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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-12-25 · Heft 52 (25.12.1842) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 52 (25.12.1842)
Date
1842-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SOS israelitische Religions- und Glaubens - Gemeinde. I n si^ch selbst sreilich ist sie nicht krank, war sie es nie; aber sie ist es dadurch geworden, daß man ihr von außen vie gesunde, frische Lebenslust nahm, daß man ihr die Freiheit, die volle und ungeschmälerte Anwendung der edlen Kräfte des Menschen vorenthielt, und sie dadurch nöthigte, in ihr Inneres sich zurückzusieben, sich eine Welt der Phantasie, der Glaubensinnigkeit und des Glaubensstolzes zu schaffen. Kein Wunder demnach, daß, sobald die Sonne der Freiheit auch ibr zu leuchten begonnen, die Kreise menschlicher Wirksamkeit auch ihr sich öffneten, sie rasch den Proceß des Lebens begann, rasch und unaufhaltsam fortschritt auf der Bahn menschlicher Entwickelung, so daß selbst kürzere Zeiträume ihrer Geschichte, ja jedes Jahr derselben Zeugnrß davon gibt. — Ein Gleiches, lieber Leser! ist auch in dem Gegenwärtigen der Fall. Doch müssen wir hier, wie sonst, den Fortschritt nach außen, den Fortschrist im Genuß des heiligen Rechtes des Menschen und Bürgers strenge von dem nach innen, dem der Veredlung der Lehre und des Cultus.unterscheiden. In erstercr Beziehung sind wir nicht allein ganz passiv, können wir nur das an- und hinnehmen, was uns gewährt und gegeben wird, sondern das Gewährte kann auch unmöglich gleichen Schritt mit dem aus uns selbst Geschaffenen halten, da die heiligen Ideen des Rechtes und der Freiheit wohl oft an s i ch von den Völkern und ihren Führern gewürdigt, nicht aber in ihrer Anwendung auf uns, der Reflex vielmehr da oft ein von Vorurtheilen umwölkter und getrübter ist, den ohnehin nur langsam gehenden Zeigern an der Sonnenuhr der Zeit in ihrer Stellung zu uns eine noch schwerfälligere Richtung gegeben wird. — Einzelne lichte Punkte und Annäherungen zu einem freieren Zustande bietet jedoch auch dieses Jahr Wir rechnen hierzu die wirklichen Verbcsserungen in Holstein, die beabsichtigten in Hamburg, Lübeck, in dem Großherzogthum Hessen und das neue Gesetz in Hanover, desgleichen als einzelne Züge von Humanität das neue Waisenhaus in Prag, die Besoldung der israelitisch,en Lehrer aus städtischen Mitteln, die Aufnahme des Dr. Ries in die Akademie der Wissenschaften in Berlin, die Anstellung des vr. Oppenheim auf der Universität Heidelberg u. m. a. Erhebender als dieses ist jedoch der Fortschritt der öffentlichen Meinung in Beziehung auf Uns, der offne Kampf gerade der gcachtetsten Journale und der anerkanntesten Schriftsteller für die rechtlichen Ansprüche der Israeliten, wie dieses besonders bei der preußischen Judenfrage hervortrat. Am liebsten ruhet aber der Blick des Menschenfreundes auf denjenigen Staaten, in welchen das Princip der rechtlichen Gleichstellung aller Bekenntnisse längst die glorreichste Geltung erhalten, und die dieses auch im laufenden Jahre durch Eröffnung höherer Wirkungskreise für würdige israelitische Bürger bekundet, als z. B. Frankreich, Holland und Nordamerika. Aber ungleich bewegter zeigte sich das innere Leben unserer Neligionsgemeinde; denn dort waltet ja, wie wir schon gesagt, vollkommene Freiheit, dort mußte der Geist, nachdem er einmal zur Erkenntniß des Bessern gekommen, rastlos schaffen und gestalten, und er hat solches auch — Dank dem Triebe, den Gott selbst in uns gelegt! — auf das Vielfältigste in dem ablaufendcn Jahre gethan. Die Lehre Israels, ihr wahrer Sinn und richtiges Verstandn ß ward angebaut und gefördert durch die neueren Schriften von Geiger und Holdheim, durch das Werk von Formstecher, durch die Predigten von Wechsler, Cohn und andere homiletische und pädagogische Schriften. Einer fortwährenden Theilnahme und darum gewiß auch eines nicht geringen Segens erfreuten sich ferner die bestehenden Zeitschriften. Sind sie es ja, welche die Zeit so recht bei ihrer Handhabe fassen, die ein jedes Ereigniß vom Standpunkte der Idee aus beleuchten, und die Ideen selbst, welche die Wissenschaft geschaffen und gezeitigt, in einfacher populärer Weise zum allgemeinen Bewußtsein bringen. — Nicht minder regsam, ja wegen des näheren und größeren Bedürfnisses auch in größerem Umfange, zeigte sich das Leben, die Veredlung des Unterrichts und Gottesdienstes, nicht nur da, wo schon lange erleuchtete Volkslehrer wirken, und die Reformen darum auch energischer sein konnten, wie z. D. in Lead und Marseille durch Einführung der Orgel, sondern auch in den Gemeinden, die erst kürzlich solche Lehrer an ihre Spitze beriefen, wie z. B. Oldenburg, Trier u. a. that sich bald die gute Wirkung kund, ja angeregt durch so vielfältige Beispiele und aufgefordert durch die laute Stimme ihrer eignen Gemeinden, sind selbst die Nadbinen der alten Schule, wie z. B. der in Hildesheim und der alte ehrwürdige Braunschweiger nicht zurückgeblieben. Unter allem Geschehenen ragen jedoch drei Ereignisse ganz besonders hervor, und gern verweilen wir zum Schlüsse bei ihnen und segnen das Jahr, welches sie uns gebracht: das Eine ist die Westsynagoge in London/ wichtig durch ihren kühn reformirten Gottesdienst, wichtiger noch durch die offne Darlegung erleuchteter religiöser Grundsätze, die sich damit verband; am wichtigsten aber dadurch, daß bei dem lebhaften Verkehr zwischen England und Amerika jenes Beispiel — u->d einige Nachrichten stellen dieses ziemlich nahe in Aussicht — gewißlich auch dort Nachahmung finden und so die heilsamen Folgen der gottesdienstlichen Umbildung auch über den Boden der neuen Welt sich verbreiten werden. Das zweite Ercigniß ist der Hamburger Tempelstreit; er, angefacht und hervorqerusen durch einen verblendeten, oder vielmehr irre führenden Lehrer in Israel, hat unendlich viel Gutes gewirkt, indem er eine namhafte Anzahl,der gcachtetsten Rabbinen veranlaßte, sich frei und offen über das, was unserem gottesdienstlichen Leben Noth thut, auszusprechen, und so dem, was längst in dem Herzen aller Gutgesinnten glühte, religiöse und kirchliche Sanction zu geben. Das dritte Ereigniß, das erfolg- und segensreichste unter allen, ist aber die Rabbinatsangelegenheit

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