Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1842)
- Date
- 1842-12-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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204 giöserr Lebens den Gegnern des Fortschritts, den Vertretern des starren Stillstands, die Waffen in die Hand. Em zweiter und viel heilsamerer Standpunkt in dieser Angelegenheit ist der freitalmudische, der geistig -rabbinische, der sich nicht lmchstädlich an jede Satzung und Vorschrift des Talmuds klannnert, sondern im Sinne der Talmudisten selbst, die ja auch oft von den Ansichten ihrer Vorgänger abwichen, sich das Recht gestattet, auch über die Satzungen der Ersteren hinauszugehen, sobald die Sitte und die höhere Anschauung der Zeit es bedingt, sobald die Bedürfnisse und Verhältnisse andere geworden sind. Diesen Standpunkt nimmt namentlich Holdheim bei mehreren Fragen mit vielem Geschick ein, und ihm scheint auch die Tempelgemeinde anzugehören, indem sie — sehr treffend — die Redaction des Gebetbuches sagen läßt: „Wir verstehen unter Synagoge nicht die Concordanz aller Synagogenlehrer, sondern die concrete, nachweislich fortbildende Auffassung der israelitischen Lehre, welche den göttlichen Geist der Religion durch den Lauf der Zeiten wirksam zu erhalten weiß. Diese Synagoge des Geistes, oder der reinen israelitischen Lehre, wie sie sich' in frühem Jahrhunderten in zeitgemäßer Entwickelung kund gegeben hat, folgt einem anderen Prinzipe, als der formal und stabil gewordene Rabbinismus, der glücklicherweise in der neueren Zeit nur eine Fraction bildet." Der dritte Standpunkt ist der re in biblische. Auf ihn stellten sich mehrere der Gutachten bei der Frage über die Bedeutung der Opfer und den Glauben an den Messias, indem sie für dm Sinn, welchen die Tempelgemeinde hiemit verbindet, Belege aus der Schrift anzumhren sucht«. Allein auch hier muß man der Wahrheit die Ehre geben, und gestehen, daß von solchem Standpunkte aus die Tempetfrage nicht gelöst werden kann; denn derjenigen Stellen, welche das Messiasreich mehr im geistigen Sinne auffaffen, lassen sich hundert andere entgegensetzen, welche von Herstellung des Opferdienstes (Ez^hiel widmet ihm sogar eine ganz ausführliche Beschreibung) und der persönlichen Rückkehr der Israeliten »ach Palästina sprechen; und diesen Widerspruch, wie Einige gethan, damit auszugleichen, daß man annimmt, jene Stellen batten eine nähere Zukunft (dm Bau des zwekten Tempels) vor Augen, während die anderen sich auf die mtfemte (daS eigentliche Gottesreich) bezögen, ist sehr gewagt, da der Wortsr'nu dieses keineswegs ergibt. Vielmchr ist der vierte Standpunkt, welchen auch Geiger in feiner Schrift klar genug andmtet, hier der haltbarste und heilsamste zugleich, indem er nicht nur mitderWissenschaft vollkommen sich verträgt, sondem auch mit der Zeit uns das Ideal des Gottesdienstes, dem dieTempelgemeinde sich nur nähern, das sie ober nicht verwirklichen konnte, erreichen läßt. Dieser Standpunkt ist der der wisfenschaftl.ichen Durchdringung, der freien und lebendigen Auffassung de« göttlichen Wortes. Man geht von dem Grundgedanken aus, daß die Offenbarung nur die im Mmfchengetste selbst ruhenden Wahrheiten zum deutlichen und eindringenden Bewußtsein habe bringen wollen, daß sie darum nothwendig der Erkenntnißsphäre eines jeden Zeitalters sich habe anbequemen müssen, und daß. darum auch — wie dieses Formstecher so treffend ausführt — in den Propheten die absolut-wahren Ideen von den reljativ-wahren unterschieden werden müssen, „m welcher letzter» der Prophet weniger zu der Nachwelt, als zu seinen Zeitgenossen spricht, um sie in der leidettsvollen Gegenwart zu trösten, und zur Ausdauer zu begeistern." Dieser Standpunkt fällt im Grunde mit dem frei-talmudischen, mit dem geistigrabbinischen zusammen, da ja die Talmudisten selbst zu der lebendigen Auffassung des göttlichen Wortes sich bekannten, was sie durch so viele freie Auffassungen der Bibel im Wort und Gesetz *) bewiesen haben. Wir kommen zu dem Endurtheile über den Tempel; er ruhet fest auf den Säulen der frei-talmudischen Anschauung, wie der lebendigen Durchdringung des göttlichen Wortes; er hat nicht nur in seinem Kreise segensreich gewirkt, sondern auch nach außen, insonders durch den Gottesdienst während der beiden Messen in Leipzig das Bedürfniß eines veredelten Cullus im hohen Grade angeregt. Aber vieles wäre doch vollkommener geworden, hätte die Redaction bei der zweiten Auflage des Gebetbuchs es nicht verschmäht, zuvor die Stimmen der, jetzt gottlob! in nicht mehr geringer Zahl vorhandenen erleuchteten Rabbinen zu hören, — eine Pflicht, die um so dringender war, wenn sie — was aus einigen im rückschreitenden Sinne vorgenommenen Abänderungen hervorzugehen scheint — wirklich die Absicht hatte, sich dem allgemeinen Bedürfniß zu nähren, obgleich — was wir gar nicht verkennen wollen — sie dieses nur unter der sorgfältigsten Beachtung des wesentlichen Bedürfnisses ihrer Gemeinde, und der heiligen Stellung des Tempels selbst, „der ein concreter Mittelpunkt für die Idee der religiösen Fortbildung unter gegebenen Verhältnissen geworden" **), hätte thun können. *) Man denke nur an das Anzünden des Feuers am Sabbath durch den Mchtifraelilen; an den Genuß von Speisen Seitens der Kranken am Versöhnungstage u. a. m. **) Worte der Redaction des Tempelgebetbuches in der Einleitung zu den herausgegebenen Gutachten. Geschichte des Tages. Bei der jetzt in manchen deutschen Ländern und namentlich in Preußen obschwebenden Frage über die rechtliche Gleichstellung der israelitischen Religionsbekenner dürste ein Aufsatz des wackem vr. Steinheim *) betitelt: »der große Protest gegen das Reich *) 3n der von uns schon angezekgten Schrift: »Meditationen über die Verhandlungen der Schlestvig-Holsteinischen Stände."