Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1843)
- Date
- 1843-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Grtchichte des Tages. Bon mehreren Orten her, an welchen die von dem Obervorsteher-Collegium in Breslau herausgegebenen „Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung mit dem Rabbinenamte« zufällig bekannt geworden, gehen Zuschriften bei Ans ein, in welchen man seine Verwunderung darüber ausspricht, daß jene Schrift nicht in den Buchhandel gegeben worden ist. „Sie sei ja die wichtigste Erscheinung unserer Tage. Durch sie erhalte — was bis jetzt noch nicht geschehen — die Ansicht der fortschreitenden Parthei im Judenthum in einer namhaften Anzahl von Rabbinen ihre kräftigste Stütze und ihre ansehnlichste Vertretung; eine Veröffentlichung und resp. Verbreitung derselben Seitens des gedachten Obervorsteher-Collegiums müffe daher diesem um so heiligere Pflicht sein, als es selbst *) den bleibenden Gewinn aus der Wendung, welche die Breslauer Rabbinats- Angelegenheit genommen, in der dadurch erfolgten Acußerung einsichtsvoller Rabbinen der Gegenwart finde, und dieselbe nur zu einer Belebung des JudenthumS und zur Gewinnung größerer Klarheit beitragen könne." Auch in England, dessen Israeliten bisher dem Fortschritt nichts weniger als geneigt waren, regt sich jetzt ein lebendiger Geist, Schule entsteht auf Schule und bald wird keine Gemeinde ohne eine Anstalt der Bildung und des Unterrichtes sein. Doppelt betrübend ist es da, was man von dem israel. Consistorium des Oberrheins hört, welches nicht allein die zur Förderung religiöser Erleuchtung dienenden Maßregeln selbst nicht trifft, sondern die Gemeinden und Rabbinen, welche sie treffen wollen, noch daran verhindert, und auf diese Weise einen sehr unerfreulichen Gegensatz zu dem für das Bessere so rastlos thätigen Consistoriums des Nicdcrrheius darstellt. Die preußische Staatszeitung meldet: „Der in Berlin seit dem Jahre 1813 bestehende Verein zur Beförderung der Handwerke unter den Juden hat über seine Wirksamkeit während der zuletzt verflossenen beiden Jahren einen Bericht ausgegeben, aus welchem hervorgeht, daß derselbe ein Grundvermögen von 10,175 Thlr. besitzt, dessen Zinsen im Vereine mit den jährlichen Beiträgen der Mitglieder den Verein in den Stand gesetzt haben, während der Jahre 1841 und 1842 die Summe von 2748 Thlr. 22 Sgr. zu seinen Zwecken zu verwenden. Diese Zwecke bestehen hauptsächlich in der Unterbringung und Erhaltung von armen jüdischen Handwerkslehrlingen und deren Ausschreibung als Gesellen." Auch den Ständen in Sondcrshausen soll von der dasigen erleuchteten Negierung eine Vorlage zur Verbesserung der israelitischen Verhältnisse gemacht werden. (Forts, des Artikels aus der Mannheimer Abendzeitung.) In welche Widersprüche verwickelte sich aber auch die Opposition in den deutschen Kammern bei unserer Frage; wie ängstlich war sie bemüht, die Debatte abzubrechen, wo sie das einem Minister nimmer vergönnt hätte; sie schämte sich eigentlich ihres Wi- *) S. die Einleitung zu der fragl. Schrift. derspruchs, wollte die Sache nicht aufgeschoben wissen, nur aufgehoben auf bessere Zeiten, oder stellte Bedingungen, deren Erfüllung gar nicht von den Juden und ihren Freunden abhing, z. B. wenn erst die Preßfreiheit gegeben wäre; dann sprach sie ärgerlich vom Neichthum einiger Juden und frug: was wollen sie mehr? — Das vielverehrte verstorbene Haupt der Opposition in Baden, dessen Leichenfeier wir noch jährlich begehen, hat die Juden im Jahr 31 selbst auf spätere Zeiten vertröstet; nur wenig Jahre waren der Zeitraum, innerhalb welches die Weltlage sich denselben günstiger gestalten sollte. Wohlan, diese Zeit ist verflossen, und cs gilt zur Ehre des tobten Meisters, seine ganze Theorie da zu vollenden, ihre Conscguenzen zu ziehen und auszuführen, wo er selbst menschlicher Schwäche nicht entging. Vielleicht wird seine Prophezeiung etwas später wahr, jetzt wahr! Haben sich doch Männer wie der edle Welcker, seitdem nicht gescheut, ihre Ansicht zu Gunsten der Wahrheit zu ändern! Werden die Andern im besten Falle nur schweigen?! — Baden, welches fortwährend das heilige Feuer politischen Lebens am Altäre seiner Freiheit für ganz Deutschland nährt, dieses glückliche Grenzland, das sich einer der aufgeklärtesten constitutionellen Versammlungen in Europa rühmen kann, ist es, auf welches wir zunächst unsere vertrauenden Blicke richten. In einer Frage, in welcher die Regierung dem liberalen Fortschritte kaum zuwider wäre, gilt es für die Opposition, zu zeigen, daß sie nicht blos den Vortheil der Ihrigen, sondern das Recht für Alle will. Nicht von der Gnade der Fürsten, die — wie oft schon! — uns geboten ward, von dem engen Zusammenhang mit dem Volke, als dessen Glieder wir zu stehen und zu fallen haben, von dem Vertrauen auf die energische Gerechtigkeit der Stimmfübrer der Dolksrechte erwarten wir unser Heil. - Und wirklich haben die geistigen Fortschritte der jüngsten Epoche sich nicht ungünstig gestaltet. Tie extremsten Organe des theoretischen Liberalismus und der praktischen Nationalität, die „Rheinische" und die „Oberdeutsche Zeitung", haben sich für unS erklärt. Aber was dazwischen liegt, die Halben aller Art sind gefährlich; die Teutonen, welche für ihr Vaterland keinen industriellen Aufschwung, sondern die exclusive Rohheit der Urwälder herbciwünschen, die Liberalen, welche den Brod- und HandelSneid von Schuster, Schneider und Apotheker caressiren, die Regicrnngsmänner, welche nicht den kühnen materiellen Fortschritt, sondern das ängstliche Erhalten längst veralteter Zustände und Privilegien bezwecken, sind gegen uns! — (Forts, folgt.) (Schluß der Schilderung der Allg. Zeit, über die Karäer in der Krimm.) „Wenn die Auswanderung von Tschusut-Kaleh so fortdauerl wie in der letzten Zeit, so findet man in zwanzig Jahren dort vielleicht keine Bewohner mehr und dann muß der Eindruck auf den Besucher noch viel seltsamer und düsterer sein. Ich akhmete erst wieder frei, als ich das abscheuliche Nest hinter mir hatte und vor dem schönen Karaimcnkirchhof im Thal Josaphat stand. So häßlich und schrecklich jener Wohnsitz der Lebendigen, so > lieblich, hold und heimlich ist der Ruhcort, den diese Karaimen