Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1842)
- Date
- 1842-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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196 führte, und wir hatten es daher für eine Pflicht gegen unsere Leser, ihnen das Bild, welches jener von dem Charakter, Plan und der Lehre Jesu entwirft, seinen Grundzügen nach mitzutheilen: „I. Jesus — beginnt der Verfasser — war rin Mann der Begeisterung. Dieses war die natürliche Wirkung des Studiums der heiligen Bücher der Juden. Von Kind auf hatte er die Geschichte und die prophetischen Schriften des Volkes aehört oder gelesen, welche vermöge der Heiligkeit des Kanons, ihres hohen Alters, ihrer Wundererzählungen, ihres Anspruchs auf göttliche Inspiration und ihrer großartigen Bildersprache einen tiefen Eindruck auf die Einbildungskraft zu machen geeignet waren. Ein vorherrschender Gemeinplatz dieser Bücher ist die allgemeine Vervollkommung und Beglückung der Wett in einem fernen Zeitalter. Zwar hat dieser Gegenstand von jeher das Interesse vieler Männer unter allen Völkern angesprochen, und ihre Einbildungskraft beschäftigt; aber in jenen Büchern war er mit andem Lieblingsiveen, in denen der Jude vorzugsweise lebte, verwoben, daß nämlich das auserwählte Volk zum Werkzeug Gottes bei Mittheilung der wahren Gottesverehrung an die Welt bestimmt sei." „H. Jesus war ein Mann der Bewegung. Er hoffte König der Juden zu werden, und das Reich Israels wieder aufzurichten. Dieß beweist seine Wehklage über Jerusalem (Matth. 23, 37.) „Wie oft habe ich wollen deine Kinder versammeln, und ihr habt nicht gewollt;" die Wahl der Zwölfzahl für seine Apostel, mit Hinsicht auf die zwölf Stamme, und der Zahl Sieben-' zig für die Jünger, welche als seine Herolde auszogen, mit Hinsicht auf die Zahl der Glieder des jüdischen Synedriums; ferner die Verheißung der zwölf Throne an die Jünger; endlich die Annahme der Namen Sohn Davids, Messias, König von Israel, und König der Juden." „HL Jesus war ein Reformator. Er trat den Dogmen der Schrifgelehrten und Pharisäer entgegen, verwarf ihre Auslegungen des Gesetzes und der Tradition, und appeüirte freimüthig an die natürliche und unabhängige Stimme der Vernunft. Er befreite Gemüth und Verstand von dem Druck bestehender Auctoritäten, und lehrte, daß die Religion in der innern Reinheit der Gesinnung und in der Sittlichkeit des Wandels bestehe, nicht in der Befolgung von Satzungen und Ceremonien." Doch wurde die Reformation des Judaismus nicht in der vollen Ausdehnung, in welcher sie die christliche Secte später durchführte, von Jesu selbst beabsichtigt, ja es ist fraglich, ob auch nur ins Bewußtsein aufgenommen. Er beobachtete das mosaische Ritualgesetz, fanctionirte es zu wiederholten Malen, und wir können nirgends finden, daß er die Beseitigung desselben gut geheißen. Das eigenthümliche Prinzip jedes Moralisten laßt sich vorzugsweise in der Auswahl der Pflichten, auf welche er das größte Gewicht legt, so wie der Motive auf welche er die moralische Verbindlichkeit gründet, erkennen. In dieser Hinsicht kommen die eigenthümlichen Seiten, nach denen sich die Lehre Jesu von andern Systemen unterscheidet, hauptsächlich auf folgende vier Punkte hinaus: Erstens. Geist der Frömmigkeit. Dreß ist der vorherrschende Zug im Christenthum. Es findet darin eine stetige Beziehung auf das höchste Wesen statt. Diese Geist.esrichtung war einer der eigenthümlichsten Charakterzüge der jüdischen Nation. Zweitens. Lehre von einem zukünftigen Leben. Diese Lehre hat unter den Juden seit der Zeit der Gefangenschaft allmälig Platz gegriffen, und zurZeitJesu wurde dieselbe von der ganzenNation außer den Sadducäern festgehalten. Sie war daher nicht ein Jesu eiaenthümliches Dogma. Zwar trat sie, wie natürlich, in den letzten Unterredungen Jesu mit seinen Anhängern besonders stark hervor; dennoch berührt er dieselbe auch hier nur, wie es die Gelegenheit mit sich bringt, und nur als einen, seinen Zuhörern wohlbekannten Glaubenssatz. „Drittens. Einschärfung der Tugend, der Demuth und Selbstverläugnung." „Doch auch hier kommt Jesu keineswegs das Verdienst der Originalität zu. Die Gesinnung der Demuth, welche er empfiehlt, wird auch im Alten Testament und in den rabbinischen Schriften mit beinahe gleich starken Ausdrücken eingeschärft." „Viertens. Eine andere Eigenthümlichkeit der Lehre Jesu ist die Vorschrift der unbedingten Liebe. „Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander übet." Dieß stimmt nicht mit dem Alten Testament zusammen. *) Wir haben daher den Grund der höheren Bedeutung, welche die Pflicht der Liebe im Christenthum einnimmt, nur in dem individuellen Charakter Jesu zu suchen." „Die sittlichen Motive, welche Jesus anerkennt, sind zweifach. — Das Streben nach höchst möglicher sittlicher Vollkommenheit und die Hoffnung, sich des Wohlgefallens der Gottheit zu versichern. In dem Gesetz war zeitliches Wohlergehn verheißen; die Pharisäer und Essener erwarteten unaussprechliche Entzückungen in einem künftigen Leben; und die letztere Erwartung wurde von Jesus sichtbar als Hauptreizmittel zur Tugend dargeboten." *) Wer sagt das dem verehelichen Verfasser? Ist ja das Gebot: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, wörtlich dem Judenthum entnommen. (3. Mos. 19, 18.) Vergl. hierüber Jahrgang II. M 31 dieser Blätter. Red.