Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1843)
- Date
- 1843-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Zsraelit des neunzehnten Jahrhunderts. Ei«- Wochenschrift für die Kenntniß des israelirischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von Dr. M. Heß, Großherzogl. Wcimarschem Land-Raddinen zu Stavt-Lengsscld bei Eisenach. Nr. LA Sonntag, den 2«. März 1843. IV. Jahrgang. Der Bndifferentismns unsrer Aufgeklärten. ES mag nahe an einem halben Jahrhundert sein, daß auch in Israel das Wort „Aufklärung^ und der Name „Aufgeklärte^ genannt ward. Mit denF letzteren bezeichnete man, oder bezeichnten vielmehr sich selbst, diejenigen, welche zuerst den Muth hatten, sich von den Fesseln rabbinischer Satzungen zu befreien, sich Genüsse erlaubten, welche die Rabbinen untersagten, und überhaupt freier im Leben sich bewegten, und europäischer Weise und Gesittung Eingang unter sich gestatteten. Wir hätten gegen diese Erscheinung im Gebiete des jüdisch-religiösen Lebens gar nichts einzuwenden, wäre es nicht ein mehr materielles Element gewesen, welches sie hervorrief. Das hyperorthodoxe Christenthum war rein moralischer Natur, hatte nur mit der Dogmatik, mit dem Glauben zu thun, daher sing auch da die Reform im Innern des menschlichen Geistes in ihrer eigensten und tiefsten Quelle an, daher begann sie damit, daß der Geist von den Fesseln eines starren Dogmatismus sich lossagte, zu einer freieren, edlen Ueberzeugung. sich erhob. Anders war es aber im Judenthum! Dort hatte die pharisäische Orthodoxie zunächst sich des Lebens bemächtigt, es mit einer Masse von Satzungen md Verboten umstrickt; und darum war denn auch die sogenannte Aufklärung rein äußerlicher Natur, begann ie, altz' mit der dem Israeliten gestatteten freieren Leaensbewegung und Theilnahme an anderen bürgerlichen Berufszweigen jene Satzungen zu geniren anfingen, zu einer Bürde wurden, die Viele nicht länger tragen mochten. — Und darin liegt die Wurzel unseres Unglücks; darin, daß der Rabbinismus das Leben so fesselte, und daß darum dieses, sobald solche Fesselung sichtbar ward, sein Recht geltend machte, ohne erst im Geiste und in der Gesinnung darauf vorbereitet zu sein, ist der Grund des religiösen Jndifferentismus auch unserer heutigen Aufgeklärten, der betrübendesten und beklagenswerthesten Erscheinung unserer Zeit zu suchen. Wir wollen, um dieses klar zu machen, in Beispielen sprechen: Allerdings hat die Behauptung, es sei eine gemeine Sinnlichkeit und Lust zur Bequemlichkeit das Motiv der Uebertretung ritueller Satzungen Seitens unserer Aufgeklärten etwas Wahres; wenn man — und wohl nicht mit Unrecht — das oben bezeichnete materielle Element, weil ihm nicht eine tiefere Ueberzeugung vorangegangen, als ein solches Motiv betrachtet. Den Aufgeklärten des vorigen Jahrhunderts leuchtet dieses ein; denn wer weiß nicht, wie dieselben im Grunde über das, was sie wegen des Beengenden,^ das cs im Leben und im Verkehr mit Nichtisraeliten für sie hatte, übertraten, sich eine genügende Rechenschaft öfters nicht geben konnten, wie ein solcher Aufgeklärter den verbotenen Genuß, den er heute sich gestattete, morgen durch einen Dukaten, den er dem Rabbinen in die Hand drückte, übermorgen durch die Freigebigkeit, mit welcher er eine Synagogenceremonie ersteigerte, und nach übermorgen durch das Verbleiben in der Synagoge und das Klopfen auf die Brust am Versöhnungstage wieder gut zu machen suchte; wer weiß es nicht, wie oft solche Aufgeklärten am Abend ihres Lebens die rabbinischen Sünden bereuten, die sie an sei-