Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1842)
- Date
- 1842-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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121 Ende die entschiedene Tendenz, die erwähnten Gesetz-Ideen als zeitgemäß, für Juden und Christen gleich heilsam darzustellen. „Die sittliche Stellung der Judenschaft hängt wesentlich davon ab, daß es ihr möglich bleibt, eigene Anstalten für den Elementarunterricht und für die Verpflegung der Armen und Kranken zu unterhalten. Das vermögen aber nur zahlreiche und wohlhabende Judengcmeinden." Hiemit soll offenbar die Bildung gesonderter Judenkorporationen als nothwcndig dargestellt, werden. Fragt man aber, welchen Umständen die in neuester Zeit immer zunehmende Verbrüderung zwischen Christen und Juden zugcschriebcn werden muß,, so ist der einzige Grund dieser erfreulichen Erscheinung die gemeinsame Bildung. Gerade weil in den Schulen von Jugend aus jüdische und christliche Kinder einander nahe gerückt werden, weil sie hier einschen lernen, daß ihre verschiedenen Glaubcnsdogmen kein Hinderniß freundlicher Verhältnisse sind, daß es keine gesonderte jüdische, sondern nur eine gemeinsame deutsche Bildung in unserm Laterlande giebt, daß Juden und Christen gleich tief von dieser Bildung durchdrungen werden, und später in Wissenschaft und Kunst dieselben Ideale verfolgen, nur hierdurch sind jene traurigen Borurtheile gegen die Juden großentheilS zum Falle gebracht, und nur durch das Beibehaltrn gemeinsamer Bildungsanstalten läßt sich ein solches, unseren aufgeklärten Begriffen angemessenes Berhältniß für die Zukunft sichern. Der Religionsunterricht ist in unseren Schulanstalten durchaus kein so vorwiegendes Element, daß nicht Anhänger verschiedener Religionspartcicn in derselben Anstalt vereint sein könnten. Obgleich der jüdische Schüler in der Schule nicht gezwungen wird, am christlichen Religionsunterrichte Theil zu nehmen, so ist das Bedürfniß, sich mit den Lehren der christlichen Religion bekannt zu machen, für den gebildeten Juden so dringend, daß oft selbst strenggläubige Juden freiwillig an diesem Unterrichte Theil nehmen-. Worin liegt also die Nothwendigkeit besonderer jüdischer Unterrichtsanstalten? — „Keine weise Regierung", heißt cs in jenem Aufsatze weiter, „könnte Anstand finden, eine Gleichstellung der Juden und Christen unbedingt auözuspreck'cn, wenn hierdurch wirklich die kräftigste Entwickelung derselben gesichert, und wenn nicht die Juden durch ihre Religion selbst genvthigi wären, eine besondere Nationalität zu bewahren." Man hätte statt dessen sagen soll-.n: Keine weise Regierung kann Anstand finden, unter Umständen wie die unserigcn eine Gleichstellung der Juden und Christen unbedingt auszusprechen! Denn wer kann nach den Befreiungskriegen noch von einer besonderen Nationalität der Juden sprechen? Würden die Juden mit allgeintiner Begeisterung für die deutsche Nationalität die Waffen ergriffen haben, wenn diese ihnen eine fremde, der ihrigen widersprechende gewesen wäre? Auch in diesem Aufsätze dient übrigens das alte Sprüchclchen von der Abneigung oder Unfähigkeit der Juden zum Handwerke und zu körvcrli'cbcn Arbeiten als kräftiges Argument gegen eine Gleichstellung derselben mit den Christen; nur ist dieser alte, abgenutzte Satz etwas modernisirt. „Arbeitsscheu und Mangel an Ausdauer", sagt der Verfasser, „ist freilich nicht der Grund jener Abneigung, sondern die jüdischen RcligionSgesetze. An den christlichen Sonn- und Festtagen, die säst \ Jahres Msmg« chen, dürfen die Juden natürlich ihre bürgerlichen Geschäft, nicht betreiben, ihre eigenen Sabbathe und Festtage, fast wieder ' des Jahres, müssen ne auch feiern; sie verlieren also fast; des Jahres, und können sich natürlich Handwerken und anderen Berufsarten nicht zuwenden, welche fortwährende körperliche Arbeiten erfordern." Daß dieser Ucbelstand den Juden beim Handel, von dem sie sich doch sicherlich nicht haben zurückhalten lassen, ebenso hinderlich sein muß, als bei anderen Geschäften, übersieht der Verfasser, und zieht hieraus den Schluß, daß, sobald die Verfassung es gestattete, die Juden sich besonders den höheren Regionen des Staatslebens zudrängen würden, wo sie durch diese und andere Ritualgesetze weniger genirt wären. Fast unserer Aerzte bestehen aus Juden, während von der Gesammtzahl unserer Bevölkerung die Juden nur y'7 ausmachten; würde nun auch noch die juristische und kameralistischc Laufbahn ihnen eröffnet, io würde auch bald f unserer Justiz- und Regierungsbeamlen aus Juden bestehen. „Tie Bitterkeit, welche dieses Andrkngcn schon jetzt kenntlich genug erzeugt, steigerte sich dann unvermeidlich zu solchem Umfange und zu solcher Kraft, daß die Macht der öffcntt lichen Meinung die Judenschast weit empfindlicher treffen würde, als die gesetzlichen Beschränkungen, welche die Regierungen jetzt noch bestehen ließen." Der Herr Verfasser scheint vergessen zu haben, daß er von „der großen Zahl derjenigen Juden, die gleicb den großen Dolksmassen überhaupt wenig Anlagen und Mittel zur höheren Ausbildung besitzen", nur kurz vorher gesprochen hat; diese große Zahl würde doch gewiß nicht durch starkes Andringen nach den höheren Sphären Bitterkeit erregen. Der Hr. Verfasser sagt ferner selbst: „bisher gewährte fast nur das Studium der Arzneikundc Aussicht auf hinlänglichen Erwerb für diejenigen Juden, welche sich der Wissenschaft widmen wollten." Sollte hierin nicht die natürlichste Erklärung des unverhälrnißmäßigen Anbringens der Juden zur ärztlichen Praris und zugleich hinlängliche Bürgschaft liegen, daß sie bei Eröffnung aller wissenschaftlichen Laufbahnen sich nicht in gleicher Stärke zu allen wie jetzt zur ärztlichen Praxis drängen, daß sie sich vielmehr in kleineren Zahlen über alle diese Gebiete verbreiten würden? Die beste Widerlegung der ganzen Argumentation des besprochenen Aufsatzes ist aber in einer noch einfacheren Frage enthalten, in einer Frage, deren Beantwortung man von der SraatSzeitung bei ihrer besonderen Vorliebe für Statistik vielleicht nächstens erhalten wird: Hat sich in Frankreich und in allen Ländern, in welchen die Juden den Christen völlig gleichgestellt sind, ein unverhältuißmäßiges Andringen der ersteren gegen die mittleren und höheren Klaffen der bürgerlichen Gesellschaft herausgestellt, und ist hierdurch eine besoneore Bitterkeit gegen sie in der öffentlichen Meinung erzeugt worden? Bis jetzt haben die Zeitungen noch nichts der Art gemeldet." Desgleichen wird demselben Blatt aus Berlin geschrieben: Nachdem die „Staatszcirung" vor einiger Zeit mit prätentiöser Altklugbcit die Behauptung ausgestellt, daß die Statistik das einzige Rettungsmittel für die inländische Presse sei, hat sie unS jetzt in der „Uebcrsicht der Anzahl und Bcrtheilung der Juden im preußischen Staate u. s. w." eine kostbare Probe dieser statistischen Weisheit gebracht. Hier heißt es wirklich: an ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, 3n der That, mit Zahlen läßt