Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1842)
- Date
- 1842-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19V Kkkrhichtt des Tages. Ein sehr geachteter alter Freund des verstorbenen Creizenach*) läßt sich in den Archiv, israel. folgendermaßen über ihn aus: «Ich kannte ihn ihm Jahre 1812; der junge Michel **) besuchte den Curs der Mathematik am kaiserlichen Lyceum in Mainz, seiner Geburtsstadt. Mit vielem Geiste, einer seltenen Beharrlichkeit und einer außerordentlichen Gelehrigkeit, Eigenschaften guter Schüler, verband er diese brennende Liebe für abstrakte Wahrheiten und das scharfe Urtheil, welches der Geometer offenbart. Aeußerlich still, innerlich begeistert, ein deutscher Charakter, sprach er schon mit Feuer von dem Plane, sich ganz der Förderung des sittlichen Fortschrittes unserer Glaubensbrüder zu widmen. Ich suchte, eS war das als Lehrer meine Pflicht, ihn von einer so unfruchtbaren, undankbaren Laufbahn, die mit so vielen Verdrießlichkeiten und Widerwärtigkeiten erfüllt ist, abzubringen. Aber indem ich diese Ideen im Interesse des jungen Menschen bekämpfte, erkannte ich hier bald wieder den Impuls eines großsinnigen Herzens, eines hochstrebenden Geistes. Die Katastrophe von 1814 hatte uns getrennt, und seinem Berufe folgend, begann Creiznach die strengen Studien über die jüdische Theologie. ' Seine zahlreichen Arbeiten bezeugen die langen Wochen, welche er den nächtlichen - talmudischen Studien geweiht hatte. Welch' ein greuliches Opfer, für einen Freund der strengen Wissenschaft. Er beklagte oft die große Penitenz, die er fich aus Pflicht auferlegte; denn er fühlte mit Schmerz und Entrüstung die Bande, welche uns einschließen. Bon einem sanften und sehr friedlichen Naturell, dachte er, daß man biegen, aber nicht brechen müsse. Die Verbesserung der (religiösen) Institutionen, die Linderung der Satzungen, während man die Autorität des Thalmuds festhält, kraft eben dieser Autorität, das ist die Idee, welche, in allen seinen Werken vorherrscht; die sein Leben regierte, die ihn in der Nacht seines Todes belebte, die aber auch seine Tage kürzte. Denn der Unterricht, die Predigt, die Redaction eines hebräischen Journals (Zion), das Uebersetzen alter Werke, die Veröffentlichung neuer, ließen ihn mit der Arbeit vor Tag beginnen und sie bis spät in die Nacht hinein verlängern, bis dieser vortreffliche Mann den Strapazen endlich unterlag." (Schluß folgt.) Der Kampf in Breslau hat bereits zu einem Resultate geführt, auf das alle Bessergesinnten mit der freudigsten Erhebung blicken dürfen. Außer dem Herausgeber dieser Blätter sind noch 10 der gelehrtesten Rabbinen mit ihrm Gutachten über die ftaglichen Angelegenheit gehört worden, und Alle kommen darin überein, daß die Anklagen gegen Geiger aller Vernunft, wie der ganzen Entwickelungsgeschichte des Judenthumö widersprechen, daß die Thalmudisten selbst weit entfernt waren, ihre Satzungen und Auslegungen für göttliche Ueberlieferung auszugeben, und *) Der unfern Lesern wohlbekannte Zarphati (Terquiem in Paris). **) Der Vorname unseres Creizenach. daß es den späteren Relkgionslehrern vollkommen zustebe, von jenen abzuweichen. So hat denn das wahre, lebenskräftige Judenthum auf einmal eine öffentliche Vertretung in den angesehensten Lehrern der Gegenwart erhalten; so stehen diejenige», welche längst eine freiere Ansicht ausgesprochen, nicht mehr isolirt da, und es hat auch für unsere Religion die Zeit der wahren Reform, der lebendigen Fort- und Umbildung derselbm begonnen! Wir deuten dieses mit geziemendem Tanke gegen Herrn Tictin und Genossen einstweilen nur an, die spezielle Betrachtung uns für die nächste Zukunft vorbehaltend. Im Herzogthum Meiningen erschien vor einiger Zeit folgende Verordnung: «Im Namen rc. In den christlichen Lehranstalten des Herzogthums ist es zeither oft vorgekommen, daß sich die in dieselben aufgenommenen Schüler und Zöglinge am Sonnabend während des öffentlichen Unterrichts des Schreibens enthalten. Da jedoch eine solche Ausschließung von einer alle Schüler in gleicher Weise treffenden Verbindlichkeit für Lehrer und Schüler störend und mit den Grundsätzen einer konsequenten Schulordnung unvereinbar, für die Schiller selbst aber nachtheilig ist, und nach der sorgfältigsten Prüfung der entgegenstehenden religiösen Gründe und nach Vernehmung des provisorischen Landrabbinens die Ueberzeugung gewonnen wordm ist, daß jene Weigerung der israelitischen Schüler nur auf einer einseitigen Auslegung religiöser Satzungen beruhe, so haben Se. Herzogl. Durchlaucht, der Herzog, auf unfern Antrag durch höchstes Rescript vom 19. April d. I. gnädigst zu bestimmen geruht, daß israelitische Schüler in christlichen Lehranstalten vom Schreiben während des Unterrichts am Sonnabend nicht mehr dispensirt werden sollen. Indem wir diese höchste Bestimmung hierdurch zur Nachachachtung öffentlich bekannt machen, sprechen wir zugleich die zuversichtliche Erwartung aus, daß israelitische Eltern nach wie vor vorkommenden Falls ihre Kinder christlichen Lehranstalten übergeben und so dieselben nicht aus falschem Vorurtheil derjenigen Dortheile berauben werden, welche für eine zeitgemäße Ausbildung der Israeliten auf jenen Anstalten zu erlangen sind. Hildburghausen, den 27. Juli 1842. Herzogl. S. Consistorium. O. v. Bibra." Der Landrabbiner Hofmann, hierauf öffentlich aufgefordert, sich über die Gründe seines abgestatteten Gutachtens vernehmen zu lassen, that dieses, durch eine Mittheilung im Franks. Journal, welche folgendermaßen lautet: „(AuS Sachsen-Meiningen, im Nov.) In der ersten Beilage zu diesem Journal vom 1. d. M. Jfä, 301 wurde der Wunsch ausgesprochen, daß ich meine Ansicht darüber, weßhalb es israelitischen Schülern christlicher Lehranstalten erlaubt sei, am Sonnabend während der Lehrstunden zu schreiben, öffentlich darlegen möchte. Obgleich nun hier der Ort nicht ist, mich in theologische Erörterungen einlassen zu können, so will ich doch hier einen Hauptgrund angeben, besonders da er geeignet ist, mehr Licht über die jüdischen Angelegenheiten zu verbreite».