Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1842)
- Date
- 1842-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ISS kreisenden Schwerdtes bewachten und 'versperrten ihm den Weg zum Baume des Lebens, damit es von dessen Früchten nicht essen und glücklich leben könne. Mit dem Schweiße seines Angesichts mußte das so verstoßene Völklein sein Brod gewinnen und verzehren und überall brachte der Boden ihm nur Dornen und Disteln hervor. Also schmachtend und trauernd irrte es viele Jahrhunderte umher, vertrieben von einem Orte zum andern, und konnte fast nirgends eine Ruhestätte finden; auch ward es hierdurch immer armer und ärmer an Geist, an Wissenschaft und Erkenntniß, desto reicher aber im, Gemüthe, im Glauben und Vertrauen auf seinen Gott,' dm Gott seiner Väter. — Und Gott erbarmte sich auch seines Volkes; er vernahm sein Seufzen und erhörte sein Flehen und erweckte aus seiner Mitte einen Mann, genannt Mosche, weil er aus dem Schlamme der Unwissenheit herausgezogen ward. Und es ruhete auf diesem Mosche, des Mendels Sohn, der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und Vernunft, der Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht, der Geist der Einsicht und der Stärke. So gerüstet -und ausgestattet eroberte er sich nach schwerem Kampfe den Eingang zum Baume der Erkenntniß; nahm von dessen Früchten und aß, gab davon auch seinen Brüdern und Schwestern und sie aßen. Und siehe da! bald gingen Allen die Augen auf, sie sahen und erkannten, daß sie nackr und leer von allem Wissen seien, und „gleich Männern, umgürteten sie ihre Lenden," um von nun an zu kämpfen gegen Unwissenheit und Aberglaube. Und wahrlich, sie erfochten auch den schönsten Sieg; durch sie verbreitete sich über ganz Israel Wissenschaft und Belehrung. Ein neues Lebe», voll der Frische und Begeisterung, begann zu blühen. Anstalten und Vereine, die besonders die Bildung der Jugend befördern sollten, wurden gegründet. Und hierdurch hoffte man auch am leichtesten den Eingang zum Baume des Lebens erobern zu können." „Ich lege — fährt der Verfasser fort — meiner Bettachtung zu Grunde folgenden schönen Kernspruch der Väter: p:p L" 5 13 && fiC2 }p:p2 tencn in 13 fK tm 1 V’SKff fcnn „Schaue nicht auf die Flasche, sondern auf das, was sie füllet; es giebt manche neue Flasche, die voll des Alten, und manche alte, die leer, sogar des Neuen ist." (Aboth. 4, 27.); und V. 13 des 54. Cap. des Jesaia, der also lautet: TO ufoff 311 mrp mo? T33 731 „Und alle deine Kinder werden Jünger des Herrn sein und groß ist der Friede unter deinen Kindern." Wenn es mir nun gelingen wird, euch, meine lieben Brüder und Schwestern! zu überzeugen, daß das neue Stteben und Wirken der Rabbinen der neuen Schule darauf gerichtet ist, ihre Pflegekinder 1) zu achtgläubigen Israeliten und somit auch zu Jüngern und Vertrauten des Herrn, und 2) zu wahren Staats- und Weltbürgern, so daß großer und allgemeiner Friede unter ihnen herrschen muß, zu erziehen: dann werdet ihr auch leicht einsehen und bekennen, daß.d^ese neue Flasche voll des Alten sei. .Fragen wir: Wodurch kann der Israelit zum ächtgläubigen, wahrhaft frommen Israeliten und somit zum Jünger und Vertrauten des Herrn erzogen werden? so erhalten wir nothwendig zur Antwort: a. durch einen gründlichen und geordneten Religionsunterricht der Jugend; b. durch einen zur Andacht nnd Erbauung stimmenden und Belehrung erteilenden Gottesdienst, und c. durch eine höhere religiöse Weihe, die den einzelnen Hauptmomenten im jüdischen Leben gegeben wird." Aus dem vielen Treffenden, was nun in den einzelnen Theilen hierüber gesagt wird, können wir jedoch bei den engen Grenzen unseres Blattes nur folgende Stellen hervorheben: ,,Diese wichtige und heilige Pflicht des Religionsunterrichtes erfüllten auch in früheren Zeiten treu und gewissenhaft unsere Vorfahren; sie scheueten kein Opfer, um ihre Kinder in der Religion unterrichten zu lassen, und diese wurden hierdurch wahrhafte ntr „Jünger und Vertraute des Herrn", weil sie, die Religion verstanden, in deren Geist eingedrungen, ihr Wesen erfaßt, über deren Wahrheiten Aufschluß geben konnten. — Es ist aber auch euch, meine lieben Freunde! nicht minder bekannt, welch' schlechte Gestalt der Religionsunterricht später, besonders in den letzten Jahrhunderten angenommen hat. Irre geleitet durch die falsche, buchstäbliche Auffassung des schönen Verses:?bb\ CDV 13 iTDI „und du sollst dich mit ihm (dem Gesetze) beschäftigen Tag und Nacht", machte man das bloße Studieren, das sogenannte Lernen des Gesetzes zum Hauptzweck und betrachtete es nicht als Mittel, um hierdurch Gott und seine Lehren zu erkennen ickd aufzufassen. Das bloße Ab lesen und Herplaudern irgend eines Abschnittes der Mischna oder eines Stückes aus der Gemara mit der üblichen Betonung, auch wenn jene nicht verstanden wurden, ward als großes Verdienst betrachtet, denn die Buchstaben galten für heilig und die Sprache, besonders der Mischna, war ja an sich schon heil- und glückbringend (7302)." „Der Hauptgrundsatz, der in der alten Synagoge in allen ihren Einrichtungen vorherrschend war, der der Freiheit nämlich in der Abstellung mancher schon vorhandenen, und in der Einführung neuer Formen, Gebräuche und Gebete, je nachdem die Zeitverhältnisse dieses erheischten — wodurch sie, die Synagoge, vor jedem starren Stillstand bewahrt wurde und in jugendlicher Frische sich stets verjüngen konnte — wurde dadurch, daß die früheren, ursprünglichen Gebete und Gebräuche durch die in den verschiedenen Zeiten und Verhältnissen neu hinzugekommnen bedeutend vermehrt und zuletzt diese alle als wesentliche, unverän-