Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1843)
- Date
- 1843-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566856-2566862--0541-2568201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1» Der Einladung Montesiore's zum Kaiser von Rußland soll hauptsächlich die edle Absicht zu Grunde liegen, durch seinen Einfluß und die Ehrfurcht, die sich auch unter den polnischen Israeliten an seinen Namen knüpfet, auf die bevorstehende Organisirung ihrer Verhältnisse besser einwirken zu können. Die Sprüche der Vater. EinBeitrag zurCharakteristik des Geistes der Mischna. Bon vr. Jacob Auerbach.*) Zu den wichtigsten Elementen des jüdischen Lebens gehörte von jeher auch die allgemein verbreitete Kenntniß derjenigen Aussprüche und Lehren unserer Schristgelehrten, Weisen und GesetzeSlehrer, welche, wegen des in ihnen athmenden volksthümlichen Geistes und ihrer eigeuthümlichen praktisch-populären Form, wie durch deu in ihnen enthaltenen reichen Schatz ächtjüdischer Lebensweisheit, Gemeingut des Volkes werden konnten. Namentlich lebten jene weisen Denk- und Sittensprüche, Lebensregeln und Lebenserfahrungen, die uns in dem mit dem Namen Aboth oder Pirke Aboth benannten Traktate der Mischna aufbewahrt sind, und welche bekanntlich an den Sabbathen der Sommermonate beim Nachmittags-Gottesdienste gelesen werden, unddaher auch in unsere gewöhnlichen Gebetbücher ausgenommen sind, jederzeit in dem Gedächtnisse aller jüdischen Volksklassen, und wurden nicht selten, sobald sich die Veranlassung dazu ergab, aus dem Munde des nichtgebildeten wie des gebildetern Israeliten vernommen. Diese Sprüche der Väter verdienen also gewiß auch dem allgemeinen Verständnisse unserer gegenwärtigen Generation näher gelegt zu werden, und halten wir es daher für zweckmäßig, Inhalt, Form, Entstehung und Bedeutung derselben hier im Allgemeinen zu besprechen, und dann in den folgenden Jahrgängen dieses Volkskalenders auf sie im Einzelnen näher einzugehen. Wir besitzen in ihnen eine Sammlung sittlich-religiöser Aussprüche der gefeiertsten Lehrer und Autoritäten des Judcnthums, welche während der ersten und wichtigsten Periode in der Entstehung des Talmuds, nämlich von den ersten Anfängen bis zum Abschlüsse der Mischna lebten, von den letzten Männern der großen Synode oder Synagoge Crftn^n den Vorgängern des Hohenpriesters Simon des Gerechten angcfangen, bis aus die nächsten Nachfolger des Sammlers der Mischna, L. Jehuda hannasi’s, von denen also die ältesten vor mehr als 2000, die jüngsten vor ungefähr 1600 Jahren gewirkt haben. Wie sie während eines Zeitraumes von 4 — 500 Jahren in festgeschlossener Kette sich aneinander reihten, Hand in Hand von Geschlecht zu Geschlecht mit einander gingen, zwar nicht ohne mannigfache Kämpfe, aber nur „um Gottes Willen" und darum mit vereinter Kraft und im Grunde mit einmüthigem Geiste arbeiteten, das Gesetz zu befestigen, nach den veränderten Zeitbedürsnissen und Lebensanschauungen auszubilden, den Geist der Lehre, wie er sich vom Sinai her fortgepflanzt, weiterzuleiten, werden uns hier ihre bedeutendsten Sentenzen und Ueberlieferungen über wichtige all¬ *) Aus dem in Wien erschienenen Kalender und Jahrbuch für Israeliten. gemeinere Fragen und Gegenstände des Lebens mitgetheilt. Unverkennbar hatte der Sammler dieser Lehren und Denksprüche den mehr oder weniger bestimmten Zweck, uns die ältesten mündlich überkommenen Lehren, 'und mit ihnen zugleich die obersten Grundsätze und leitenden Gesichtspunkte, wie auch die wichtigsten Lebrnsansichtcn derjenigen Gesetzeslehrer, welche bei der Fortbildung des Judenthums am thätigsten waren, vorzüglich aber auch die Aufeinanderfolge dieser Autoritäten, also gewissermaßen deck leitenden Faden zur Kenntniß der Geschichte und deS Gei« stes der Tradition zu überliefern. Er stellt uns sogleich am Eingänge der Sprüche auf diesen Standpunkt, indem er sie mit den Worten einleitet: „Mose empfing die Lehre von Sinai her; und er überlieferte sie dem Josua; Josua den Aeltesten; die Aeltesten den Propheten; und die Provheten überlieferten sie den Männern der großen Synode. Diese sprachen drei Dinge als Grundsätze aus, u. s. w." und demgemäß in der Auszählung der nachfolgenden Weisen und ihrer Sprüche fortfährt. Eö gehört freilich ein unverwöhnter Geschmack dazu, um in diesen größtentheilS ganz einfachen, schmuck- und kunstlosen Sätzen den tiefen Sinn zu würdigen, den sie enthalten, und in ihnen den Geist zu erkennen, der das ganze riesige Gebäude des später» Judenthums auferbaut, das Volk in seiner Zerstreuung und Zersplitterung, mitten unter allen Anfechtungen der Welt erhalte» hat. Sie unterscheiden sich durch Form und Inhalt gänzlich von jenen halbphilosophischen belletristischen Londons unserer Tage, die unter dem Namen Aphorismen, Gedankenspäne u. s. w. im Gange sind; wer nach solcyer Kost verlangt, wird an dem Tische unserer Weisen leer ausgehen. Das Alterthum, wo es uns noch in seiner Ursprünglichkeit entgcgentriet, liebt überhaupt nicht die Viel- und Schönrednerei späterer Zeiten, sucht nicht den glänzenden Ausdruck und schlagt diesen, wo er sich von selbst ergibt, nicht breit, sondern cs greift nach dem Gedanken selbst in seiner ganzen Tiefe, und deutet ihn in seiner Einfachheit und Unmittelbarkeit zuweilen bloS mit einem einzigen, oft nur gelegentlich eingeschobenen Worre an, das dem denkenden Geiste zur Betrachtung und Beachtung hingegeben wird. Besonders aber gilt dieses von den alten Lehrern deS Judenthums, die bei ihren Worten freilich am allerwenigsten nach einer künstlerisch vollendeten schönen Form strebten, dagegen aber sich dem Gegenstände ihrer Rede in seinem hohen Ernste ganz Hingaben, niemals in Oberflächlichkeit oder Leichtfertigkeit — im Grunde Eines und dasselbe — verfielen." (Schluß folgt.) Der Fürst von Pückler-Muskau über die Juden. *) Ich schmolle oft mit den Engländern, eben weil sie so groß sind, und doch zuweilen wieder so klein! Heute aber, als ich das Zeitungsblatt aus der Hand legte, fühlte ich mich von inniger ungetheilter Verehrung für sie durchdrungen. Diese Emancipation der Juden, deren ich eben er- *) Aus dessen Tutti Fruiti.