Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1842)
- Date
- 1842-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566802-2566848--0476-2568124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
der Gemeinbett Einsicht in die dringende Forderung der Zeit verbinden, und laßt nun den Di“. Liljenthal auf Staatskosten die von Juden bewohnten Distrikte bereisen, damit er den Boden ebne und aus eigner Anschauung der Regierung die zweckdienlichsten Mittel an die Hand gebe. Die Reform-Idee soll ganz allein vom Kaiser ausgegangen sein; aber sie wird mit Liebe vom Minister der Volksaufklärung verfolgt, der 5 Wochen lang persönlich mit Di-. Liljenthal die nöthigen Pläne und Entwürfe berieth. Sobald Letzterer seine Reise zurückgelegt, wird man zur Berufung der israelitischen Gelehrten und Schulmänner aus Deutschland schreitm. Auch in Lüneburg ist durch die Bemühung eines ausgezeichneten Israeliten, Hermann Calmsohn, ein Verein z« Stande gekommen, der die Verbreitung von Schriften, welche, über Juden und Judenthum richtige Begriffe vermitteln, unter christliche Gelehrte und Staatsmänner zum Zwecke .hat. Möchten alle große Gemeinden diesem Beispiele folgen. Unsere bessere Zukunft, beruht nur auf Verschwinden der Vorurtheile wider uns, und wir können ihr daher nicht besser dienen, als auf jenem Wege. Nicht sehr glänzend sind die Erfolge der Londoner Missionsgesellschaft zur Bekehrung der Juden. In den größten Gemeinden hat sie Nichts ausgerichtet. So in ^Jerusalem, Tunis, Smyrna, Beyrut, Krakau, Danzig, Berlin — mit zweimal wöchentlicher Predigt — Breslau, Frankfurt a. M. u. a. Die besten Geschäfte machte sie noch auf der Station Königsberg, wohin viele Juden aus entfernten Provinzen Rußlands kommen; aber auch dort betrug — einschließlich sämmtlicher Taufen in Ost- und Westpreußen — die Anzahl der Bekehrten nur 26. Und doch betrug die Einnahme im verflossenen Jahre 166,700 Thaler und wurden eine Masse von Missionären nach allen Enden hin ausgesendet. Traurig sieht es noch mit dem religiösen Fortschritt in England aus. Die Fragen, welche die deutschen Rabbinen und Prediger beschäftigen, ahnt man dort kaum, und über die unbedeutendsten rituellen Formen wird ein Lärmen gemacht, als solle die Welt untergehen. Hingegen schreitet in Frankreich die Sache auf der Bahn der religiös-sittlichen Veredlung immer weiter. Aus seiner Inspektionsreise legte der Oberrabbine von Straßburg seinen Pflegbefohlenen die Betreibung bürgerlicher Gewerbe, und die Unterstützung der in voller Blüthe befindlichen Arbeitsschule in Straßburg dringend ans Herz, und in letzter Stadt ertönten bei der Trauerfeierlichkeit für den Herzog von Orleans die harmonischen Töne der Orgel und brachten den tiefsten Eindruck hervor. Aber auf der ersten Stufenleiter bleibt doch Deutschland. Es sendet das Licht der Aufklärung auch nach den dunkelsten Gegenden, und läßt das Bedürfniß gottesdienstlicher Umbildung überall erwachen und sich geltend machen. So ward kürzlich in Stolpe (Pommern) durch den Rabbinen Klein die feierliche Confirmation der weiblichen Jugend eingeführt und mit tiefer Rührung ausgenommen. Schließlich gedenken wir aber noch mit verdienter Anerkennung der Großherzogl. Wcimarschen Negierung. Sie hat kürzlich einen neuen Beweis von der Freigebigkeit, mit welcher sie die jüdische Cultus- und Schül-Anstalten unterstützt, gegeben, indem sie zum Aufbau einer Synagoge und Schule in Aschenhausen, einen Beitrag von 400 Thalern verwilligte. Die israelitische« Deputirte« (in der französischen Kammer) Cerfberr, Cremieux u. Fould. Unter diesem Titel enthält das Juli-Heft der Archiv«,; . raelites (das einzige jüdische Journal in Frankreich) folgende Schilderung: „Das Vaterland sängt an sich von der durch die Wahlen verursachten Bewegung wieder zu erholen; die Partheien zählen ihre Todten, trösten ihre Verwundeten, und feiern den Triumph ihrer Sieger. Alsobald hängen wir einen Trauerflor um das Wahl-Scrutin, welches sich in eine schwarze Kugel für Herrn B. Fould verwandelte, der allein die Israeliten in den letzten gesetzgebenden Versammlungen vertrat und den die Wähler von Saint - Quentin nicht wieder in die neue Kammer geschickt haben. Herr Benoit Fould, ein scharfer Geist und ein ausgezeichneter Finanzmann, schien zu einem hohen politischen Berufe bestimmt, und schon hatten seine Collegen, seine Weisheit gewahrend, bei der letzten Sitzung ihn zum Mitglied der Adreß-Commission ernannt; unglücklicherweise hat er etwas Steifes in seinem Charakter, welches ihm endlich das Wohlwollen feines Colleges entziehen mußte. Diese Wahl-Niederlage wird mit großer Resignation von den Jsraelityr ertragen werden, welche gewünscht harten, bei der Angelegenheit von Damaskus und der Festsetzung des Voranschlags des hebräischen CultuS in Herrn Fould etwas von dem Feuer zu finden, welches er bei der Vertheidigung der Interessen der Eisenbahn des linken Ufers gezeigt hatte. Gleichwohl läßt seine parlamentarische Existenz die Erinnerung eines schön bewegten Redners zurück; man merke nur unter welchen Umständen: man diskutirte in der Kammer daS Gesetz über die Arbeit der Kinder, und Herr Portalis hat eben für die jungen israelitischen Arbeiter das Recht, sich am Samstag zu erholen, und den Sonntag zu arbeiten, in Anspruch genommen; als Herr Fould die Tribüne besteigt und im Namen derer, welche sich zu der Religion, „der er anzugehören die Ehre habe" bekennen, erklärt, daß sie bereit seien, die Ruhe des SabbathS auf dem Altäre des Vaterlandes zu opfern. Seit jenem berühmten Tage wo die Rochefoucault alle ihre Adclstitel auf die Tribüne der National - Versammlung niedergelegt, hat man keine schönere Probe bürgerlicher Hingebung gesehen; auch Herrn Fould wurden die Huldigungen der Sitzung zu Theil. Aber als dieser schöne Zug auf der Börse bekannt ward, so behaupteten einige böse Zungen, Herr Fould habe, was ihn persönlich beträfe, durch die Aufopferung der Sabbathsruhe den BrUkus sehr wohlseil gemacht.'. . . Man sagt in der politischen Welt, Herr Fould würde wol in Kurzem zur Würde eines Pairs erhoben werden; er verdient in jeder Hinsicht die Ehre von Luxem