Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1843)
- Date
- 1843-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 Geschichte des Tages. Treffend äußert sich ein berühmter Schriftsteller *) über die jetzt wieder angeregte Frage: Haben die Juden in ihrer Zerstreuung eine Nationalität? „Man sagt uns — bemerkt er — das Judenthum habe nur durch seinen innigen Zusammenhang mit der jüdischen Nationalität sich unter den Stürmen der Zeiten so erhalten können, und cs sei demnach im Interesse des Judentbums, wenn jeder ferncrn Amalgamation derselben mit andern Nationen entgegengearbeitet werde. Haben die Juden eine Nationalität? i Was ist Nationalität, worin besteht sie? — Eine Nation j im strengen Sinne des Wortes ist ein abgeschlossener Volksstammbeschränkt auf einen bestimmten, mehr oder minder umfangreichen Boden, mit einheimisch entstandenen und entwickelten, stets den UrtypuS tragenden Institutionen, mit eigenthümlicher Sprache und Literatur, gesondertem politischen Interesse und wo möglich innerlich gemeinsamen Beziehungen. In diesem Sinne findet man im türkischen Reiche, und ohne Zweifel auch in andern asiatischen Reichen ganze Nationalitäten neben einander stehend, aus deren coordiniter Unterworfenheit der Staat seine Größe, schwerlich auch seine Macht, bildet. Sobald von oben genannten Bedingungen, und nur die wichtigsten haben wir genannt, eine fehlt, so ist schon die Nationatiät durchbrochen, was so viel heißt als vernichtet. Wie viele germanische Stamme gab es einst, die allesammt eine starke Nationalität zeigten, und wie viele Nationen haben sich nicht daraus entwickelt, die einander nicht mehr ähnlich sind! Die Wissenschaft mag sich damit befassen die Urtypen herauszufinden, wonach Preußen und Dänen, und Lombarden und Dalekarlier und Normanen und Caledonier ihre gemeinsame Wurzel einst haben mochten; die Sprachforschung führt sogar Deutsche und Araber, Perser und Aegypter, Russen und Hebräer in brüderlicher Eintracht an den Usern des Ganges spazieren; — aber wie sehr auch ein Paar Consonannten an einander klingeu, oder manche Haltung oder Sitte auf die Spuren hinführt, um die verschütteten Wege 1 alter Völkerwanderungen und Abstammungen auszudecken, niemals wird man darum die heut getrennten Nationalitäten wieder zusammcnwerfen, oder die vereinigten trennen wollen oder können. Ja weit eher vereinigt ein wohl gewobenes politisches Band die verschiedensten Nationalitäten zu gemeinsamem Interesse, und bereitet eine künftige Amalgamation vor, wie England beweist, als daß die einmal verschmolzenen wieder in ihre ältesten Richtungen auseinandergingen. Die Gesetze können eine Nationalität nur feststellen, da wo eine volle Abgeschlossenhei besteht nnd erhalten werden soll. — Nimmt man jedoch das Wort in etwas beschränkterm Sinn, so läßt sich allerdings sagen, daß die Gesetze im Geiste der Nationalität, die sich noch in gewissen allgemeinen Zügen geltend macht, eingerichtet sein müssen. Niemand wird *) Jost in den von uns bereits genannten „Legislativen Fragen." den Franzosen, den Engländern, den Deutschen, den Italienern, den Ungarn, den Polen, einen wenn gleich nicht gerade genau zu definirenden Volksgeist absprechen; aber wol verstanden, in ihrer Ganzheit; es wäre höchst seltsam, wenn eine französische Gemeinde in Ungarn, eine polnische in England, eine italienische in Deutschland u. s. w. eine ihrer Vollksthümlichkeit besonderzusagende Gesetzgebung erheischten, und wenn man es ihnen gewährte! Gesetzt aber es ließe sich bei derartigen Kolonisten in Anwendung bringen, so sind doch die Juden keineswegeS in gleichem Vcrhältniß. Worin besteht deren Rationalität? in der Abkunft und der Religion! Wenn aber diese Merkmale allein eine Nationalität bildeten, so wäre ja die ganze Christenheit, wo ebenfalls gemischte Ehen mit Heiden nicht geschlossen werden und Gleichheit des GrundbekenntnisseS waltet, mindestens wären die von einander geschiedenen Bekenntnisse unter sich, alle Nationalitäten; wie können denn nun die anerkannten Verschiedenheiten der Nationalitäten, die des KatholiciSinus, des Protestantismus, und die andern schismatischen Kirchen in sich fassen? Halten sie doch alle auf Abkunft und Kirche! Man erwidert: Diese entstehen aus veränderter Verfassung, nach Wohnort, Klima, Nahrung, Schicksalen. Nun? Und bei den Juden nicht? Haben die Juden eine gleiche gesetzliche Verfassung? Antwort, nein. Ihre kirchliche Einrichtungen streben nach Aehnlichkeit, wie die katholischen bei verschiedenen Nationen, aber ihr bürgerliches Gesetz ist gar nicht ihr eigen, es wird ihnen von außen gegeben, und sie fügen sich darin ohne Schwierigkeit. Dasselbe ist bei den Türken türkisch, bei den Russen russisch, bei den Ungarn ungarisch, bei den Franzosen französisch, bei den Holländern holländisch, bei den Deutschen vielerlei; nirgend ist ihnen eine Autonomie gelassen; und selbst diese hatte seit Jahrhunderten nichts weiter als innere Einrichtungen zu ordnen. Wo ist denn nun die Gemeinsamkeit von Institutionen, andern Nationen gegenüber? — Höchstens könnte man sagen, daß die armen Verlassenen, welche in einigen Ländern, obwohl in allem Thun gehemmt, doch keinerlei Gesetz oder Recht zu ihrem Schutz anzusprechen haben, in einem gemeinsamen Zustande der Rechtlosigkeit leben. Wenn daö ein Merkmal der Nationalität ist, dann haben cS diese an sich, in ähnlichem Verhäitniß, wie die Zigeuner. Nationalität gibt sich.kund, da wo die Juteressen einer Nation verfochten worden, gegen die Eingriffe anderer. Nun fragen wir, haben je die Juden in Frankreich cs mit ihrem Gewissen unverträglich gefunden, gegen ihre holländischen GlaubenSbrüder zu fechten, oder die deutschen gegen die französischen, oder die italienischen gegen die ungarischen? Hat je einer geglaubt, durch solchen Kampf feine Nationalität zu verrathen? Nationalität gibt sich kund in lebendiger Bereitwilligkeit, zur Förderung aller National-Jnteressen, Denkmäler und Anstalten, Kräfte und Mittel zu opfern. Haben je die Juden, so oft die Gelegenheit sich darbot, ihre Mittel und Kräfte zurückgehalten, ungeachtet sie dieselben oft aus die Verbesserung der Lage ihrer unglück- | lichen Brüder verwenden konnten? Haben sie je die nationalen