Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1843)
- Date
- 1843-03-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566870--0580-2568248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nem Hellen Mittag begangen hatten, ja im Stillen doch die Frommen und Orthodoxen mehr achteten, als die ihnen gleichgesinnten, resp. gleichthuenden Glaubensbrüder. Viel anders ist es bei Hunderten unserer heutigen Aufgeklärten auch nicht, und als Beweis, wie sehr es noch denselben an Starke der Ueberzeugung und Entschiedenheit der Gesinnung gebricht, mag die bekannte Thatsache gelten, daß diejenigen, die sich selbst längst von allen rabbinischen Ge- und Verboten entbunden haben, doch die Beobachtung derselben Seitens des Rabbinen, Seitens des Jugendlehrers verlangen, als ob es ein Judenthum für den Rabbinen, und eines für die übrigen Israeliten gebe, als ob Moses nicht seine Lehre für alle Söbne Israels verkündigt hätte. Wir hatten aber wohl Recht, wenn wir vorhin sagten, daß dieser religiöse Jndifferentismus, dieser Mangel an Gesinnung Seitens unserer Aufgeklärten unser größtes Unglück sei. Man vergegenwärtige sich nur, wie es noch an gar vielen Orten hergeht, wenn die Stelle eines Rabbinen oder eines Jugendlehrers besetzt werden soll. Welcher Eifer bei den Steiforthodoxen, den Mann ihrer Gesinnung an die Stelle zu bringen, und welche Lauheit bei den sogenannten Aufgeklärten, wie lassen diese die Gegner so frank und frei gewähren. „Was kümmert uns auch der Rabbine, wir können für uns doch leben wie wir wollen, und für unsere Kinder ist es sogar besser, wenn sie einen recht strengen Religionsunterricht erhalten."*) Und nun vollends auf dem Felde, wo das Meiste geschehen könnte, auf dem der öffentlichen und schriftstellerischen Wirksamkeit. Welch' ein träges, laues Publicum finden da diejenigen Schriftsteller, welche für den Fortschritt auftrcten, im Vergleich mit ihren frommen, starrabbinischen Collegen! Und darüber sollte nicht jeder Wohlgesinnte klagen und trauern? Welch' eine Zukunft, welch' trübe, schmachvolle Zukunft steht uns bevor, wenn die Dinge dergestalt bleiben! Euere Kinder werden durch den heuchlerischen Unterricht, welchen sie erhalten, welcher schnurstracks dem, was sie im elterlichen Hause hören und sehen, widerspricht, zu Verräthern an euch, zu Verräthern an Gottes heiligem Wort erzogen. Sie müssen einst glauben, daß es kein Judenthum, kein reines, lauteres, vom Himmel stammendes Judenthum gebe, weil sie das, was man ihnen dafür gegeben, nur als einen Trug, als etwas, was man bloß den Kindern lehrt, ansehen gelernt. Und ihr selbst, Väter und Häupter der Familien, habt ihr Religion, habt ihr *) Wir kennen einen sonst höchst achtungswerthen und hochverdienten Vorstand einer ansehnlichen Gemeinde, in welcher die Zahl der Aufgeklärten bei weitem die Mehrheit bildet, und wo früher ein berühmter Vertreter des Fortschrittes als Religionslchrer angestellt war, wo aber dennoch der Vorstand aus Besorgniß, es möchte ein Theil der Orthodoxen ihre Kinder der Schulanstalt entziehen, Bedenken trägt, die Stelle wieder mit einem entschieden freisinnigen Manne zu besetzen. O des Verrathes und kleinlichen Krämergeistes in einer so wichtigen, heiligen Sache! 50 eine Stütze und eine Quelle des sittlich. starken Lebens, wenn zwischen dem, was ihr thuet, und dem, was ihr denket, kein innig-heiliges Band besteht, wenn ihr des Religionspredigers entbehret, der euch das lautere Gotteswort vorträgt, der euch das rechte Verhältniß zwischen äußerer und innerer Religiösilät erkennen läßt; wenn ihr eines Schriftthums entbehret, das der Fortbildung der religiösen Erkenntniß gewidmet ist, das den Bund zwischen der Wissenschaft und der Offenbarung, zwischen der Religion und dem Leben immer inniger knüpfen soll? Darum lasset ab von eurer Lauheit, ihr Aufgeklärten unter uns! Sind die der früheren Zeit mit der mangelhaften Bildung, die sie besaßen, zu entschuldigen, so seid ihr es nicht, die ihr trotz der Hemmnisse, die der sreimüthigen Verkündung des göttlichen Wortes noch in den Weg gelegt sind, doch — es müßten ja sonst die vielen Stimmen unserer gesinnungsvollen Rabbinen und Religionslehrer wie in der Wüste ertönt sein — eine Ahnung, ja wohl auch eine Ueberzeugung erlangt habt von dem, was den Grund und den Kern unserer Religion bildet. Achtet darum diese Ueberzeugung, verrathet sie nicht und gebet sie nicht Preis, sondern betätiget und belebet sie dadurch, daß ihr eine gleich entschiedene Gesinnung, ein gleich tbatkräftigcs Handeln wie eure strengorthodoxen Brüder beweiset, wenn es darauf ankommt, euren Kindern wahre Lehrer der Religion, euch selbst würdige Führer und Vertreter zu geben, und der Dürftigkeit, unter welcher bisher die bessere Literatur unseres Bekenntnisses wegen mangelnder Anerkennung geschmachtet, durch freigebige und großsinnige Unterstützung wieder aufzuhelßen. Nur dadurch bereitet ihr das vor, was uns wahrlich eben so Noth, ja noch mehr Noch thut, als unsere bürgerliche Emancipation, für die ihr doch alle ein Interesse beweiset: ein gesinnungsvolles, lebenskräftiges Judenthum, welches der freieren bürgerlichen Thätigkeir erst den rechten Adel gibt, sie zu einer heiligen, segensreichen erhebet. Nur dadurch begründet ihr aber auch den Frieden, den Frieden mit euren strenggläubigen Brüdern, der in seinem falschen Sinne oft eurer Lauheit und Unthätigkeit zum Vorwände dienet. Denn nicht darin ist der Friede, die weise und wahrhafte Vermittelung zu suchen, daß ihr den starren Rabbinen freies Spiel lasset, sonst aber in Handlung und im Leben ihnen schroff entgegenftehet, sondern darin, daß ihr eine kräftige Gesinnung gleich ihnen beweiset, die sie an euch achten müssen, und die jedenfalls das bewirken wird, daß sürder Männer von gemäßigter religiöser Gesinnung, von einiger Einsicht in das, was uns Noth thut, an die Spitze unseres Religions- und Erziehungswesens treten, und nicht ganz und gar verblendete, und nicht Erz-Heuchler und Stock- Phansaer, welche, wie einst schon ein Seher in Israel klagte, die Heerde nicht weiden, sondern zerreißen, und am Fleische und an der Milch sich laben.