Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1842)
- Date
- 1842-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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unsicheres Dasein haben mußte. Dadurch spricht aber die Schrift Geigers ein noch viel höheres Interesse als der Hamburger Tempelstreit selbst an, weßhalb wir nicht unterlaßen können, unseren Lesern das wichtigste aus der derselben vorzuführen: „Nachdem der Verfasser treffend nachgewiesen, wie die ausgesprochenen Ansichten des Herrn Bernays im biblischen Orient seinem Verdammungsurtheile über das Hamburger Gebetbuch auf das grellste widersprechen, — iso stellt z. B. Bernays dort den Opfer - Cultus als einen solchen dar, der, zwar gegen die Begriffe eines Volkes, das wahrend seines Aufenthalts im heidnischen Lande manchmal seiner Ursitte und Glauben zum Trotze, lüstern nach Opfern und Processionen hinschielte, nicht anstoßend, doch von solch' einfacher Natur war, daß er, was man bisher den vielen erzeigte, jetzt mit Vernichtung dieser auf den einen beschränkte. — Die Männer der großen Synode (r^nn HC22 MX) sind ihm diejenigen, welche daran arbeiteten, das Seil der Liebe, woran der Herr sein Volk aus Egypten nach Canaan leitete, zu einem knotigen Strick umzuflechten, der es an dem canaanitischen Boden isolirt, fest und unablösbar knüpfen sollte; und der Pharisäismus und Rabbinismus gelten ihm als das System, welches aus der Ansicht, Menschensatzungcn in das Göttliche bineinzuschwärzen, entsprungen ist), — geht er auf die geschichtliche Darstellung des Gebetes über und stellt dar, wie dasselbe, seine Formen, ja der ganze Gottesdienst sich allmählig mit den Ansichten der Zeit gebildet und umgciialtet, und in seiner Abhängigkeit von den die Zeit belebenden Ueberzeugungcn auch mit ihnen in neue entsprechende Formen eintreten müsse." „Der Gottesdienst der Bibel ist nicht das gemeinschaftliche Geber; als adäquates Zeichen für die Verehrung Gottes betrachtete das Aiterthum die Opfer, und für die verschiedenen Lagen des Lebens waren verschiedene Opfer angeordnet. Daß das überschwellende Herz des Einzeln n seinen Ausdruck in Lobpreisung, Dank, B'tte, Klage und Reue und dergl. nach individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten finde, ist in der Natur des Menschen begründet und die Bibel bietet uns, namentlich in den Psalmen die herrlichsten Gebete dar. Wahrend des zweiten'Tempels trat der Gottesdienst in einer neuen Form auf, welche dem damaligen Leben mehr entsprach. Zunächst lag das Bedürfniß vor, dem Volke, den ihm fremd gewordenen Eodex, den Pentateuch, wieder nahe zu bringen, und die Gelegenheit größerer öffentlicher Versammlungen wurde dazu benutzt, dem Volke aus dem Pentateuche vorzulcsen und die Stellen in dem üblichen Dialekt zu übertrag n. — Das in den Syrerkriegen erwachte stärkere Bewußtsein der selbstständigen Volksthümlichkeit, wie der Verschiedenheit im Gottesglauben von den sie umgebenden Völkern, ingleichen die Erfahrung wie sehr es eines höheren Schutzes vor überlegenen Feinden bedarf, stellte als religiöses Bedürfniß der damaligen Juden folgende Momente heraus: das eifrige Bekenntniß von. der Einheit Gottes; die Erinnerung an den Auszug aus Egypten, und die Bitte zu Gott um Schub und Beistand in den Gefahren. Für die beiden ersten Gegenstände fanden sich Bibelabschnitte, welche sic aussprachen 'S , VW DK nm VW), an welche man ähnliche Betrachtungen, wie *rx "121' u. a. reihete. Das dritte Momenr, das Gebet im engeren Sinne des Wortes (r6sn) blieb Anfangs den Bedürfnißen des Augenblicks und des Individuums überlaßen, bis es sich allmählig zu einer größeren Bestimmtheit heranbildete. Im ersten Jahrhunderte der jetzt üblichen Zeitrechnung ward es endlich zu einem Ganzen von achtzehn Sprüchen (v&) an den Wochentagen und sieben an den Sabbath und Festtagen; zu welchem allmählig noch andere Bereicherungen kamen." „Jndeß mußten die blutigen Verfolgungen im Mittelalter, wie die reichere Detailentwickelung religiöser Anschauungen, Vorschriften und Sagen im Mittelalter für die Liturgie dieser Zeit thätig sein, und eine Masse neuer Gebetstückc zunächst von dem halb lehrenden und predi. genden Vorbeter vorgetragen, drang bereichernd ein. Ursprünglich als ermunternde Anrede an das Volk, als Reizmittel, kleideten sich diese Stücke in die Form der Poesie und so kam in die, auch schon früher reiche Liturgie ein ganz neues Moment, ein streng poetisches, und die Stücke erhielten auch den Namen Piutim. So viel verkehrtes, nach Inhalt und Form, dieselben nun auch enthalten, so sind sie doch als ein Fortschritt zu bezeichnen, weil sie der freien zeitgemäßen Entwickelung das Recht der Aeußerung beim Gottesdienste einräumten. Allein das flüssige, zeitgemäße Moment, welches die Piutim darstellten, konnte sich nur dann a's solches behaupten, wenn die einzelnen Producte, mit neueren, welche die Anschauungen einer späteren Zeit darstellten, vertauscht wurden, nrcht aber, wenn, wohin es überall kam, dieselben fest stehen blieben." „Die Aufklärungsepoche war nun eingetreten und die Juden Deutschlands blieben nicht unberührt von ihr. Das Positive verlor allen Werth in dieser Richtung, das Rein-Menschliche sollte Geltung erhalten; diese zwei Potenzen des Positiven und des Reinmenschlichen, des Vernünftigen klafften weit auseinander, und die verhöhnende Einsicht, daß das Positive eigentlich nichts Anderes als der zeitliche Ausdruck des damals als reinmcnschlich und vernünftig Anerkannten sei, und der gegenwärtige Ausdruck des jetzt als solches betrachteten wiederum ein Positives sei, daß daher in der ununterbrochenen und freien geschichtlichen Fortbewegung, eine richtige Vermittelung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wie Zukunft liege, konnte bei der Erstarrung des Positiven, bei dem erschreckenden Anblicke von der fast unausfüllbaren Kluft zwischen dem Bestehenden und den Anforderungen der neuen Anschauung nur leise gefühlt werden. Der Gottesdienst, als der gemeinschaftliche Ausdruck einer bestimmten religiösen Ueberzeugung, konnte um so weniger rasch eine verbeßcrte Gestalt er-