Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1843)
- Date
- 1843-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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SS Voraus Schranken ziehen; daß dieß doch geschah, war eine heillose Abirrung vom Prinzip. Denn unglücklicherweise schlug die Wirkung der Reformation in eine »Staatsreligion" um. Der Satz: krinceps Episcopus, zu Deutsch: daß der Fürst eine unbeschränkte geistliche Gewalt über die Gewissen seiner Unterthanen besitzen solle, war der praktische Inhalt der neuen Erfindung, die um so weniger religiös zu nennen war, je kirchlicher sie erschien. — Wer in Süddeutschland möchte diese Theorie behaupten oder zurückwünschen? Wer strebt nicht vielmehr eifrig der ferneren Entwickelung religiöser Gemeindefreiheit zu? — Die Ueberzeugungen, welche unsere Cultur für das höhere Staatsleben gewonnen hat, stoßen Niemanden aus. Keiner läugnet sie ab, mögen sie nun christlich heißen, oder nicht. Und die Lenker der Staatengeschicke haben mehr zu thun, als hier mit mikrologisch - philologischen Untersuchungen hemmend und trennend dazwischen zu treten! *) Das wenigstens haben wir den Franzosen zu verdanken, daß sic den Staat befreit haben von dem Papstthum der weltlichen Souverainitäten, welches mindestens eben so arg ist, als das geistliche Papstthum, mit dem die religiöse Innigkeit sich noch eher verständigt. Der Staat darf freilich nicht sagen, wie jene Kolonial- Minister: Was gehen uns Eure Seelen an? »Baut Taback!" Aber mehr oder weniger muß er aussprechen: Denkt was Ihr wollt und thut was Ihr sollt! — Mag er sich um unsere Seelen bekümmern durch Erziehung, literarische Einflüsse, ein Ministerium des Cultus und des öffentlichen Unterrichts, durch Volksfeste, Landsturm und Volksaufklärung; aber er kann nicht an die Bedingung gewisser Einsichten und Ueberzeugungen das ganze praktische Staatsbürgerthmn knüpfen, denn mehr als eine — meinetwegen, bessere — Einsicht, mehr als eine Ueberzeugung, die nicht befohlen werden kann, ist doch eine Religion niemals. Auf die Formen kommt es dabei gar nicht an; wer Andersgläubige — etwa durch moralischen Zwang — nur zur erheuchelten Annahme der Taufe zwingen wollte, etwa wie ehemals die Missionarien die wilden Völkerschaften tauften und selig werden ließen, ohne daß diese nur etwas davon gemerkt hätten, wer *) »In dem modernen Staate liegt schon die Idee seiner religiösen Basis so klar ausgesprochen, daß ein praktisches Staatsbekenntniß, vom Leben selbst gegeben, jedes andere fast überflüssig macht. Jeder, der an dem heutigen Staate Theil nehmen will und kann, widerspricht unmöglich seinen innersten Tendenzen. Wohl gehören die letzten Staatenbildungcn einer christlichen Weltordnung an: Sie wurzeln darin und können nicht heraus, selbst wenn sie wollten. Ihre christliche Grundlage behaupten sie auch unbewußt, denn sie sind von einer christlichen Atmosphäre bis in die weiteste Ferne umgeben.-Aber sind die Juden unserer Zeit etwa uuchristlich? Indem sie dieser Bildung angehören, denselbm Moralsystemen gehorchen, und in dieser Cultur nicht ferne von den Gipfeln stehen, könnten sie die Schichten von 18 Jahrhunderten unterminiren?" — — (Studien der inner» Politik.) so verfährt, der bezweckt die Demoralisirung einer Volksklaffe und vergibt seiner eignen Religion, als deren Partisan er erscheinen möchte, mehr, als der ärgste Ketzer, indem er den Formen ihren Inhalt opfert und, um sie zur herrschenden oder StaatS-Kirche zu machen, ihre geistige Würde, ihre sittlich freie Wirksamkeit vernichtet. Er erniedrigt den Glauben, den er ehren möchte. Gewiß, liegt es nicht im Geiste der »Religion der Liebe", sich alS Dogma festzusetzen, und statt in ewig fortschreitender Entwickelung sich lebendig zu behaupten, in der Schaluppe des schwankenden Staatsschiffes salvirt zu werden. — Abgesehn vom Namen, ist der uneigennützige Eifer der Juden, zu Ehren ihrer freien Ueberzeugung, selbst ohne die Gewährung staatsbürgerlicher Rechte, alle Pflichten in Krieg und Frieden willig vollauf zu erfüllen, jedenfalls ebenso christlich, als das exclusive und feindselige Benehmen derjenigen Confessionen, welche auS ihrem starr urgirten Christenthum eine Art Mvtier machen, um sich die aristokratischen Vorrechte des Mittelalters zu wahren. — Jene fromme Zeit der Inquisition hat die Regersklaverei cingeführt. Tie neue Zeit, und gerade ihre anfgeklärten Elemente, haben sie abgeschafft, diese neue Zeit der Humanität, wie sie verstanden und dargestellt ist in den Schriften von Benjamin Constant, Notteck, Welcker, u. A. m., diese neue Zeit, welche auf allen Schlachtfeldern um die Befreiung der Menschheit von den alten Banden des Unterschieds kämpft, diese neue Zeit, der jeder große Mann huldigen muß, wenn seine Werke nicht der Fäulniß anheimfallen sollen, diese Zeit muß den Staat von der Kirche, und diese von jenem emanzipiren, d. h. den Staat auf das Praktische, aus die That, und die Kirche auf die freie religiöse Ueberzeugung erbauen; dann wird der Staat den Succurs des Gewissenszwangs, die Kirche die Krücken der Territorialgewalt verschmähen. — Somit stimmt die neue Zeit für die bürgerliche Gleichstellung der Juden. Man hat hierbei das Wort: Emanzipation meidenwollen, weil die Juden keine Mancipia, Sklaven, mehr wären: da ihnen aber politische Rechte verweigert werden, zu denen sic befähigt sind, deren Entbehrung ihrer bürgerlichen Ehre Abbruch thut, so ist das für die Empfindung der Gedrückten allerdings eine Art Sklaverei. — Nicht von dem Mitleiden erbitten wir also unser Recht, nicht von schwächlicher Menschenliebe erflehen wir es als ein Werk der Toleranz, nein! auf die Prinzipien erbauen wir unsere Ansprüche, welche den ganzen Fortschritt der neuen Zeit bilden unp tragen; und wir dürfen damit drohen, daß die Partei des Volks nicht eher Freiheit wird gültig ansprechcn können, als bis sie der Gerechtigkeit genug gethan hat, daß nicht eher Friede unter den christlichen Confessionen einziehcn wird, als bis die bürgerliche Gleichstellung der Juden, ja die Gestattung gemischter Ehen, daS moderne Prinzip der Gewissensfreiheit in seiner politischen und socialen Bedeutung für Alle hier an dieser Probefrage des wahren Liberalismus gelöst und erfüllt sein wird!" — (Forts, folgt.) Die Leipziger Allgemeine Zeitung berichtet aus Dresden: »Im Jahr 1834 trug die Ständeversammlung darauf an, daß zu zweckmäßiger und zeitgemäßer Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der hierländischen Juden der nächsten Stände-