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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-01-01 · Heft 1 (1.1.1843) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 1 (1.1.1843)
Date
1843-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 bewegt und v er trauungsvoll hinzublicken auf die Zeit, auf die kommenden Wochen und Tage. Denn wir bedürfen am ersten der Hülfe durch die Zeit, wir, in denen man den Menschen mit seinen hohen und heiligen Rechten noch gar nicht anerkennt, denen man noch gar nicht gestattet, thätig Tbeil zu nehmen an der Fortbildung der Zeit, an der Geschichte der Menschheit. Und die Zeit und die Geschichte — sie wird unsere Hoffnungen nicht zu Schanden werden laßen; wenn irgendwo, so bat sie gegen uns namentlich in diesem und dem verflossenen Jahrhundert bewiesen, daß sie eine heilige sei, daß immer mehr in ihr sich geltend mache die Größe und die Würde des Menschen. Denn nickt nur jene stürmevolle Zeit, welche mit fast fieberhafter Begeisterung die „Menschenrechte" proklamirte, hat sie auch in dem Sohne Israels achten und ehren gelehrt, sondern auch der seit jenen Stürmen ruhig und friedlich hinfließende Strom des Vö.kerlebens hat freundlich sie bespült, bat immer mehr hinweggeschwemmt den Unrath des Fanatismus, das Gift der Tyrannei. Ja, warum sollten wir es auch verhehlen? Der Fanatismus ist das Geheimniß unseres Drukkes, der Fanatismus der das sittliche Clement der Religion ganz in ihrem gläubigen positiven aufgehen läßt, der keine Ahnung hat von dem heiligen Rechte des Menschen, der ihn nur nach seinem Bekenntniß wagt und würdigt. Dieser Fanatismus hat in grauer Vorzeit gewähnt, ein Recht, ja eine Pflicht zu unserer Erniedrigung zu haben, „weil Gott sie wolle, weil er seinen Fluch über das von ihm abgefallene Volk gesprochen;" dieser Fanatismus zeigt sich noch heute in dem Gedanken eines „christlichen Staates," ja er lebt — verleugnet und unbewußt, aber darum doch in Wahrheit und Wirklichkeit — in allen den politischen, juridischen, ökonomischen und anderen Gründen, die man unserer Gleichstellung entgegenhält. *) Aber eben darum bauen wir so viel auf die Macht der Zeit, haben wir die schöne Zuversicht, daß sie, welche das Höchste und Heiligste, welche denKerndes reinen Menschenthums zu immer größerer Entwikkelung bringt, auch unsere Bande lösen, edelsinnig und frei auch unser Recht verkünden werde. — Und dafür spricht denn auch ganz besonders die Beschaffenheit unserer Zeit. Jene engherzige Ansicht vom Menschen und der Bestimmung seines Werthes nach seinem Glauben und Bekenntniß verschwindet immer mehr und macht einer freien, humanen religiösen Anschauung Platz. Die Philosophie, jene Tochter des Himmels, der mehr oder minder alles hul- *> Selbst die gewaltigsten unter den Rationalisten, wie Paulus u. A. sind in dieser Beziehung Fanatiker, da sie eine andere Ansicht, wie die ihrige, vom mosaischen Gesetze nicht dulden, sie zu einem gemeinschädlichen Separatismus, zu einem Vorurtheil, das die bürgerliche Ausschließung rechtfertige, stempeln mögen; wie denn überhaupt dem exzentrischen Rationalismus Intoleranz genug inwohnt. diget, hie auf den Thronen herrschet, in den Gesetzgebungen leuchtet, von den Canzeln spricht, ja ihren Widerschein selbst auf die Anstalten zur Volks-Erziehung und Bildung wirft, sie bat längst aufgehört, im Dienste einer engherzigen Dogmatik zu gehen, hingegen vereinigen sich alle drei philosophischen Grundrichtungen unserer Zeit, die Idee der Menschheit zur vollen, freien Anerkennung zu bringen. Die eine, nach ihrem Meister (Hegel) die absolute Philosophie sich nennend, hat ja die Autonomie des menschlichen Geistes, den Begriff der menschlichen Gattung, die Richtung und Gestaltung des ganzen Lebens durch den selbstbewußten Menschen zu ihrem Wesen; die unbeschränkte Thätigkeit des menschlichen Geistes, die unbeschränkte Aeußerung seiner göttlichen Kraft, ist ihr ja die natürlichste, unabweislichste Forderung! Wie könnte sic diese machen, ohne zugleich für die unbeschränkte Anerkennung des Menschenrechtes in allen Religionen und Bekenntnissen in die Schranke zu treten?—Die zweite Richtung, die positive Philosophie von Schelling, obgleich etwas Höheres außer dem Menschen setzend, in und durch das er athme und lebe, erklärt doch auch die Verwirklichung des Reinmenschlichen durch den Menschen, als den Zweck, als die höchste Aufgabe seines Lebens; auch sie muß demnach, wenn sie nicht in Widerspruch mit sich selbst gerathen will, für die rechtliche Gleichstellung der Israeliten das Wort führen, und ein Gleiches muß die dritte philosophische Richtuna, die noch jenem Philosophen in Königsberg, dem Schöpfer der neueren Philosophie, anhängende, thun, da ihr Herr und Meister ja der erste war, der die Weltweisheit von aller dogmatischen Fessel (der Wurzel des Fanatismus) befreite, der da lehrte, Religion sei und könne nichts Anderes sein, als die Heiligung der Humanität, als die Erhebung des sittlichen Gesetzes zum Gottesgebot. Was aber die Wissenschaft aller Wissenschaften, was die Philosophie unserer Zeit verkündet, das bleibt nicht verschlossen in dem Geiste ihrer Jünger, sondern macht sich in der Kirche, wie im Staate Platz, dringt endlich auch in den Nerv und Mark des Volkslebens ein. Ja auch der Geist der Völker schreitet mächtig fort, nimmt mit immer tieferer Ueberzeugung die Idee der Humanität, des reinen, freien Menschenthums in sich auf. Davon gab auch das verflossene Jahr Zeugniß *), und darauf wollen auch wir unsere Hoffnungen, unsere Ansprüche an die Völker gründen. So sei uns denn gegrüßt, du neues Jahr! gegrüßt als ein freundlicher Bote des Himmels, als der Mitschöpfer einer bessern Zeit, als eine höhere Sproße in der heiligen Geschichte der Menschheit! *) Siche Nr. 52. des vorigen Jahrgangs.

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