Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1843)
- Date
- 1843-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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es wahrlich wissen, daß Letzt -er Jude, gleichviel ob orthodox, ooer Nicht, (denn von Der talmudischen Anschauung — zumal in ihrer Schroffheit — hat sich längst das Bewußtsein der Gesammtheit entfernt) den Boden auf welchem er Freiheit und rechtlichen Schutz findet, längst als sein Vaterland lieben gelernt hat, er mußte es wissen, daß überall wo von Fortbildung der öffentlichen Zustände, wo von Volkswohl und Volksfreiheit die Rede ist, die Juden gerade das lebhafteste Interesse dafür beweisen; er müßte es wissen und aus Hunderten von öffentlichen Berichten erfahren haben, welches Zeugniß die freieren Staaten, welches Zcugniß Holland, Frankreich und Belgien dem Patriotismus ihrer jüdischen Bürger geben; allein er weiß von allem dem nichts, und darum müßen auch wir den Stachel seiner Dialektik empfinden, müßen es uns gefallen laßen, daß er aus puren Voraussetzungen uns auf immer zu engherzigen, separatistischen Juden verurtheilt. Andererseits können wir uns aber über die totale Verkennung des Iudenthums über seine Verurtheilung auf bloße Kategorien hin Seitens des Hrn. Bauer nicht wundern, wenn wir bedenken, daß es dem Christenthum nicht besser ergeht. Auch es weiß nach ihm nichts von allgemeiner Menschenliebe; auch es kann und darf'in dem Andersglaubenden, den Menschen nicht achten; auch es muß die Genossen aller Staaten, in welchem es herrschet, in Kasten und Korporationen theilen, in welcher nur die Willkühr und das Privilegium walten, und keinem Bürger irgend ein Recht, irgend eine Freiheit dem Herrscher gegenüber gestattet ist. Doch die Widerlegung dieser Behauptungen können wir füglich den christlichen Theologen und Staatsmännern überlassen. Ohnehin widerlegen sie sich durch die ganze Geschichte und durch die klare sichtbare Wirklichkeit. Dle ganze Geschichte liefert nämlich den Beweis, daß die Idee der Humanität erst mit der Verdrängung des Heidenthums durch das Christentbum zur Anerkennung gekommen, die ganze Geschichte liefert den Beweis, daß unzählige der edlen Geister im Schooße der christlichen Gemeinde für diese Idee gewirkt und gestrebt haben, die ganze Geschichte weist nach, daß die noch unfreien Zustände der Staaten in ganz anderen Elementen ihren Grund haben, als indem des christlichen Bewußtseins;*) und nicht minder straft die Gegenwart Herrn Bauer Lügen, die Gegenwart, welche vor unseren Augen das schöne Gemälde der sittlich humanen Weltanschauung und der Anerkennung des Menschenrechtes in allen Religionen und Bekenntnissen immer mehr aufrollt **), ja diese Anerken¬ *) Sonderbar, während Lammenais die Freiheit der Völker von der Herrschaft der christlichen Idee abhängig macht, führt Bauer ihre Knechtschaft hier im fteien Zustande auf diese Idee zurück. Man sieht, daß auch hier die Wahrheit zwischen den Extremen liegt. **) B. wird uns sagen: daran ist nicht das christliche, sondern das ihm entgegengesetzte humane Bewußtsein schuld; wie ein solches und nicht das jüdische, auch in dem anfgeklärten Jsnung gerade da, wo das kirchliche Element am innigsten gepflegt wird, wie in dem katholischen Frankreich, Belgren und dem glaubensstarken Amerika, am schönsten und vollständigsten entfaltet hat. *) Schließlich noch folgende Frage an Herrn Bauer: Ist ihm das organische Gesetz, wie es in der Natur sowohl, als in der Geschichte sich offenbart, unbekannt geblieben? Wohl „zersprengt die Blüthe den Verschluß der Knospe", aber ehe es so weit kam, hat die Blüthe lange im Schooße der Knospe geruht, hat sie nur allmählig und nur Punkt für Punkt sich in das verwandelt, was sie jetzt ist, in eine zur höheren Entwickelung gekommene Knosve. In der Geschichte der Menschheit ist es nicht anders. Alle die bildend und veredelnd auf ihre Zeitgenossen wirken wollten, alle die Hochgcstalten in der Geschichte, sie bequemten sich den Vorstellungen ihrer Zeitgenossen an, gingen in ihre Denkweise ein, um von da heraus sie zu einer höheren Ueberzeugung zu führen. So viele aber, die sich straks ihrer Zeit gegenüberstellten, die durch den schroffen Gegensatz sie befreien wollten, und solcher hat es, besonders unter der schwärmerischen Jugend zu allen Zeiten gegeben! — werden von ihrer Zeit verhöhnt, zurückgestoßen. Das hat uns zur Warnung gedient, uns Lehrer in der Synagagoge, wie der Kirche! Herr Bauer darf es uns glauben, daß wir für die Idee der Menschheit ebenso begeistert sind, wie er; eben so ernstlich sie zu verwirklichen streben, wie er; aber wir wollen sie in und durch das zu verwirklichen streben, was und das ist das Geheimniß! — die Vernunft der Völker bildet, in und durch die Religion, und geschieht dieses, wird in der Synagoge wie in der Kirche mit Ernst darauf hingearbeitet, daß das rein Menschliche immer mehr zur Geltung gelange; o, dann wird auch in dem staatlichen Leben die Freiheit ihren Thron aufrichten und Menschenwürde u. Menschenrecht zur Wahrheit werden. raeliten zur Herrschaft komme. Aber er gestatte uns lieber au der Wahrheit seiner Dialectik zu zweifeln, als daß wir eine so entschiedene, allgemeine Manifestation der Zeit auf ein fremdartiges Element zurückführen. *) Selbst die englische Missionsgesellschast fordert jetzt die Emancipation der Juden. Geschichte des Tages. Das Frankfurter Journal berichtet aus dieser Stadt: »Nach einer im heutigen «Amtsblatte" publicirten sanitätsamtlichen Verordnung darf künftig, um der Gefahr vorzubeugen, welcher Kinder hiesiger Israeliten ausgesetzt sind, wenn ihre Beschneidung durch hiezu nicht qualificirte Personen geschieht, Niemand in hiesiger Stadt und deren Gebiet eine Beschneidung unternehmen, der nicht bei dem Sanitäts-Amte darüber sich ausgewiesen hat, daß er die dazu erforderlichen anatomischen und physiologischen Kenntnisse, auch die dazu gehörige technische Fertigkeit besitzt. Die Be-