Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1842)
- Date
- 1842-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566802-2566839--0431-2568070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
145 meinde-Ordnung die Rede) gereicht es der Stein-Hardenbergschen Epoche zum unvergänglichen Ruhme, daß sie den Druck der Juden gemildert, und dieselben zu Staatsbürgern erhoben hat. Doch wurde die Emancipation nicht so weit ausgedehnt, wie es Gründe der Humanität und einer wohlverstandenen Politik in letzter Instanz fordern. Die Juden blieben von allen Staatsämtern ausgeschlossen. Auch wurde sogar später die Einräumung der bürgerlichen Rechte auf die alten Provinzen der Monarchie beschränkt. Ein neues Juden-Gesctz ist eine Forderung, die nicht lange mehr unberücksichtigt bleiben kann. Freilich dürste dasselbe nicht in dem Sinne des Entwurfs abgefaßt sein, den die Zeitungen vor einiger Zeit mitgethcilt haben. Es könnte nur dann befriedigend sein, wenn es aus dem liberalsten Sinne hervorginge und alle Fesseln sprengte, die noch auf ihnen lasten: mit einem Worte, die Juden müßten den Christen in jeder Beziehung gleichgestellt werden. Wie sollte auch der Unterschied der Religion eine bürgerliche und politische Beschränkung begründen? Die Juden haben hinlänglich gezeigt, daß sie die Idee des Staates, dem sie angehören, in sich ausgenommen haben, und daß sie die Religion nicht den Bürgerpflichten entfremdet. Ihr heißester Wunsch ist es, statt preußischer Juden jüdische Preußen zu sein. Und warum wollte es der Staat verschmähen, sich eine so zahlreiche Klasse der Bevölkerung vollständig zu incorporiren? Die Juden werden und können nur so lange ihre Besonderheit feschalten, als der Staat noch Barrieren zwischen ihnen und ihren christlichen Mitbürgern bestehen läßt. In Frankreich ist die vollständige Gleichstellung längst erfolgt, und dieselbe hat nur heilsame Folgen gehabt. Schämen wir uns nicht, Frankreich in dem nachzuahmen, was cs Gutes hat." Die Aeltesten und Vorsteher der Berliner Judenschast machen in den Berlinischen Nachrichten Folgendes bekannt: „In einem in Nr. 195 der Allgem. Preuß. Staatszeitung aufgenommenen Artikel ist davon die Rede, daß „in Folge amtlich beglaubigter Angaben unter der gleichen Anzahl christlicher und jüdischer Bewohner desselben Staats durchschnittlich gleichzeitig beträchtlich mehr von diesen, als von jenen, wegen Verbrechen und Vergehen in Untersuchung gcrathcn. Diese Thatsache selbst, heißt eS dort weiter, ist außer Zweifel." Da wir schon vor einiger Zeit in Erfahrung gebracht hatten, daß das genannte ungünstige Verhältniß als unzweifelhaft beglaubigt angenommen werde, so erschien es unS als dringende, unabweisliche Pflicht, uns mit den Materialien bekannt zu machen, die jener Behauptung zu Grunde liegen. Wir fanden, daß die angebliche Thatsache keineswegs feststehe, daß sie vielmehr, abgesehen von den, auch in der Staatszeitung angeführten, Erklärungsgründen, aus einer irrthümlichen Zusammenstellung und Beurtheilung amtlicher Zahlen hervorgcgangen sei. Dieses Ergebniß haben wir uns erlaubt, ©r. Exz. dem Justizminister Hrn. Mühler, und Sr. Exc. dem Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, Hrn. Eichhorn, vorzulcgcn und haben von Sr. Exc. dem Hrn. Justizminister das nachfolgende hohe Rescript erhalten: „„Die von Ihnen unterm 8. d. M, eingereichte Abschrift Ihres an den Herrn Minister der geistlichen Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten gerichteten Schreibens nebst einer Denkschrift, betreffend die Behauptung, daß die Juden an den im preußischen Staate begangenen Verbrechen einen verhältnißmäßig größern Ankheil haben, als der übrige Theil der Bevölkerung, habe ich empfangen und aus dem Inhalt der Denkschrift entnommen, daß Ihre Erklärungen der anscheinend überwiegenden Bctheiligung der Juden bei den vorgekommenen Verbrechen größtentheilS mit den Ergebnißen übcreinstimmen, welche die über diesen Gegenstand durch die Justizbehörden angestellten Prüfungen geliefert haben. Berlin, 10. Juli 1842. (gez.) Wühler."" Wir halten uns verpflichtet, dieses wichtige Tocument zur Widerlegung irriger Meinungen der Oeffentlichkeit zu übergeben." In die Französische Deputirtcnkammer sind von Neuem zwei Israeliten, die Herren Cremieux und Cersberr gewählt worden, so daß jetzt mit Achilles Fould, Bruder des abgetretenen Benoit Fould, drei Bekenner des mosaischen Glaubens in den Reihen der Volksvertreter sich befinden. Rachek. Romantisches Gedicht «. St. Frankl. (Wien 1842.) Wer hätte noch nicht von dem beliebten Oesterreichischen Dichter Frankl (mosaischen Glaubens) gehört? Haben ja die von ihm herausgegebenen „Sonntagsblätter" eine freudige Bewegung in der periodischen Literatur hervorgebracht, wie kaum ein Journal in der neueren Zeit. Frankl ist eine tiefe poetische Natur, dem die Welt der Poesie sich erschließt, wie selten Einem, und die das, was sie erschaut, auf die sinnigste, lieblichste Weise wieder gibt. In dem fraglichen Gedichre ist die talmudische Sage von dem Anferstehen Rachels aus ihrem Grabe, so oft ihren Kindern ein Leid widerfährt, so wahrhaft poetisch ausgefaßt, und mü so viel Innigkeit und Zartheit bei mehreren Situationen durchgeführt, daß wir nur rufen können: „Kommt her, ihr Alle, die ihr empfänglich seid für die göttlichen Laute der Poesie, und leset, was sie euch da bietet und erhebt euch auf ihren Schwingen in eine schönere verklärte Welt!" Hier zur Probe das letzte Gedicht; Die Taube hat ihr Nest, Ser Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimatd, Juda nur die Gruft! Byron, nach Hilschers Ucdcrseirung. EinS kann nicht der Mensch verschmerzen. Eine Sehnsucht bleibt zurück; Nach dem lieben Muttcrherzcn, Nach der Heimath stillem Glück. Wehe wer verbannt von Leiden Einsam, loSgcriffcn irrt, Wer sich muß von ihnen scheiden. Wem die bange Trennung wird.