Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1843)
- Date
- 1843-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9 Druck benutzt, um sich überall auch durch die Landessprache einzubürgern, und so sind die Italienischen den Deutschen, diese den Französischen, diese den Dänischen und Englischen eben so fremd, wie die Landesbewohner selbst, und cs gehört Bildung und Sprachkenntniß dazu, sich selbst durch die Literatur zu verständigen. Sogar der Geist ihrer religiösen Literaturen ist so verschieden, daß eine durchgängige Divergenz sich jedem Kenner beim ersten Blick offenbart. Wer sich die Mühe gibt zu vergleichen, wird daS deutsche Streben nach Gründlichkeit, oft bis ins Abgeschmackte getrieben, so wie die Kampflust auf dem Gebiete des Rechts, ganz abweichend finden von dem in England mehr herrschenden Ritualstreit und Controverswesen, die italienische Scholastik und Antiquitätengrübelei neben der Singlust, von dem französischen Lärmblasen über allerlei Aeußerlichkeitcn, die gedrückte polnische Belletristik und Wunderkrämerei, von der rein praktischen Richtung der Holländer und Dänen, und alle unter sich nach solchen Merkmalen unterscheiden. Gesetzt auch, man wollte hiergegen anführen, daß noch ein großer Theil der Juden in Holland, England, Polen, Ungarn und Italien deutsch, und ein anderer bedeutender Theil in der Barbarei, Türkei und Levante spanisch spricht, folglich eine Sprachverbindung ziemlich lange Zeit sich erhalten hat und noch einige Zeit sich erhalten wird; ist nicht gerade dieser Umstand wiederum ein recht schlagender Beweis, wie sehr sich diese Massen, welche durch entsetzliche Verfolgungen aus den Ländern, in denen sie gänzlich heimisch waren, vertrieben, in geistiger Hinsicht bereits assimilirt hatten, so daß sie selbst in der Fremde und nachdem ihnen alle Hoffnung zur Rückkehr fast abgeschnitten war, sich nicht entschließen konnten, die vaterländisch-deutschen und spanischen Sitten und AuSdrucksweiscn abzulegen? Gerade dies bildet den Grundcharakter der vormaligen Ansiedelungen, und zeigt wie weit bereits die von einander gesonderten Stämme durchaus verschieden waren. Auch ist der ganze Typus dieser Leiden Hauptmassen so sehr von einander abweichend, daß sie noch immer Anstand nehmen, sich mit einander zu verschwägern, und lange Zeit eine völlige Sinnesdivergenz unter ihnen selbst an den Orten bestand, wo die Religionsfreiheit ihnen gestattete sich neben einander anzusiedeln, wie in Hamburg, Amsterdam, London. Wo ist nun da auch nur eine Spur von Nationalität? Vielleicht bringt man die natürliche Aufmerksamkeit, welche die Juden eines Landes den wandernden Glaubensgenossen durch Gastfreiheit und Mildthätigkeit üben, in Anschlag. Wahrlich die erstere hat schon so sehr gelitten, daß sie auf Null steht, die andere aber ist die natürliche Rücksicht auf menschliches Elend, zumal wo Niemand sonst sich der Unglücklichen annimmt, und ihnen die meisten Anstalten durch fremde oder eigene Neligionsgesetze versperrt sind. Uebrigens leisten die Juden ihren Glaubensgenossen mindestens nicht mehr als die Katholiken den ihrigen; und was wäre die Religion, wenn sie nicht der Mildthätigkeit die Pforten öffnete? Genug daß die Juden, was jeder woi aus eigener Erfahrung weiß, diese Tugend keineöwegeS auf ihre Glaubensgenossen beschränken. Die Annahme einer unker den Juden obwaltenden Nationalität ist augenscheinlich ein bloß theoretisch gefaßter Begriff, welcher in der Wirklichkeit durchaus nicht existirt. Wie kann sie nun gar auf die Gesetzgebung inflmren? Würde die Festhaltung einer solchen Annahme nicht das Verhältniß, statt ihm innere Consiftenz und Kraft zu verleihen, geradezu noch mehr verwirren? Man mache aus den Juden eines Staates eine nationale Corporation, ist dadurch wohl irgend ihre Nationalität als Juden gesichert? Treten sie dadurch aus der gefürchteten Amalgamation heraus, um den, ganz andern Jnstitu» tionen angehörkgen, in Sachsen, Baiern, Würtcmberg oder den Schutzjuden Hannovers, Hamburgs, den Zwittern einiger andern Staaten, den ächten Bürgern der Westländer, und den Charagzahlenden Berbern und Türken sich anzuschließen? — Wenn man annimmt, daß ihre ehrwürdige Religion nur durch dieses Mittel bestehen und unverfälscht sich erhalten könne, ist es nicht klar, daß dasselbe lediglich durch eine volle Uebereinstimmung aller Legislaturen in der Welt erzielt werden könnte? Was wäre also eine solche Institution für das Ganze? Niemals werden die zerrissenen Massen wieder in einander laufen, und selbst die durch alle Institutionen einander näher gestellten gottesdienstlichen Riten werden nicht mehr Stich halten gegen die Einwirkungen der verschiedenen Nationalitäten, Klimate und Fortschritte der Geistesrichtungen. (Schluß folgt.) Di-. Lilicnlhal wird auf seiner Reife durch Rußland überall mit großer Sensation empfangen. Besonders war die Gemeinde Berdytschew, die zahlreichste in Volhynien, von Furcht, Freude und Hoffnung erfüllt. Aber schon seine erste Unterredung mit den Angesehensten der Gemeinde bcrnhigte die Grmüther vollkommen. Alle sahen in ihm den Erlöser ihrer Leiden, den Verkündiger besserer Zeiten. Den folgenden Tag, Samstag, wollte er in der Synagoge eine Rede über den Zweck seiner Mission halten, konnte aber trotz seiner lauten Männerstimme nicht vernommen werden, denn der Zufluß von Neugierigen war so groß, die Synagoge so überfüllt, daß alle wie eingcmauerr da standen, und die leiseste Bewegung eines Einzelnen wellenförmig unter 5000 Menschen fortgcpflanzt wurde. Am nächsten Tage setzte er nun in einer großen Gemeindeversammlung den Zweck seiner Mission in einer ^ständigen Rede auseinander, forderte dann, als die Versammlung still blieb, selbst zu etwaigen Entgegnungen und Einwendungen auf; aber man antwortete ihm nur mit dem einstimmigen Rufe: (wir wollen folgen und hören, hören und folgen). Donnerstag verließ er die Stadt, gefolgt von der ihn umgebenden Menge, die ihm noch die lautesten Glückwünsche nachricfen. Tie hochherzigen Ungarn fahren fort ihren edlen Rechtssinn gegen ihre israelitischen Mitbürger;n bcchärigcn. Bei dem Tolnaer Comitate kam auch zur Berathung. ob israelitische Jünglinge, welche die Rechte studirt haben, bei den Comitatssiyungen erscheinen, sonach auch beeidet werden können, und ward bejahend entschieden. Wo man aber mit solcher Liberalität den Jsraetiten entgegenkommt, können die Folgen nicht anders als segensreich sein. So hat sich in Arad neuerdings ein Verein zur Unterstüung derjenigen Israeliten gebildet, welche sich einer künstlerischen, indu-