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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-03-26 · Heft 13 (26.3.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 13 (26.3.1843)
Date
1843-03-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SS für ihre Tobte« ausgewähll. Diese Gegend sprach mich wunderbar an. Jawäre das Leben, wäre das Reisen nicht eine so gar hübsche Sache, ich hatte mich hier im Josaphathal gern für immer eingeschlummett gewünscht. Die sehr schönen Grabmäler Mit säubern Inschriften geziert bedecken die Abhänge von zwei Bergen, auf welchen das Felsgcstein terrassenförmig sich erhebt. Eichen und Ulmen breiten ihre grünen Laubschirme über die Grabsteine, die von üppig wachsenden Malven umhangcn sind. Neben den sehr vernachlässigten tatarischen Friedhöfen zeichnet sich dieser Begräbnißplatz der Karalmen sehr vorthcilhast auS und gibt günstiges Zcugniß von dem Character eines Volkes das seine Todten liebt und ehrt." Börne's Kindheit. *) Ludwig Börne wurde als Löb Baruch den 22. Mai 1766 zu Frankfurt am Main von jüdischen Eltern geboren. Diese Abstammung Börne's ist für seine spätrc Geistesbildung zu entscheidend gewesen, als daß wir uns über sie nicht gleich an der Schwelle seines Lebens verständigen sollten. Börne war Jude. Seine Feinde haben dies oft genug geltend gemacht, entweder um seine angeblichen Verirrungen zu erklären oder sie mitleidig damit zu entschuldigen. Die Einen, die Germanischen, die mit ihren blonden Haaren und blauen Augen unmittelbar von den Eicheln der altdeutschen Urwälder abzustammen vorgebcn, haben darum Bornen nie recht an sich herankommen lassen, haben sich seines Geistes, seiner Gesinnungen erwehrt, selbst wenn diese, wie früher, z. B. bei Görres, mit der Tendenz des Herausgebers der Waage im Allgemeinen übereinstimmten. Die Andern, boshafter, als jene Phantasten, haben grade den verbissenen Groll eines nicht emauzipirten Juden geltend gemacht, um Börne's uneigennützige Liebe zur Freiheit zu verdächtigen, haben das Häßlichste, was man nur im Durchschnitt vom jüdischen Charakter zu behaupten pflegt, in das Gemüth Börne'S, ob er gleich Christ geworden, zurückzulciten gesucht, und ihm jene Lieblosigkeit, jenen zersetzenden Verstand angedichtet, welchen man gern für das Erbthcil der Juden ausgiebt. Die Wahrheit ist aber die, daß allerdings die jüdische Abstammung auf Börne's Sinnes- und Denkweise von großem Einfluß war, daß ihm aber diese Abstammung noch um so mehr den Beruf gab, für die Freiheit Aller aus dem tiefsten Bedürfniß derselben zu wirken. Es ist wahr, Börne hat erzählt, daß ihn der Juif de Francfort, welchen die Frankfurter Polizei einst in seinen Paß schrieb, *) Börne, obgleich äußerlich zum Christenthum übergetreten, blieb doch seinem innersten Wesen nach seinen Glaubensgenossen getreu, vertrat ihre in den Staub getretenen Rechte, und geißelte mit dem Stachel seiner Rede alle die, welche ihrer Unterdrückung das Wort redeten. Darum möge denn auch die nachfolgende Schilderung eines christlichen Biographen einen Platz hier findm. Redaction. bitter gekränkt und gestachelt hätte, sich einst dafür zu rächen. Aber woran hat er sich gerächt? Wahrlich nicht an etwas,- daS er, um seinen Zorn zu kühlen, erfand, sondern an dem ganzen Zusammenhang jener thatsächlichen politischen Zustände, die es mit sich bringen, daß wir die Leibeignen unserer Herrscher und die Juden wieder die Leibeignen unsrer Herrschsucht sind. Er fand, als ihm die Dinge und Menschen klar wurden, daß dieser Juif de Francfort nicht allein dastund, sondern daß eine und dieselbe Kette, die den Juden in schimpflicher Abhängigkeit hält, ihre Fortsetzung hat auch in die größten und kleinsten Kreise der christlichen Existenz. DaS Eine verschmolz ihm mit dem Andern; cS führten die Leiden alle zurück auf dieselbe Quelle. So wie die Lage der Juden in Deutschland war und noch ist, muß es ein unseliges Gefühl sein, unter ihnen geboren zu werden. Schon das Spiel des Kindes hat seine Gränze; denn was der christliche Knabe nicht durch sein eigenes unschuldiges Herz zu hassen und zu verspotten lernt, lehrt ihn der Haß und der Spott seiner Eltern. Eingepfercht in häusliche Gewohnheiten, religiöse Sitten, für welche dem jüdischen Knaben das tiefe Verständniß abgcht, oder das er doch verliert, wenn die Bildung die seinen Geist mit christlichen Stoffen schwängert, über ihn kömmt, ausgeschlossen von den Bahnen, welche christliche Gespielen und Schulfreunde für ihre Zukunft einschlagen, gefesselt an eine Gesellschaft, die in ihrer Abgeschiedenheit gar zu sehr in grelle Einseitigkeiten und wunderliche Richtungen verfällt, die der reifere Verstand bald durchschaut, ausgeseßt endlich den zahllosen Gehässigkeiten, welche sich die Christen im bürgerlichen Verkehre, in der Gesellschaft, in lokalen Beziehungen gegen die Juden erlauben — o das muß tief in edleres Gemüth einschneiden und Wunden hinterlassen, die, da der Zustand der Juden sich immer noch nicht bessern will, nie vernarben können. Der jüdische Kaufmann zerstreut sich vielleicht durch den glücklichen Erfolg seines Gewerbes; aber der jüdische Gelehrte ist auf die traurigste Vereinsamung mit seinem Schmerze angewiesen. Hat er die Jugend mit den Nadelstichen für seinen Ehrgeiz hinter sich, so ist ihm nun die ganze Zukunft versperrt. Er hat die Früchte der Wissenschaft und Kunst brechen gelernt, so wie wir, aber er darf sie nicht genießen. Alle Voraussetzungen der Bildung sind bei ihm dieselben, wie beim Christen, ja er kann durch wissenschaftliche Einsicht sogar vom Christenthume eine höhere Idee haben, als mancher christliche Gelehrte sie hat, und doch bleibt er ausgeschlossen von einer Wirksamkeit für das Allgemeine, und muß, beschränkt auf seine Glaubensgenossen, eine Bitterkeit nähren, die seinem versöhnlichen Herzen sonst vielleicht ganz fremd geblieben wäre. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag 'von F. Schuster in Hersfeld.

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