 31 und 32 dieser Blätter. eins davon auflösen wollte, ■ werde der kleinste sein im im Himmelreich, er selbst wolle nur erfüllen. Statt des Hasses Liebe predigen, heißt doch gewiß nicht erfüllen, sondern, und zwar auf die edelste Weise, auflösen. In der That findet sich im alten Testamente nicht nur kein Gebots den Feind zu hassen, sondern im Gegentheil das ausdrückliche Verbot Böses mit Bösem zu vergelten ( >. B. M. 23, 4. 5; 3. B. M. 19, 17. vgl. 5. B. 23, 8; Spr. 24, 17. 18; ebds. 25, 21. 22.) die Ermahnung, alle Menschen als Kinder desselben Gottes, als Brüder zu betrachten, da, wir alle einen Vater haben und ein Gott uns Alle geschaffen hat (Maleachi 11/ 10)." Es ist klar: Jesus will das alte Testament nicht tadeln, das er ja verehrt wissen will. Er will nicht sagen, daß Moses den Feind (nämlich in dem Sinne von üiilmeus) zu hassen befohlen. Er will nur seine Lehre, als moralisch-aszetische, den Gesetzen des alten Testaments entgegenstellen, welche Volks- und Staatsgesetze sind. Er will sagen: Der Staat mag die Ehescheidung billigen; der Fromme enthalt sich derselben, wenn er nicht in seinem Weibe eine Ehebrecherin erkennt. Der Staat muß in gewissen Fällen einen Eid begehren; der Fromme enthält sich dessen, sein Wort ist: ja, ja, nein, nein. Der Staat muß Beleidigungen ahnden; der Fromme vergiebt sie, ja er freut sich ihrer gewissermaßen als geistiger Kasteiungen. So endlich: der Staat verlangt, daß man den Feind (im Sinne von Hoftis, nämlich den Feind des Staates) hassen (wie z. B. Moses ewigen Krieg gegen Amalek anordnet) und will nur, daß man den Freund liebe; das Moralgesetz aber befiehlt den Feind zu lieben, wie Moses selbst Euch auffordert „vollkommen zu sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Man sieht, Jesus führt zum Belege, daß wir verbunden sind den Feind zu lieben, selbst eine Stelle aus dem alten Testamente (3. B. M. 19, 2.) an, was die gewöhnliche Erklärung schon von selbst widerlegt. Soweit die Betrachtung unseres Verfassers aus welcher unsere Leser nun folgende wichtige Sätze ableiten dürfen: Erstens: Alle diejenigen die noch von einem christlichen Staate im dogmatischen Sinne sprechen, und damit dem Juden den unbeschränkten Eintritt in den staatlichen Verein verwehren, müssen, wenn sie consequent sein wollen, jede Toleranz der verschiedenen christlichen Confessionen gegen einander als eine Gottlosigkeit ansehen, und überall in Europa wieder Jnquisitionsgerichte und Schaffote für die Ketzer errichtet wünschen. Zweitens: Auch die Idee eines christlich-moralischen Staates, (wie sie z B. Neander auffaßt, und woraus er deducirt, daß die Aemter in der bürgerlichgesellschaftlichen Verfassung, als zur Realisirung der christlich - sittlichen (göttlichen) Ordnung in der Menschheit angelegt, nur von Christen verwaltet werden können) ist falsch, da die christliche Moral nicht vom Staate ausgenommen werden rann, vielmehr demselben direkt widerspricht. — Somit kennt