Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1842)
- Date
- 1842-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13? Gemeinde-Ausgaben decken? Eine Privatgesellschaft, z. B. eine gesellschaftliche Ressource, löst sich auf, wenn ihre Mitglieder nicht zahlen wollen: kann eine Kirchengemeinde sich auflösen? was würde dann aus den Synagogen, aus den Schulen aus dem Begräbnißplatze! — In diesem Augenblicke befindet sich die Breslauer Gemeinde in einer solchen Lage. Ein durch Umstände sehr ernster Art nöthig gewordener und als Beweis gewissenhafter Pflichterfüllung nur zu lobender Beschluß des Vorstandes dieser Gemeinde hat eine Anzahl von Gemeinde-Mitgliedern, die sich mit diesem Beschlüsse nicht einverstanden erklären, zu dem, wie sie glauben, wirksamsten Mittel greifen lassen: sie verweigern ihre Gemeinde- Beitrage. Da zum Nichtzahlen sich leicht Theilnehmer finden, so ist in wenigen Tagen die Zahl dieser Renitenten, die den Vorstand durch Verweigerung der Beitrage zur Zurücknahme seines Beschlusses zwingen wollen, zu einer bedeutenden Höhe herangewachsen. Nun hat die Breslauer Gemeinde alljährlich eine Ausgabenlaft von mehr als 12,000 Thalern zu tragen: wie soll der Vorstand, von der Vorgesetzten Behörde auf keine Weise geschützt, in dieser Calamität verfahren? soll er, um zu den nöthigen Beiträgen zu gelangen, seinen zum Schutz der Statuten und der Rechte Dritter einstimmig gefaßten Beschluß fallen lassen? oder soll er den Beschluß aufrecht erhalten, selbst auf die Gefahr einer nahen Finanznoth? Obgleich vorauszusehen ist, daß der Vorstand das Letztere wählen wird, so ist doch nicht zu verkennen, daß er dies nicht ohne Besorgniß thun kann. (Schluß folgt.) Setchichte des Tages. Ein wahrhaftes Wort zur rechten Zeit hat Dr. Frankfurter, Prediger am israelitischen Tempel in Hamburg*) den Männern des Stillstandes zugerufen; er sagt ihnen: „So wie Ihr Euch darüber nicht mehr täuschen könnt, daß das Judenthum in einer bedeutungsvollen Bewegung sich befindet, daß es vor einer gewichtigen Zukunft steht; sowie Ihr nicht mehr Euerer Aufgabe genügt zu haben glauben könnt, wenn Ihr klaget und seufzet, inzwischen unterlasset die Hände zu regen, in die Zeit mit einzugreifen, und, mit Gott, eine schöne Zukunft für Juden und Judenthum herbeizuführen; so wie Ihr erkennen müsset, daß die Zeit und die Kraft der Bannstrahlen sich, Gottlob! überlebt hat, und man auch in unserer Mitte derer spottet, die anstatt zu belehren und zu überzeugen, den Glauben gefangen nehmen, die Gedanken in Fesseln schlagen, Ansichten unter Auctoritäten zwingen wollen; so wie Ihr den Niß in unserer Mitte sehen, und das Streben ihn auszusüllen erkennen müsset; wie Ihr aber in jedem Streben einen Abfall, in jeder Rede, *) In seiner sehr lesenswerthen Schn'ft: „Stillstand und Fort schritt". (Hamburg bei Berendsohn.) die offen von der Wunde erzählt, an der Israel blutet, nur die Rede und die Warnung Irrgläubiger und Ungläubiger höret; wie Ihr einen frisch blühenden, gesunden Theil des Ganzen, mit junger Kraft in dem alten Glauben sich freuend, als einen unnatürlichen Auswuchs bezeichnet und hiemit so oft das Gute — bös, das Licht — Nacht nennet: — o, habt auch einmal einen Blick für euch selbst, ein Urtheil über Euch selbst. Eure Stellung in der Zeit, zu dem Glauben, zu den Glaubensbrüdern! — Ihr könnt uns vorwerfcn, daß bei den Männern des Fortschrittes und in dem Streben nach dem Fortschritte nicht Alles sei, wie es sollte. Aber dürft Ihr darum das Bessere, das der Fortschritt schuf, übersehen? ist damit Eure blinde Berurtheilung auch des Bessern gerechtfertigt? — ist damit auch Eure müsst ge Ruhe in der heißen Zeit entschuldigt, ist damit auch das Nichtsehenwollen des Verfalles der Synagogen, des völligen Heraustretens auö allemj kirchlichen Verbände, der Theilnahmlosigkeit an Israels Wohl und Wehe begründet, erlaubt?? Genügt Euch, der Menge und nur der Menge zu gefallen, indem ihr sie den gewohnten Weg, auch wenn es ein heilloser ist, gehen lasset, indem Ihr nicht nur die Augen ihnen nicht öffnet, sondern das Licht ihnen raubet, und, damit sie, bei Eurem Stillstände, nicht Euch zuvorkommen, sie rückwärts zu führen suchet? Lebt ihr nur in der Vergangenheit, und hört ihr nicht den lauten Ruf der Gegenwart, und zittert Ihr nicht vor den Vorwürfen der Zukunft? — Unsre Gotteshäuser verfallen: Was thut Ihr dafür, sie zu stützen? und die sie Besuchenden zu erfüllen mit Liebe zu Gott und seiner Lehre? — Die Heerde ist zerstreut: — Was thut Ihr, sie zu sammeln? Welches ist die Fahne, die Ihr ihnen vorantraget, wo der blühende Stab, an dem sie erkennen sollen, daß Gott Euch gewählt? — Um Andere verurtheilen zu dürfen, muß man von jeglichem Vorwurfe rein sein; um Andere Verirrte nennen zu dürfen, muß man selbst im Lichte wandeln; um die Zeit anklagen zu dürfen, muß man an ihr selbst kein schreiendes Unrecht begangen haben; um Andere des Niederreißens zu zeihen, muß man auf Das zeigen können, was mau selbst erbauet, errichtet, hergestellt hat!! — Wo nun sind die Werke, die für Euch zeugen sollen und wider uns? Wo?" Doppelt betrübend ist es, wenn von der sonst so erleuchteten Badischen Ständeversammlung Folgendes berichtet wird: „Ter Abgeordnete Züllig las den Commissionsbericht über die Emanzipation der Israeliten. Es ist die Sache durch 45 Mitglieder jener Bekenner aus Mannheim neu angeregt, welche Gleichstellung oder mindestens Modifikation zweier ihnen entgegenstehenden Gesetze begehrten. Der CvmmissionSbcricht setzte in fast anderthalbstündigem Vortrage auseinander, baß man fern von Unduldsamkeit und Dorurtheil sei, es aber zu bedenken wäre, daß sich die Israeliten, welche die alten talmudischcn oder Rabbincn - Gesetze streng befolgten, selbst außer Stand brächten, die Gleichheit annehmen zu können, da ne sich körperlich durch ein Zei-