Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-11-13 · Heft 46 (13.11.1842) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 46 (13.11.1842)
Date
1842-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566849--0480-2568129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

184 Geiste und in der Wahrheit verehren könne. Aber die beiden letzteren Ansichten drangen nicht in das Bewußtsein des Volkes ein, dasselbe ahnte gewissermassen, was ihm bevorstand, und wendete sich der.religiösen Anschauung zu, die ihm Innigkeit, Fanatismus des Glaubens verlieh, die es vor dem Abfall bewahrte, und in dem Besitze des Himmels die Güter der Erde verachten lernte, und das war die religiöse Anschauung des Pharisäismus. Mit dem Motto: bfrac” na ro^ na"pn nsn? "•msci min cn1? nmn •psb ' ttat derselbe in die Geschichte Israels ein, und das Program, welches er verkündete, umschloß folgende wenige, aber höchst erfolgreiche, Sätze: Der einige Gott Israels werde zwar einst von aller Welt anerkannt werden, aber er habe das Volk, welches er erkoren, auch ganz besonders begnadigt, habe ihm unendlich mehr Gesetze, als den übrigen Völkern zu seiner Beseligung gegeben. Die Abweichung von diesen Gesetzen habe seine Zerstreuung unter den Völkern, habe das nro verschuldet; wo es die wichtigsten der göttlichen Vorschriften, die der Opfer und andere gar nicht mehr ausüben könne; aber es werde zum väterlichen Erbe und hiemit zur vollen Uebung des göttlichen Gebotes zurückkehren, sobald es seinen Aufenthalt m der Fremde dazu anwende, wozu er von Gott bestimmt sei, zur völligen Verzichtung aus die äußeren Güter des Lebens und zur treuesten und gewissenhaftesten Befolgung der göttlichen Gesetze. In diesen Sätzen, so beschrankt sie auch waren, lag doch der Lebensnerv für die Erhaltung des Judenthums, nachdem es nicht mehr die Religion eines freien und selbstständigen Volkes war; sie waren gewissermassen die Rüstung, der eiserne Panzer, in welche es sein Genius hüllte, damit es den feindlichen Angriffen widerstehen konnte. Die abstrakte Idee von einem geistigen Gotte, der Tugend und Menschenliebe gebiete, und Israel erwählt, weil es zuerst dieser geistigen Verehrung sich zuwendete, hätte vielleicht einige Philosophen zu Märtyrern gemacht; aber auf das Volk hätte sie in den Jahrhunderten der Verfolgungen und Leiden keine Gewalt ausüben können. Wie hätte dieses auch an der Idee des reinen Menschenthums sich erheben können, da cs nur Fanatiker um sich sah, Völker, die mit blinder Glaubenswuth es verfolgten, weil es ihren Glauben nicht theilen, nicht zu dem „menschgewordenen" Gott beten konnte? Nein dem Fanatismus von außen mußte glühender, fanatischer Glaube von innen entgegengesetzt werden. Ueber die Ausschließung von allen edlen Gütern der Erde, ja über die unsäglichen Leiden, die auf ihr dem Sohne Israels fort und fort bereitet wurden, konnte dieser nur durch den ihm in jedem Moment veranschaulichten Besitz des Himmels, der Gnade seines Gattes und der Fülle von Seligkeit, die jenseits ihn erwartete, erhoben und getröstet werden. Daher jene unendliche Vervielfältigung des Ritualgesetzes, die fast jede Stunde des Tages dem Dienste des einigen Gottes durch Uebung einer der vorgeschriebenen Zeremonien weihte; daher die Beschäftigung mit der göttlichen Lehre (min “no^rO, als etwas, wozu der Laie gleich dem Religionslehrer verpflichtet war, die den heiligen Lebensberuf jedes Israeliten bildete; daher jenes ängstliche Festhalten an den kleinlichsten Satzungen und Vorschriften, daher jene Verachtung der Außenwelt, ja jede Verpönung alles dessen, was nicht zum nöthigsten Lebensbedürfniß gehörte, (NNN1ON TIN* r\rrb *6%0. Was sollte auch dem stets Gedrückten und Verfolgten die Außenwelt, was ging ihn die Erde an? Nur dem Himmel gehörte er an, nur für ihn sollte er hier im ni^ sich vorbereiten, nur seine Gnade wieder zu gewinnen streben, nicht sowohl durch reines edles Menschenthum, für welches ja kein Boden vorhanden war, dessen Idee bei der umschwirrenden Barbarei in der Brust des bedrängten Sohnes Israels gar nicht erwachen konnte, als vielmehr durch Studium und Uebung des zeremoniellen Gesetzes, durch msz:n rwin min mb. Also die Anerkennung der Herrschaft Gottes über das ganze Leben (cw hty n^np), die Weihe einer jeden Handlung undBewegung durch dieReligion, die unaufhörliche und ununterbrochene Uebung des göttlichen Gesetzes, das war die Aufgabe, das des Israeliten heiliges Lebensziel. In diesem Sinne wirkte die häusliche Erziehung, und kaum konnte das Kind lallen, so schwebte ihm schon das min UFO li^ ms auf den unschuldigen Lippen, ward es angehalten die Thorarolle zu Herzen und zu küssen. In diesem Sinne wirkten Lehrhäuser und Schulen, und che noch der Knabe das Nöthigste vom Leben und der Welt wußte, — was bot diese auch dem israelitischen Söhnlein dar? — hatte er schon mehrere Bände des Thalmuds im Kopf. In diesem Sinne wirkten Volkslehrer und Rabbinen; man thut ihnen Unrecht, wenn man ihnen vorwirft, daß sie selten predigten; sie lehrten und unterrichteten ja jede Stunde, da sie in dem, was der Lebensanschauung des damaligen Israeliten allein Religion war, im Ritualgesetz, fortwährend Belehrung ertheilten, ja das nicht minder schwierige Amt des Richters versahen, das ihnen die bürgerliche Gesellschaft, welche im Israeliten nur ein fremdes, tributbares Lastthier sah, gleichfalls überließ. In diesem Sinne gestaltete sich auch der Gottesdienst, er genügte dem gemüthlichen Bedürfnisse vollkommen, wenn er das aussprach, was die Vorstellung von dem Verhältniß der Israeliten zu seinem Gotte in sich faßte, wenn sich hierin auch Klagen über die Grausamkeit der Feinde und über ihre Verhöhnung des Gottes Israels mischten; von Würde, von schöner ansprechender Form der Gottesverehrung, konnte aber bei einer Religionsgemeinde, welcher man die liebe Erde, vielmehr die Welt des Schönen und der Kunst verschloß, nicht die Rede sein. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.