Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1843)
- Date
- 1843-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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35 lich, die sich hier bei der Regierung und den Beamten in den Ansichten über nationale Oekonomie, über Förderung der Industrie, über nationale Bildung und Cultur, über würdigere Besoldung der Beamten, um der Bestechung einen Damm zu setzen, vorbereitet und sich allmälig Geltung zu verschaffen sucht. Auch in Betreff der Hebräer (wie hier von Seiten der Regierung die Juden genannt werden) hat der germanische Einfluß mächtig eingewirkt; er hat die EiSrinde geschmolzen, die seit Jahrhunderten dem glühenden Strahle der Cultur widerstand, und in bcm Maße, als er die Betheiligten empfänglicher gemacht, hat er auch die Regierung von dem asiatischen Horror gegen die unglücklichen Juden geheilt. Mit dem Jahr 1826, als Nikolaus I. den Thron des größten Reichs der Welt bestiegen, beginnt die Nussificirung der Hebräer, oder die sogenannte Emancipation der Juden im russischen Sinne, da sie bis dahin, als eine fremde Masse betrachtet, nicht einmal zu dem 2ößprigca WUitätbienfte zugelassen wurden. Ter Kaiser Nikolaus erließ gleich nach seiner Thronbesteigung einen UkaS, worin er die Hebräer für würdig erklärte, in Gemeinschaft mit den Nüssen die Rechte dcS Throns und des Vaterlandes vertheidigen zu dürfen, und obgleich die grausame Dienstzeit eines Vierteljahrhundcrts eher als ein Todesurtheil, denn als ein Recht erschien, so erkannten die Juden doch den bedeutsamen Wendepunkt ihres Geschickes; sie waren keine Fremden mehr. Was vor 16 Jahren als Norm für die westlichen russischen Provinzen festgestellt worden, hat soeben seine Ausdehnung und Geltung für Polen erhalten, das auch in vielen andern Beziehungen zu einer Provinz des russischen Reichs herabgesunken; die Juden Polens sind militärpflichtig geworden und somit Sohne des Vaterlandes, was die Gebildeten! dieses Volkes auch einseh en und vollkommen anerkennen. Die nngebildetern Juden, denen die Jsolirung zur zweiten Natur geworden, widerstreben natürlich hier eben so wie in den andern westlichen Provinzen Rußlands, und man ist um so mehr auf Desertionen gefaßt, als die Juden nur das Herbe und Harte der Militärpslichtigkeit, nicht aber die aus derselben entspringenden Vortheilc zn erwarten haben. Wie man vernimmt, sollen bereits viele junge Leute aus der ärmer» Klasse sich zur Flucht rüsten, nicht um als Conscribirte zu desertiren, sondern um von vorn herein der Conscription zu entgehen; in Posen sollen bereits dergleichen Trupps angekommen sein. Aber wie im Laufe der wenigen Jahre m den andern Provinzen, so wird Rußland, wie jeder Gebildete sich sagt und wie die Vernünftigen des mosaischen Glaubens nicht minder voranssehen, auch in Polen hierin siegen, da der Widerstand nicht aus dem polnischen Element entspringt. Je großer die Zahl der jüdischen Soldaten im Heere wird, um so besser und vortheilhaster wird ihre Lage in Rußland werden, da bei großen Massen die Vortheile der Militärpflicht nicht ausbleiben können, und wenn schon bis jetzt die Zahl der jüdischen Soldaten, die im russischen Heere dienen, die Summe von 10,000 übersteigt, so läßt sich die Vermehrung der Zahl bis auf das Dreifache leicht vvranSsehen und somit ist der Fortschritt unbezweifelt. Tie jüdische Gemeinde in Warschau hat allein 150 Rekruten zn stellen, und diese Gemeinde ist beiweitem nicht die größte. Außer dem Ukas über die Militairpflichtigkeit der Juden in Polen ist soeben noch ein anderes, viel humaneres Mittel zur Erhebung der Juden in dm Vordergrund getreten, das um so eher seinen Zweck erreichen dürste, als es rein friedlich und beglückend erscheint und doch mehr als je etwas Anderes den Charactrr der polnischen Juden ganz umzukehren geeignet ist: es ist die Zuführung der Juden zum Ackerbaue. Durch den Ackerbau würden die Juden aufhören, eine bloS confumirende, am Marke des Volkes zehrende Masse zu bilden, der Bauernstand würde in dem Maße, als er einen solchen Zuwachs erhält, Elemente herausbilden, welche mit der Zeit ein Bürgerthum gestalten dürsten, wie doch auch von der andern Seite von der russischen Negierung durch die Annullirung des niedern Adels, um ihn dem Bürgerthume zuzuführen, eine Gestaltung des dritten Standes vorbereitet wird. An der Spitze dieser Unternehmung steht der Fürst-Statthalter, der, ohne die Form eines Befehles zu wählen oder ohne auch nur zu erinnern, daß es der Wunsch des Kaisers sei, seine ganze Aufmerksamkeit, seinen Einfluß diesem Gegenstände zuwendet und allen nur möglichen Vorschub verspricht. Schon im Jahre 1823 hat die russische Regierung dieses Mittel der Colonisirung zur Erhebung der Juden aus ihrer Versunkenheit anwcnden wollen; allein die hierbei nöthigen Geldopfer schienen ihr zu beträchtlich, und es mußte verschoben werden; jetzt scheint die Regierung schon deshalb auf besserm Wege, als sie die großen jüdischen Kapitalisten für diesen Gegenstand zu begeistern sucht, sich die Miene gebend, als ginge er von den gebildeten reichen Juden aus. In einer zweistündigen Audienz, welche der jüdische Vorstand bei dem Fürsten - Statthalter neulich gehabt, wußte der Fürst Paskewitsch ihn so für seinen Plan zu gewinnen und diesen so herzlich ihm ans Herz zu legen, daß er schnell zur gemeinsamen Idee der reichen Juden wurde, was um so leichter war, als man bereits seit lange diese Idee vorbereitet. Bereits beginnt dieselbe sich zu realisiren; die Anlegung jüdischer Ackcrbau-Colonien ist das Losungswort, das allgemein bei den reichen und gebildeten Juden wiederklingt. Der jüdische Tuchfabrikant P. M. Posner, der bereits in seiner Tuchfabrik gegen 300 jüdische Arbeiter beschäftigt, hat auf seinem Gute Kuchari mit der Colonisirung von 30 jüdischen Familien, die blos den Ackerbau treiben, einen schönen Anfang gemacht, und die großen Bankierhäuser Rosen, Epstein u. A. folgen mit Anlegung von Mustercolonien von großem Umfange. Der Fürst-Statthalter ist gesonnen, kein Opfer zu scheuen, welches die Colonisirung zu. fördern geeignet ist; er ist bereit, Vortheile zu gewähren, welche Tausende zum Ackerbau locken sotten, da es gewiß ist, daß er dadurch ein Gegengewicht zu den russenfeindlichen Bauern erhält, die noch lange geneigt sein werden, der Aufregung ihrer Edelleute blindlings zu folgen." „Warschau, 14. Tecbr. Soeben verbreitet sich hier die Kunde, daß der kaiserl. Ukas, die Militärpslichtigkeit der Juden Polens betreffend, bis aus den 1. Jan. 1844 suSpendirt worden sei, was die plötzliche Einstellung der Conscription auch in der That zu bestätigen scheint. Ter jüdische Vorstand der hiesigen Gemeinde hat gleich beim Bekanntwerden des Ukases