Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1843)
- Date
- 1843-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566872--0590-2568260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kraft, als mit dem ersten Exil das äußere Unglück seiner Bekenner begann, als Leiden und Entbehrungen ihm «rst den rechten Glaubensmuth, die rechte Glaubcnsweise gegeben, und was die heutige Zeit noch an Tiefe und Ernst des religiösen Lebens besitzt, es ist meistens das Erbtheil unserer frommen, ihres Glaubens halber gemißhandelten Väter und Mütter. Darum ist auch die schlechte Beförderung der erleuchteten Rabbinen der Gegenwart gut, gut, weil sie ihr Streben von jedem äußeren Motiv fern halt, und sie in der Gesinnung, in der selbstverleugnenden, aufopfernden Gesinnung für das, was ihnen heilig ist, erstarkt. Die Kraft der Gesinnung, der Muth der Ueberzeugung, ist aber dasjenige, was dem heutigen Israel fehlt, was ihm allein noch Hülfe bringen kann. Denn nicht nur unsere Laien sind indifferent, sondern der Jndifferentismus der letzteren wird noch durch den, welcher in der Rabbinenwelt selbst herrscht, gefördert; man sieht, wie diejenigen, welche einmal zu Amt und Würde gelangt sind, die Hände in den Schooß legen, gleichgültig den Zustand ihrer Brüder mit ansehen, und wird daher selbst gleichgültig, verzweifelt an jedem Besserwerden in Israel. Aber was noch schmerzlicher ist, da, wo am ersten eine Vermittelung eintreten könnte, wo die Würde der Wahrheit am meisten sich geltend machen sollte, im Gebiete des Geistes, der Literatur, zeigt sich auch ein heilloser Jndifferentismus, eine Gleichgültigkeit gegen das, was das dringendste Bedürfnis der Gesammtheit, des unwissenschaftlichen und ungelehrten Theiles unserer Glaubensbrüder ist; denn sonst würde man sich nicht nicht meistens in exegetisch-kritischen Untersuchungen ergehen, oder, wo man höhere religiöse Grundsätze bespricht, diese durch einen gelehrten Apparat verhüllen; sonst würde mit einem Worte unsere neue Literatur mehr eine volksthümliche sein, eine solche, welche durch einfache, populäre Darstellung das lockere Band zwischen der Lehre und dem Leben wieder zu festigen suchte, welche in unmittelbare Berührung mit dem Volke träte, ihm sagte, was da Noth thue, wenn Israel geistig und sittlich sich wieder erheben, wenn ihm ein Glaubensgrundsatz beigebracht werden soll, von welchem aus das ganze Leben, jedwede menschliche, sittliche und bürgerliche Thätigkeir, wie die Radien von dem Mittelpunkte eines Kreises, gehen, und in dem sie auch den sie verbindenden, einigenden Punkt finden würden. Darum liegt es euch, ihr erleuchteten Volkslehrer der Gegenwart, ob, einem solchen Schriftthum thätig euch zu erweisen, noch thätiger, freier und entschiedener, als dieses bisher der Fall gewesen, und dadurch euch selbst, dem Heil eurer Brüder, welches euch anvcrtraut ist, noch mehr zu nützen, als dieses durch größere praktische Wirkungskreise geschehen würde. Aber auch hier muß die Kraft eurer Gesinnung sich bewähren, auch in euren kleineren Gemeinden müsset ihr des Guten recht viel fördern, damit die heuchlerischen Rabbinen der größeren es sehen, und sich vor ihren Gemeinden schämen, und auch die Hand zu zeitgemäßen Reformen bieten müssen. Und wenn ihr euch nun in noch einer Beziehung mit euren, äußerlich hochgestellteren Amtsbrüdern vergleichet, wenn ihr sehet, wie diese, in Ermangelung jedweder Gesinnung,^ es nur mit der noch vorherrschenden Partei der Starrglaubigen halten, und auch die bescheidensten und auch die mäßigsten Wünsche des fortschreitenden Theiles ihrer Gemeinden nicht beachten, wahrend ihr, selbst eine Gesinnung habend, diese auch in dem strengortbodoxen Theile eurer Pflegbefohlencn zu ehren wisset, und darum, eben so von Untätigkeit, wie von einem bilderstürmenden Verfahren euch frei haltend, den wahrhaftigen Fortschritt. die rechte, weise Vermittelung zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen den Ansichten der Vergangenheit und den Ansprüchen der Gegenwart, zu bewirken strebet, so habt ihr noch weniger Ursache, der Jetztheit zu zürnen, daß sie euere offene Huldigung der guten Sache noch so schlecht lohnet. Die Zukunft ist den, noch unser! rufen wir mit Allen, die den Kampf mit der Verblendung und Trägheit ihrer Zeit suchen. Die Zukunft wird auch unsere Bestrebungen segnen, wenn an die Stelle des immer mehr alternden starr-rabbinischen Bewußtseins ein neues, helles getreten ist, wenn auch das Judcnthum den Sieg einer erleuchteten Religiosität feiern wird. Geschichte des Tages. (Fortsetzung des Artikels aus der Mannheimer Abendzeitung.) „Die Ansprüche des Judenthums sind hierbei weit eher conservativ als destructiv zu nennen, denn sie stützen sich auf die Verheißungen der Bundesacte selbst, welche auch weislich in einem und demselben Artikel die gleiche Berechtigung der christlichen „Religionsparteien" mit der Gleichstellung der Inden verknüpft. Ja sogar das Versprechen des 16. Artikels, die Preßfreiheit, — wird nur eine Wahrheit werden und Realität im Volksbewußtsein gewinnen, wenn man die analoge Freiheit auch für Alle will; so lange freilich, als nur jede Partei sie für sich verlangt, so lange, als nur die Gewissen und die Gesinnungen geduldet werden, welche auf eine Art Ucbermacht zählen können, wird es mit ihr gehen, wie mit der Gewisscnsfreiheik. Der französelnbe Liberalismus, wie kann der zaudern? Die Partei des nationalen Fortschritts, wie kann die zurückstehen, wo es auf den Nachweis ankommt, daß das große Vaterland nicht von kleinlichem Ausschließungsgcist und adlichen Vollblutsregistern, sondern von der Aufnahme und dem Verkehr aller thätigen Elemente, von der Huldigung an die freieren Grundsätze der neuen Welt abhängt? Wo das anders angesehen wird, da entzieht man den Juden theure Pflichten, um ihnen heilige Rechte zu rauben, und begeht mit dieser Bemäntelung des Unrechts nur ein doppeltes Unrecht, — die Lasten der Juden werden nur um so drückender werden, wenn man dieselben auf einer Seite conzentrirt, und nur darum auf der andern erleichtert, um ihnen die wohlerworbene Waffent